"Wir müssen unsere eigenen Positionen hinterfragen"

Jan-Christoph Gockel inszeniert Heinrich Manns "Der Untertan" in Dresden und beschäftigt sich dafür auch mit dem neuen Nationalismus

Regisseur Jan-Christoph Gockel

In einer Zeit, in der Tausende Rechte wieder ungestraft durch die Straßen ziehen, bringt das Staatsschauspiel Dresden Heinrich Manns "Der Untertan" auf die Bühne. Vor der Premiere am Freitag hat Gabriele Fleischer Regisseur Jan-Christoph Gockel befragt.

Freie Presse: Was reizt Sie am Roman "Der Untertan"?

Jan-Christoph Gockel: Der Roman von Heinrich Mann erlebt momentan eine Renaissance. Den "Untertan" hatte ich schon lange auf dem Tisch. Jetzt war der richtige Moment und der richtige Ort dafür, weil in einem spezifischen Kontext ein Stück anders gesehen wird. Der Roman ist ein Weltroman, aber auch ein Theaterroman. Heinrich Mann war ein Theaternarr, das Buch ist voller Theaterszenen, Metaphern, Anspielungen auf das Schauspiel, die Frage nach Maske und wahrem Gesicht, das alles spielt im "Untertan" eine wichtige Rolle - und bietet sich für eine Inszenierung auf der Bühne geradezu an. Man sieht zu, wie Diederich Hessling in Rollen schlüpft, wie er lernt, sich zu verstellen. Er spielt Dinge nach, ist so eine Maskenfigur.

Fehlende Zivilcourage, Menschenverachtung, Mitläufer - mit all dem lässt sich Diederich Hessling charakterisieren, ein Untertan in der wilhelminischen Zeit. 100 Jahre später sieht man wieder solche Hesslings. Mit welcher Botschaft kommt Ihre Inszenierung zu den Menschen?

Der Roman, in unserer Inszenierung ist er im Wilhelminischen Kaiserreich verankert, weist weit über seine Zeit hinaus. Das Buch ist eine vielschichtige Analyse des Menschlichen. Die Ereignisse der vergangenen Tage in Chemnitz haben wir zum Planungszeitpunkt nicht vorhergesehen, aber der Boden war länger bereitet. Die Beschäftigung mit dem neuen Nationalismus ist für mich als Künstler sehr wichtig. Wir dürfen uns nicht in die Position eines platten Dagegenschreien drängen lassen, also wir gegen die. Da ist die Aufgabe der Kunst eine differenziertere. Theaterabend und Demonstration sind nicht das Gleiche. Wir müssen unsere eigenen Positionen hinterfragen. Mann hat den Nationalismus literarisch bekämpft. Sein Blick auf die Alternativen ist unbarmherzig: die Sozialdemokratie, die 1848er-Demokraten, die Künstler - das ist schmerzhaft.

Sie nutzen für die Figur des Untertanen zusätzlich eine Puppe. Ausdruck der Doppelmoral des Hessling, der nach unten tritt und nach oben buckelt?

Ich wollte in den Kopf von Diederich Hessling schauen, versuchen, sich mit ihm zu identifizieren, um die Dialektik der Figur zu erfassen. Im Roman gelingt es genial. Wer ihn liest, kriecht in das Wesen von Hessling, um dann erneut von außen auf ihn zu schauen. Das wollten wir auf der Bühne greifbar machen. So spielt Jannik Hinsch den erwachsenen Hessling, wird aber von seiner Kindheit begleitet. Das Weiche im Untertan ist für mich wesentlich. Das wird oft übersehen. Die Puppe steht für den Widerspruch zwischen der harten, kalten Macht und dem weichen Kind, so, wie es von Mann beschrieben wurde. Perspektiven und Machtverhältnisse wechseln in der Inszenierung. Aber mir liegt auch an Sinnlichkeit. Da ist die Puppe von Michael Pietsch, die das Kind Diederich verkörpert, ein wichtiges Medium. "Der Untertan" ist also keine spröde Didaktikstunde.

Doch der Untertan von heute ist kein Untertan im Mannschen Sinn. Menschenverachtung zeigt sich nach oben und unten. Eine gefährliche Entwicklung. Menschen folgen wieder blind Nationalisten. Wie ordnen Sie das in Ihrer Inszenierung ein?

Der Untertan ist ein Opportunist. Bei Mann folgt er dem Kaiser, und versucht, der Kaiser zu werden, aber nur, solange das seinen Zwecken dient. Der Kaiser wäre austauschbar. Aber egal, ob es um ein Staatsoberhaupt, Geld oder Widerstand gegen die Obrigkeit geht, denen der Einzelne folgt, im Kern steht die Anbetung der Macht, nach der der Untertan trachtet. Bedenkt man, wann der Roman geschrieben wurde, ist es eine Zeitlosigkeit, die hellsichtig ist. Gerade habe ich das Gefühl, die Realität liefert sich einen Wettlauf mit einer 100 Jahre alten Fiktion.

Premiere "Der Untertan" ist am Freitag am Schauspielhaus Dresden zu sehen.

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