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Macht erst Luxus den Menschen zum Menschen? Eine Ausstellung in Leipzig geht zurzeit dieser Frage nach.

Leipzig.

Als Verlockung in schimmerndem Blech steht er da, am Eingang zur dritten Etage des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Was aussieht wie ein Porsche aus den 50er-Jahren, ist zwar nicht wirklich einer jener Träume auf vier Rädern aus Stuttgart-Zuffenhausen. Aber eigentlich ist es sogar viel mehr. Denn das Auto erzählt exemplarisch, welchen Aufwand Menschen treiben, um sich ihre Träume zu erfüllen.

Die beiden Männer, mit deren Traum im Haus an der Grimmaischen Straße die Sonderausstellung "Purer Luxus" ihre Besucher empfängt, waren die Zwillinge Knut und Falk Reimann. 1932 geboren, packte die beiden Fahrzeugbaustudenten in der noch unvermauerten DDR der 50er-Jahre der Traum, nach Italien zu fahren. Im eigenen Auto. Aber nicht irgendeines sollte es sein. Ein Porsche. Oder doch wenigstens: Fast einer. Mit Hilfe eines sächsischen Stellmachers und Karosseriebauers sowie mittels des Blechs von zwölf alten Lkw-Motorhauben und einigen VW-Originalteilen gelang es den beiden jungen Männern schließlich, auf Basis eines Kübelwagens ihr Schmuckstück auf die Straße zu stellen - und sie kamen damit tatsächlich bis Italien.

Eine exemplarische Geschichte, an der deutlich wird, welche Mühen und auch Opfer manche Menschen bereit sind aufzuwenden für ein kleines bisschen Luxus, für etwas, das ihr Leben aus dem Niveau der Normalität und Gleichmacherei heraushebt. Denn was ist Luxus? Das lateinische Wort, unter anderem mit "Verschwendung" übersetzt, bezeichnet alles, was zum Leben und Überleben nicht notwendig ist.

So steigt auch die Leipziger Ausstellung, die die Begrifflichkeiten im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit beleuchtet, an der Basis ein: Fast wie ein Kronjuwel wird unter dem Glassturz einer Vitrine im ersten Ausstellungsraum, im aufgeschlagenen Einwickelpapier - ein Stück Butter präsentiert. Oder, weil sich das nicht lang im flutenden Licht halten würde, eine Nachbildung. In den ersten Jahren nach dem Krieg ist Deutschland in der Not und im Luxusbegriff noch geeint. Luxus macht man sich selbst - sinnfälliges Exponat ist etwa eine Abendtasche, geflochten und vernäht aus mattsilberfarbenen Wehrmachts-Offizierstressen, daneben ein Zigarettenetui aus Messing, mutmaßlich aus einem Munitionsrest, das sich ein Soldat in Gefangenschaft selbst gebaut hat. Ein Porzellanteller in Zwiebelmuster steht für eine Familie, die bei der Vertreibung aus Schlesien ihr gesamtes Porzellan mitnahm und bis nach Leipzig schleppte: Luxus mag nicht notwendig zum Leben sein. Wohl aber für viele Menschen zur Wahrung ihrer Würde als Mensch.

Doch die Ausstellung zeigt auch: Luxus gerät mit zunehmendem Wohlstand in beiden Teilstaaten in den Fokus der kritischen Betrachtung. So widmen die Leipziger Ausstellungsmacher eine ganze Wand einer Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach 1951 unter Bundesbürgern vornahm. Frage: Auf welche Güter soll eine Luxussteuer erhoben werden? Am größten, mit 87 Prozent, fällt die Zustimmung bei Sekt aus, es folgen Pelze (74 Prozent), Pkw (62), Fotoapparate (31), Südfrüchte (24), Tabakwaren (23), Körperpflegemittel (15), Radiogeräte (10) und Schokolade (9). Ja, der Luxus Weniger war ein Politikum. Zwar hatte 1953 Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard formuliert: "Wir erleben es aber immer wieder, dass der Luxus von heute morgen schon breit geschichteter Bedarf und übermorgen allgemeines Gebrauchsgut ist." Ein Satz, der heute gültiger ist denn je. Aber wenig später wurde es einem Bonner Regierungspolitiker doch zu bunt. Er wollte, wie eine ausgestellte Aktennotiz belegt, prüfen lassen, ob vermögenden Leuten, die sich luxuriöse Pools in ihre Häuser einbauen lassen oder Anwesen im Ausland erwerben, steuerlich nicht ein Riegel vorzuschieben wäre. Bei dem Minister handelte es sich nicht etwa um einen Mann der SPD, die seinerzeit von Unionspolitikern gern geziehen wurde, Otto Normalverbraucher sein klein Häuschen wegnehmen zu wollen. Nein, der Urheber solcher Ideen war Rolf Dahlgrün, seines Zeichens 1962 bis 1966 der zweite - und letzte - Bundesfinanzminister, den die FDP in der Geschichte der Bundesrepublik gestellt hat.

Luxus für alle auf gleichen Niveau - das wäre im Grunde kein Luxus mehr. So dürfte auch Wladimir Iljitsch Lenin es verstanden haben, als er 1921 schrieb: "Wenn wir dereinst im Weltmaßstab gesiegt haben, dann werden wir, glaube ich, in den Straßen einiger der größten Städte der Welt öffentliche Bedürfnisanstalten aus Gold bauen. Das wäre die ,gerechteste' und beste anschaulich-belehrende Verwendung des Goldes." - Bekanntlich kam es nicht dazu. Bei dem, was Luxus schließlich im Sozialismus ausgemacht hat, bleibt die Ausstellung, von dem Pseudoporsche abgesehen, etwas unterbelichtet. Sicher, da ist die oft in verschiedenen Kontexten erzählte Geschichte von den luxuriösen Jagden der Parteinomenklatura, da ist der in der Westpresse als "Roter Dior" apostrophierte DDR-Modeschöpfer Heinz Bormann, dessen Magdeburger Atelier schließlich 1972 den Weg allen privaten DDR-Unternehmertums ging und verstaatlicht wurde. Aber sonst? Hier wäre die Schau sicher ausbaufähig gewesen, auch wenn eben die DDR westlicher Luxus-Dekadenz wenig entgegenzusetzen hatte.

Immerhin, Menschen wie der Pater Anselm Grün oder die Konsumverweigerin Greta Taubert, die die Ausstellung ebenfalls zitiert, geben eine Ahnung davon, dass der wahre Luxus womöglich im Verzicht auf irdische Güter liegen kann, da er Ressourcen für das frei macht, worauf es im Leben wirklich ankommt. Was das sein könnte, darüber nachzudenken laden die Leipziger ganz zum Schluss ein. Wie bereits öfter, kann der Besucher (Klebe-)Punkte für verschiedene Optionen abgeben. Zeit für sich und andere zu haben, gehört dabei zu den meistgewählten. Der wahre Luxus also.

Die Ausstellung

"Purer Luxus" ist noch bis zum 13. April 2020 dienstags bis freitags von 9, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, zu sehen.

hdg.de

 

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