Zeitlos wie eine Kanne mit schwarzem Tee

Otto Waalkes, der ewige Friesenjunge, ist so etwas wie ein Leuchtturm in der deutschen Humorlandschaft. Jetzt feierte er in Chemnitz den Auftakt seines aktuellen Bühnenprogramms "Holdrio Again".

Chemnitz.

Die Stadthalle ist ausverkauft. Nicht nur am Samstagabend - auch für die drei darauffolgenden Shows gibt es keine Karten mehr. Deutschlandweit ist das einmalig, auch wenn Otto eine Legende des deutschen Humors ist.

Otto Waalkes, der blonde Blödelbarde in der Bürokratiewüste BRD: Er singt, synchronisiert, parodiert, schauspielert und produziert, malt und karikiert, hat Kunstpädagogik studiert - und Sketche aufgeführt, die sich ins kulturelle Gedächtnis der Nation eingebrannt haben. Mehr noch: Manche seiner Witze haben in den Sprachgebrauch Einzug gehalten, sind ein Stück deutscher Popkultur.

Der Humor, den er pflegt wie andere ihren Autolack, ist eher unspezifisch und zum Wohlfühlen. Er zielt weder auf bestimmte Regionen, Institutionen oder Personen, verzichtet auf Stereotypen, spielt lieber mit Sprache, witzelt mit Worten. Seine Gags sind so zeitlos wie eine Kanne mit schwarzem Tee.

Zum Bühnenbild der aktuellen Show gehören ein rot-gelber Leuchtturm - dem Pilsumer Exemplar nachempfunden, in dem Otto in seinen Filmen manchmal gewohnt hat - sowie das Otto-Huus, das Requisiten beherbergt: Kopfbedeckungen und Gitarren in Ottifanten-Form. Auf der Leinwand flimmert "Werbung" - weiße Schrift auf blauem Hintergrund, die ersten Witze zum Warmwerden. Dann steigt er aus seinem Leuchtturm - der Leuchtturm der deutschen Humorlandschaft, der nunmehr schon 50 Bühnenjahre zählt. Otto ist ein Phänomen, eines, das über Generationen hinweg greift. Das spiegelt sich auch im Publikum wider: viele Kinder, die mit plüschigen Ottifanten beschenkt werden, Eltern, Großeltern.

Der Abend folgt keinem bestimmten Konzept, ist vielmehr eine wahllos aneinandergereihte Ansammlung von Albernheiten - und Klassikern. Es gibt die legendäre Englischstunde, die Kochshow mit Louis Flambèe, Ice-Age-Hörnchen Sid als Puppentheaterfigur, Märchenstunden, eine Konfettikanone. Wieselflink wuselt er dabei über die Bühne: Der ewige Junge mit dem Altherrenwitz, stets etwas fahrig, debiles Grinsen am Ende des Scherzes - eines seiner Markenzeichen. Dass er auf die 70 zugeht, erkennt man nur am zunehmend größer werdenden Halbkreis auf seinem Kopf.

Das neue, etwa zweistündige Programm "Holdrio Again" ist mehr Liederabend als alles andere. Otto singt und lässt singen, und ein bisschen fühlt man sich wie im Musikunterricht in der 9. Klasse, von einem euphorisierten Lehrer dazu aufgefordert, die großen Hits von früher anzustimmen. "Wir haben Grund zum Feiern" zum Beispiel, oder den "Schwammdrüber Blues". Weil das deutsche Publikum gemeinhin als marschaffiner Mitklatscher bekannt ist, funktioniert das ausgezeichnet.

Das Ganze kulminiert natürlich im Klassiker - der Variation von Hänsel und Gretel, oder vielmehr der neuen Variation von Hänsel und Gretel: Bestehend unter anderem aus Grönemeyer-, Maffay-, und AC/DC-Adaptionen, aber auch Sido und Cro, für das junge Publikum - was durchaus etwas peinlich wirkt. Dennoch: "Wie kann man nur den ganzen Tag so viel Scheiße reden?", fragt der Ottifant im Puppentheater den Ice-Age-Helden Sid. "Ich fange sehr früh damit an", erwidert dieser. Es bleibt zu hoffen, dass Otto noch lange nicht damit aufhört.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...