Wo nicht nur die Puppen tanzen

Fast 100 Jahre nach seiner Uraufführung ist "Das Triadische Ballett" von Bauhauskünstler Oskar Schlemmer jetzt zu Pfingsten ein Renner bei den Dresdner Musikfestspielen gewesen. Kein Wunder!

Dresden.

Der Drahtrock wippt bei jeder Bewegung, und da er sich von der Hüfte aus bis auf Brusthöhe hochbiegt, hält die Tänzerin ihre Arme schwebend darüber. Aber das ist vermutlich immer noch besser, als gänzlich auf Arme verzichten zu müssen, wie die zwei weiteren Tänzer dieser Szene. Deren Oberkörper stecken in goldenen Kugeln, die Arme sind darin weggepackt und können dem Balancehalten nicht mehr dienen. Entlang ihrer Beine wiederum sind von der Hüfte bis zum Fußgelenk Schnüre gespannt, die bei jedem Schritt sachte zittern. Kostüme, die für die Tänzer schon beim Ankleiden eine Tortur sein müssen, vom Tanzen darin ganz zu schweigen. Doch für den Zuschauer sind sie Magie, weggucken geht nicht. Willkommen im "Triadischen Ballett"!

Das wurde zu den Dresdner Musikfestspielen am vergangenen Freitag und Samstag vom Bayerischen Junior Ballett München insgesamt drei Mal aufgeführt. Alle drei Vorstellungen waren ausverkauft, dennoch hoffte zum Beispiel am Freitag ein Menschenpulk am Eingang des Schauspielhauses auf zurückgegebene Karten - so gut wie vergebens.

"Das Triadische Ballett" hat der Maler, Bildhauer und Bühnenbildner Oskar Schlemmer entwickelt. Der auch Bauhauskünstler war: In den 1920er-Jahren lehrte er an der progressiven Gestaltungsschule. Das mag ein Grund sein für die heutige Resonanz - Bauhaus ist wieder en vogue, zumal in diesem Jahr die Gründung der Schule vor 100 Jahren gefeiert wird.

1922 wurde das Ballett in Stuttgart uraufgeführt. Die Resonanz damals: verhalten. Denn das Stück fiel gänzlich aus seiner Zeit. Es war kein klassisches Ballett, aber auch keine Form des damals aufkommenden modernen Tanzes, bei dem sich der Körper frei von Konventionen und Einengungen bewegen sollte. Schlemmer engte die Tänzer ein - mit den Kostümen. Masken, Röcke, Hütchen und Anzüge wurden aus Holz, Kunststoff, Metall, Draht und wattierten Stoffen gefertigt. In einigen scheint sich der Regenbogen zu spiegeln, andere glänzen edel in hellen oder dunklen Tönen. Kostüme als Kunstwerke - und so aus der Zeit gefallen dieses Ballett bis heute wirkt, ist es gleichsam ein zeitloses Fest der Formen und Farben.

Manche Tänzer ähneln in den Kostümen Puppen und Harlekinen, andere Robotern und Kämpfern, manche auch ein bisschen unseren Vorstellungen von Außerirdischen. Die Kostüme lassen Schritte vom Trippeln bis Schreiten zu, auch Sprünge, Drehungen und den Tanz auf der Fußspitze. Den Bewegungen verleihen die Kostüme optische Extras. Der blauschwarze Spiralrock einer Tänzerin zum Beispiel ist frontal nur mit seinen Kanten zu sehen, gedreht aber als sich windende Spirale. Oder der regenbogenfarbene TellerHolzrock ist in der Bewegung mal als Halb-, mal als Vollkreis zu sehen.

Das Stück wird auch als Kostümballett ohne Handlung bezeichnet. Aber es ist nicht ohne Gedanken. Die von Schlemmer dazu sind alles andere als einfach gestrickt. Es geht grob gesagt darum, die Tänzer in abstrakte Kunstfiguren zu verwandeln, Raum und Bewegungen zu erforschen sowie Theater und Mensch nach dem Ersten Weltkrieg neu zu denken. Aber es erzählt auch kleine Geschichten - von Zuneigung, Neugier, Gleichklang, von menschlichen und maschinellen Wesen. Die Anmutung der Tänze wechselt in den drei Abschnitten des Balletts: Im zitronengelben Teil - die Bühne ist gelb beleuchtet - geht es "heiter-burlesk" zu, im rosafarbenen Teil "festlich-getragen", im schwarzen "mystisch-phantastisch". Dazu kommen pro Szene maximal drei Tänzer auf die Bühne. Die Zahl 3 ist Schlemmers Ordnungsprinzip, weshalb es auch "triadisches" Ballett heißt.

Die Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Junior Balletts München brachten das Stück in Dresden zu einer Klangkomposition von Hans-Joachim Hespos mit viel Achtsamkeit, Frische und Souveränität auf die Bühne. Sie zeigten, wie die Farben und Formen der Kostüme durch strenge Reduktion der Bewegungen und des Bühnenbildes - es gibt keines - funkeln können.

Und das ist verhältnismäßig selten zu sehen gewesen: Nach den Aufführungen zu Schlemmers Zeiten gab es das "Triadische Ballett" vor allem in einer vom Tänzer und Choreografen Gerhard Bohner gestalteten Rekonstruktion ab 1977. Rund zehn Jahre gastierte diese Produktion in Europa, Nordamerika und Asien. 2014 studierten diese Fassung dann Ivan Liška und Colleen Scott mit dem Bayerischen Junior Ballett München neu ein. Liška ist Mitbegründer dieses Balletts und gehörte mit seiner Frau Colleen Scott zu den Tänzern des "Triadischen Balletts" in Bohners 70er-Jahre-Fassung. Geändert, sagte Liška in einem Interview, haben sie an der 70er-Jahre-Choreografie nichts - weil bis heute über jeder Aufführung ein Zauber liege, der bestätigend wirke. Recht hat er!

Das Publikum in Dresden applaudierte begeistert.

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