Wo "Metropolis" und "M" begannen, Geschichte zu schreiben

Vor 100 Jahren, am 18. September 1919, wurde in Berlin der Ufa-Palast am Zoo eröffnet: Das Lichtspielhaus war bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das bedeutendste Uraufführungskino Deutschlands.

In der jungen Weimarer Republik begann die Zeit der großen Filmtheater: Kinobesuche wurde fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Alles, was in Film, Kunst, Theater und Literatur Rang und Namen hatte, traf sich in Berlin, im "Romanischen Café" am Auguste-Viktoria-Platz (heute: Breitscheidplatz), dem damals bekanntesten Künstlertreff der Metropole. Denn in dem nur einen Katzensprung entfernten Ufa-Palast fanden zwischen 1919 und 1943 insgesamt 44 Uraufführungen statt. Regisseur Fritz Lang zeigte hier 1927 erstmals "Metropolis" und 1931 "M - eine Stadt sucht einen Mörder". Im März 1943 feierte Josef von Bákys "Münchhausen" Premiere - Das Werk war zum 25-jährigen Bestehen der Universum Film AG (Ufa), ein 1917 gegründeter Zusammenschluss privater Filmfirmen, von Propagandaminister Joseph Goebbels in Auftrag gegeben worden: Das Drehbuch stammte von Erich Kästner, der aber auf Anweisung Goebbels' nicht als Autor genannt werden durfte - doch Kästner, dessen Bücher bei den Bücherverbrennungsaktionen der Nazis im Mai 1933 ein Raub der Flammen wurden, hatte jede Menge subversive Kritik in den Film geschmuggelt. "Der Filmauftrag kam vom größten Lügner der Welt. Weshalb sollten wir also nicht einen Film über den Lügner, der ihm am nächsten kommt, Baron Münchhausen, machen?", fragte Kästner später.

An der Hardenbergstraße 29a zwischen Bahnhof Zoo und der Gedächtniskirche waren schon zu Beginn des Jahrhunderts die sogenannten Wilhelmshallen erbaut worden. Die Pläne stammten von Carl Gause, der auch das Hotel Adlon entworfen hatte. 1915 erfolgte die Umbenennung des westlichen Teils in "Palast-Theater", vier Jahre später wurde das Kino im Auftrag der Ufa mit 1740 Sitzplätzen ausgestattet. Der rechteckige Saal war einfach gestaltet, im vordersten Bühnenbereich gab es links und rechts doppelgeschossige Logen. Die Sitze im Zuschauerraum wurden hufeisenförmig angeordnet und die Kapazität 1925 auf 2165 Sitzplätze erweitert. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten Kinos einen enormen Popularitätsschub. Schon während der Kriegsjahre hatte General Erich Ludendorff mit Blick auf das britische Kino die propagandistische Kraft des neuen Mediums erkannt: "Um eine planmäßige Beeinflussung der Massen im staatlichen Interesse zu erzielen, muss die deutsche Filmindustrie vereinheitlicht werden", stellte er fest. Für einen wirksamen Kriegseinsatz kam die Gründung der Ufa jedoch zu spät.

Der erste große Kinohit war Lubitschs besagter Historienfilm "Madame Dubarry". Zur feierlichen Eröffnung kamen 2000 Ehrengäste. Der Film stellte alles Dagewesene weit in den Schatten, Kritiker waren voll des Lobes. "Lubitsch, den man als Regisseur von ,Carmen' schon auf der Höhe seines Könnens glaubte, hat sich hier selbst übertroffen und alles bisher Geleistete vergessen gemacht vor dieser genialen Schöpfung", schrieb die Lichtbild-Bühne. Rückblickend sagte der Regisseur 1947: "Ich versuchte in meinen historischen Filmen mit dem 'Opernhaften' der damals modischen italienischen Schule zu brechen." Der größte Regiestar der Ufa emigrierte jedoch schon 1922 nach Hollywood.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verkam der Ufa-Palast im gleichgeschalteten Deutschland zur Propagandakulisse. Am 23. November 1943 erlitt sein großer Kinosaal durch Luftangriffe der Alliierten schwere Beschädigungen, Grundstücksreste wurden bis 1955 abgetragen. Mit dem Zoo-Palast eröffnete an gleicher Stelle 1957 ein Nachfolgebau. Das kubische Gebäude über einem trapezförmigen Grundriss schloss die Lücke zwischen Zoohochhaus und Bikinikomplex. Rasch galt das Haus mit seiner gelb gekachelten Keramikplattenverkleidung als Wahrzeichen, allerdings konnten sich die den Berlinern "in die Schnauze" gelegten Bezeichnungen "Bi-Kino" (abgeleitet vom benachbarten Bikinihaus), "Zwo am Zoo" oder "Klappstulle" nicht etablieren.

Der Zoo-Palast war von 1957 bis 1999 Hauptspielort der Berlinale und das wichtigste Premierenkino West-Berlins. Im Jahr 2000 zog das Festival an den Potsdamer Platz, doch seit 2014 ist das zuvor zum Multiplexkino umgebaute Haus wieder wichtiger Bestandteil der Berliner Filmfestspiele. Nun stehen in sieben Sälen rund 1700 Plätze zur Verfügung, allein im größten Kinosaal Berlins sind es bis zu 850.

Auf den Tag genau 100 Jahre nach der Premiere erinnern der Zoo Palast und das Metropolis Orchester Berlin an die Lubitsch-Uraufführung und präsentieren gemeinsam am 18. September um 19.30 Uhr noch einmal den einzigartigen Stummfilm. Eintritt: 35 Euro.

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