Wundersamer Spätromantiker

Seine Landschaften und Figuren bewegen sich auf seltsame Weise zwischen Realität und Traum: Heute vor hundert Jahren starb Eduard von Keyserling.

München.

Plötzlich ist er wieder da, dieser kurländische Edelmann, den man einst mit dem Philosophen Hermann Graf von Keyserling verwechselte und deshalb mit dem Schmähvers lästerte: "Als Gottes Atem leiser ging / schuf er den Grafen Keyserling". Doch Eduard Graf von Keyserling, geboren am 14. Mai 1855 auf Schloss Paddern im Baltikum, war wohl ein Autor der leisen Töne und Melodien, doch vor allem eine ganz eigenständige Figur des literarischen Impressionismus. Es gibt in der Neuen Pinakothek in München ein Bild von Lovis Corinth, das ihn mit schmalem, faltigem Gesicht und großen blauen Augen zeigt: nicht gerade eine Schönheit, aber ein Gesicht, das über die eigene Lebenswelt zu staunen scheint.

Und da spüren wir sein poetisches Inventar, das "Licht des riesengroßen Mondes", die wunderliche Dämmerung, die Frühlingszeit, den Wind, der sich in Düften junger Tannentriebe verfängt, all diese romantischen Bilder, die sich in seinen Geschichten finden. Die Natur, die Jahreszeiten - und eben die Stille sind seine Landschaften, in denen er Figuren aus seiner Kinderwelt siedelt.

Keyserling, eines von zwölf Kindern, kam aus der Welt des baltischen Adels in die Künstlerumgebung Münchens. Gezeichnet von einer fortschreitenden Syphilis und im Alter erblindend, war er ein Einzelgänger, dessen Romane und Geschichten die vergehende Welt seiner Herkunft beschrieben. Sie leben aus den Gegensätzen zwischen diesen müden, stillen Menschen, die immer wieder einen Ausbruch versuchen in die Umgebung der ländlichen Bauern und Fischer, aber es sind vergebliche Unternehmungen.

Dabei gelingen Keyserling "Abendliche Häuser" (1914) in "Stillen Winkeln" (1918), Romane der Dämmerung. "Alles nobel, abgetönt, diskret - aber das würde unsere Liebe zu diesem Dichter nicht erklären, es kommt dazu die Unerbittlichkeit eines skeptischen Denkers, die Lauterkeit des Denkens und Zweifelns", charakterisiert Hermann Hesse die Erzählkunst Keyserlings. Es scheint ein Schwebezustand, der seine Landschaften und Figuren zwischen Realität und Traum bewegt. Ein Band mit den gesammelten Erzählungen, der auch einige bisher nicht in Buchform erschienene Texte enthält, mit dem Titel "Landpartie", zeigt auf vielseitige Weise seine künstlerische Handschrift. "Abendschein lag auf den Waldwiesen. Die durchsichtigen Birkenschöpfe waren voll goldroten Lichtes, und ganz berauscht davon saßen die Amseln mitten darin, schlugen mit den Flügeln und schmetterten", so schimmern diese Impressionen.

Florian Illies hat dem Band "Landpartie" ein schönes Nachwort geschrieben: "Wie soll man Keyserling lesen? Ich empfehle das Verschlingen. Also nicht das Herantasten, das Ausprobieren. Sondern das Hineinspringen in diese Prosa ... Nachhaltiger kann Literatur nicht ins Leben eingreifen." Wie gesagt: Plötzlich ist er wieder da. Seine Bücher werden wieder gedruckt und gelesen. Vielleicht, weil wir diesen Blick brauchen, die Stille im Lärm unserer Zeit, diese Landpartie des verzauberten Lebens. Heute vor einhundert Jahren ist er in München gestorben.

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