Zeit der Träume

Lutz Seiler erhält für "Stern 111" den Preis der Leipziger Buchmesse. Nominiert war er bereits einmal vor zehn Jahren.

Leipzig/Berlin.

Jetzt hat er ihn also! Ein Traum geht in Erfüllung. Schon 2010 war Lutz Seiler mit seinem Erzählband "Die Zeitwaage" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Mit seinem neuen Buch "Stern 111" hat es jetzt geklappt. "Dieser Roman leuchtet auf jeder Seite", so begründete die Jury ihre Entscheidung bei der gestrigen Vergabe, die wegen der Absage der Buchmesse aus dem Studio von Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt wurde. Nach Ingeborg-Bachmann-Preis (2007) und Deutschem Buchpreis (2014) hat der in Wilhelmshorst bei Potsdam und Stockholm lebende Lutz Seiler jetzt also das Triple geschafft. Fehlt nur noch der Georg-Büchner-Preis.

"Unsere Eltern sollen es einmal besser haben. Etwas stimmte nicht mit diesem Satz", schreibt Seiler in seinem im doppelten Sinn ausgezeichneten Roman, in dem er mit einer untergründigen Ironie von den wilden Nachwendejahren erzählt, die für diesen Schriftsteller bisher eher untypisch war. Kurz nach dem Mauerfall bekommt Carl Bischoff, die Hauptfigur des Romans, ein aufgeregtes Telegramm aus Gera: "wir brauchen hilfe komm doch bitte sofort deine eltern." Gleich macht sich der Mittzwanziger auf den Weg. Daheim angekommen erfährt er, dass seine Eltern in den Westen fliehen wollen. Jetzt, da die Grenze offen ist.

Carl versteht die Welt nicht mehr. Seine sparsamen Eltern lassen alles zurück, um etwas zu erleben, "etwas, das noch einmal alles sprengen konnte (und sprengte), obwohl der Plan für den Rest des Lebens doch längst ausgearbeitet gewesen war." Ins Notaufnahmelager in Gießen wollen sie und es danach "getrennt versuchen, um doppelte Chancen zu haben". Carl soll als "Nachhut" das Haus in Gera hüten.

Doch daraus wird nichts. Mit dem alten Shiguli des Vaters fährt er nach Berlin, um sich als Dichter zu etablieren. Von der Hausbesetzerszene der Oranienburger Straße wird er aufgenommen und ist Mitglied einer "Aguerilla", die alle Keller verbinden will und im Untergrund die Kneipe "Assel" betreibt.

In zwei Handlungssträngen erzählt der 1963 selbst in Gera geborene Lutz Seiler von der Odyssee der Eltern im Westen und dem Leben Carls als kellnernder Dichter, der in Berlin seine Jugendliebe Effi wiedertrifft und sich prompt erneut in sie verliebt. Schon in der Kurzgeschichte "Die Zeitwaage" (2009) schrieb Seiler über seine Jahre in Berlin und die Initiation eines Schriftstellers. Auch damals ließ er eindrucksvoll den privaten und gesellschaftlichen Neuanfang nach 1989 zusammenfallen, ohne, dass es aufgesetzt gewirkt hätte. Das ist auch im neuen Buch so, das Berlin-, Wende-, Entwicklungs- und Künstlerroman in einem ist. Immer wieder findet Seiler Metaphern und driftet in surreale Szenen ab, die an seine Ursprünge als Dichter ("pech & blende", 2000) erinnern. So manche der expressiven Passagen im Keller lässt an Wolfgang Hilbig denken, der wie Seiler als Arbeitersohn zwischen Bergbauhalden aufgewachsen ist. Seilers schillernde Porträts der Autonomen rund ums Tacheles und in der Rykestraße merkt man an, dass er die Szene kennt. Alles ist autobiografisch und doch ein Roman.

Obwohl Edgar Bendler und "Kruso" aus dem gleichnamigen Bestseller einen Gastauftritt haben, ist Seilers Buch keine Fortsetzung seines Hiddensee-Romans geworden. Auch wenn es erneut im Aussteiger-Mi-lieu spielt. Ein großer Roman ist das Buch allemal. Es erzählt von Lebensträumen, die im Lauf der Jahre verloren gehen. So wie Carl Dichter werden will, wollte sein Vater als Mitglied des "Akkordeon- und Mandolinenorchesters der SDAG Wismut" früher Musiker werden und in die USA gehen. Dann aber kam die Mauer, die Eltern richteten sich ein in der DDR. Das alte Stern-Radio, an das Carl sich erinnert, verbindet den Sohn mit den Eltern. Als sie jung waren und er noch ein Kind, hörten sie gemeinsam auf AFN die Songs von Chuck Berry und Bill Haley. Die Musik war alles, was ihnen von ihrem Lebenstraum geblieben war. Noch heute hört Carl das pränatale Rauschen des Radios. Es macht ihm Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.


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