Wortgewaltiges Plädoyer für die Menschlichkeit

"Nathan der Weise" ist die letzte Inszenierung in der Sparte Schauspiel in dieser Spielzeit im Eduard-von-Winterstein-Theater. Ein Stück, dass auf besondere Weise mit der langen Tradition der Spielstätte verbunden ist.

Annaberg-Buchholz.

Für das große Finale im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz hat sich Intendant Ingolf Huhn noch einen besonderen Höhepunkt aufgehoben: Mit der Komischen Oper "Zum Großadmiral" bringt er Albert Lortzings letzten noch auszugrabenden Opernstoff nach 170 Jahren wieder auf eine Theaterbühne. Damit schließt sich zugleich der Premierenreigen in der 126. Spielzeit des Hauses, bevor es dann zu den Festspielen auf die Freilichtbühne an den Greifensteinen geht.

Zuvor aber bringt der freischaffende Regisseur Dietrich Kunze - der im Haus unter anderem schon "Sonnenallee" inszeniert hat - gemeinsam mit dem Schauspielensemble noch einmal große Theaterliteratur auf die Bühne: Gotthold Ephraim Lessings Klassiker "Nathan der Weise". Ein Stück - 1778 veröffentlicht und 1783 in Berlin uraufgeführt -, das bis heute nichts an seiner Eindringlichkeit verloren hat. Ein vielfach stilles, aber wortgewaltiges Plädoyer für die Menschlichkeit, die gerade in Zeiten wie diesen immer mehr verloren zu gehen scheint. Wohl auch deshalb holt Dietrich Kunze die Akteure der verschiedenen Religionen mit dem einfachen Mittel der Wahl zeitgemäßer Kleidung in das Hier und Jetzt. Der Hauptdarsteller beispielsweise kommt im schlichten, aber dennoch eleganten grauen Anzug daher. So ganz anders als einer der großen Nathan-Darsteller des zurückliegenden Jahrhunderts: Eduard von Winterstein. Länger als ein Jahrzehnt hat der Namensgeber des Annaberger Theaters den Nathan im Deutschen Theater in Berlin verkörpert. In der aktuellen Inszenierung spielt der freiberufliche Schauspieler David Gerlach den reichen Juden, der ehrfurchtsvoll auch der Weise genannt wird, und der sich dieses Beinamens auch mehr als würdig erweist. Eine überzeugende Darstellung, die große Fußstapfen hinterlässt für Udo Prucha vom hauseigenen Schauspielensemble, der in der nächsten Spielzeit die Rolle des Nathan übernehmen wird.

Es ist eine der vergleichsweise leisen Inszenierungen, die vor allem von der Kraft der Worte lebt, die die kleinen Gesten dem großen Auftritt vorzieht. Die aber durch eine insgesamt gelungene Ensembleleistung die großen Emotionen, die der Stoff bietet, deutlich spürbar werden lässt. Das stetige Wechselspiel zwischen überschwänglicher Freude und tiefer Verzweiflung, zwischen Mut zur Weisheit und der Angst vor der eigenen Courage, zwischen gefährlicher Macht und demütiger Ergebenheit, zwischen tiefem Glauben und falschem Pathos. Und Ausstatter Matthias Scherm schafft mit seiner einmal mehr zurückhaltenden Bühnenausstattung den Raum, in dem sich die Darsteller entfalten können - auch wenn das Stück spielerisch nicht viele Möglichkeiten dazu gibt. Ein schlichtes, weiträumiges Stahlgerüst mit schwarzen Tüchern und sieben Holztüren, welche symbolisch für die verschiedenen Handlungsorte stehen, dient als dauerhafte Kulisse für das insgesamt fünfaktige Ideendrama. Viel Raum also auch für die Vorstellung, dass alle plötzlich wüssten, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Weitere Vorstellungen von "Nathan der Weise" gibt es am Samstag ab 19.30 Uhr, am 30. April und 2. Mai jeweils ab 10 Uhr sowie am 3., 11. und 16. Mai jeweils ab 19.30 Uhr. Kartentelefon: 03733 1407131.

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