Zerrissene Fäden

Ein neues Buch widmet sich den Denkmalen der sächsischen Textilindustrie in den Tälern von Flöha und Zschopau, die derzeit oft ein trauriges Bild abgeben. Dabei waren sie einst beinahe Heimat vieler Arbeiter und sind Sachzeugnisse der Industriegeschichte. Doch das spielte nach der Wiedervereinigung keine große Rolle. Statt der versprochenen "blühenden Landschaften" wucherte das Unkraut in den verlassenen Fabrikgeländen. Eine Betrachtung.

Goethe hatte es kommen sehen; 1821 schrieb der Geheimrat: "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich wie ein Gewitter, langsam, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, und es wird kommen und treffen." Dies zitiert der ehemalige Direktor des Chemnitzer Industriemuseums Jörg Feldkamp in dem Buch "Verlorene Fäden: Denkmale der sächsischen Textilindustrie in den Tälern von Zschopau und Flöha". Das "Maschinenwesen" kam nach Sachsen. Für Maschinenspinnereien eigneten sich besonders gut die was-serreichen Flüsse des Erzgebirges, Flöha und Zschopau eben, samt ihrer Zuflüsse, wie Helmuth Albrecht, Direktor des Instituts für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Bergakademie Freiberg, im selben Buch erinnert. In kurzer Zeit entstanden Dutzende Baumwollspinnereien: in Chemnitz, Zschopau, Siebenhöfen, Flöha, Hennersdorf, Venusberg, ... Das Maschinenwesen kam, aber es blieb nicht.

Knapp 200 Jahre später waren viele Maschinen wieder verschwunden: "Das neue Jahrtausend war noch ganz frisch, minderjährig und unerfahren, als es zu hören bekam, dass es, so sehr es sich strecken und recken würde, nimmer voll beschäftigt werde. Die Arbeit, hieß es, lange nicht mehr hin, die friedliche jedenfalls, und es müsse sich anders die Zeit vertreiben ..." So beginnt Volker Brauns Schelmenroman "Machwerk". Es ist ein Buch über den Niedergang der Industrie in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Vor allem ist es ein Buch über die Menschen, die hier arbeiteten.

Menschen leben und arbeiten an Orten, und nicht selten ist ihnen Arbeit mehr als das halbe Leben, der Ort der Arbeit ist ihnen Heimat. Die meisten Baumwollspinnereien waren im Zuge der DDR-Planwirtschaft 1971 zum VEB Vereinigte Baumwollspinnereien mit Sitz in Flöha zusammengeschlossen worden, der insgesamt 50 Einzelbetriebe mit rund 14.800 Arbeiterinnen und Arbeitern umfasste. Die "Wende" überlebte keiner von ihnen in der einstigen Größe. Fast über Nacht wurden Tausende, darunter sehr viele Frauen, arbeitslos, ohne dass sich großer Widerstand regte. Während um Renommierbetriebe wie das Motorradwerk Zschopau oder den Scharfensteiner Kühlschrankproduzenten DKK wenigstens noch öffentlichkeitswirksam gekämpft wurde, schlossen die Spinnereien still und leise. Zurück blieben die Gebäude, riesige Objekte zum Teil, ganze Fabrikdörfer wie das der Spinnerei Oelhey in Himmelmühle bei Wiesenbad, meist ohne eine Idee der Nachnutzung. Statt der vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt", wucherte das Unkraut in den verlassenen Fabrikgeländen. Und nicht nur dies - damals wurde auch der Samen gelegt für das Misstrauen vieler Menschen in die etablierte Politik, die sich heute nur noch von der AfD vertreten fühlen. Nicht so sehr, weil teilweise veraltete, unrentable Fabriken schlossen, sondern weil es an einer lebenswerten Alternative fehlte. Auch so sind Fäden zerrissen. Zurück blieben zerrissene Biografien, dramatische Schicksale, Trauer, Wut, Enttäuschung - beschädigte Leben. Und verlassene Gebäude.

Die Herausgeber Helmuth Albrecht, Katharina Jesswein, Julia Petzak und Axel Rüthrich vom Zweckverband Sächsisches Industriemuseum und dem Freiberger Institut für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte haben in ihrem Buch gemeinsam mit jungen Autorinnen und Autoren eine Bestandsaufnahme dieser Denkmale der Industriekultur veröffentlicht - 260 bilderreiche Seiten mit guten und weniger guten Beispielen der Nachnutzung, Restaurierung oder einfach nur des Verfalls imposanter Gebäude.

Diese Gebäude sind mehr als technische Denkmale - es sind Denkmale der menschlichen Arbeit, Denkmale einer wirtschaftlichen und sozialen Struktur, die die Landschaft zwischen Zschopau und Flöha über Jahrhunderte geprägt hat. Es sind Mahnmale gelungener und verfehlter Wirtschaftspolitik. Unausgesprochen geht es in der akribischen Bestandsaufnahme der Wissenschaftler um die Frauen und Männer, deren Leben mit den Industriegebäuden verbunden waren und manchmal noch sind.

Die meisten Betriebe wurden in den 1990er-Jahren geschlossen - nach mehr oder weniger ernsthaften Privatisierungsversuchen der Treuhand-Anstalt. Die Restunternehmen traf das Schicksal der Marktwirtschaft - "Die Zahlen, unwiderlegbar, hartherzig wie die Ungerechtigkeit", wie die Französin Aurélie Filipetti in das "Ende der Arbeiterklasse" über ähnliche Tragödien in Frankreich schreibt. Fabriken in einer Landschaft, mit den Worten von Volker Braun, " ... durch die die Arbeit gegangen ist, berühmte Gegend, die es hinter sich hat und verlassen wurde von den Mannschaften und Maschinen, und nur Halden, Wüstungen, wiederbewachsene Böden sieht man, das Endbild großer Zeiten ... Die Natur war sich selbst überlassen und arbeitete jetzt allein; langsam, mühsam, ernsthaft wie nie ein Staat. ... - Aber was war mit den Menschen?" Sie setzten zunächst auf billige Neuansiedlungen auf der "grünen Wiese", wie Helmuth Albrecht in seinem Vorwort erinnert, "statt ihre Bemühungen auf die Wiederbelebung der ausreichend vorhandenen, historisch gewachsenen Gewerbezonen zu richten".

Inzwischen hat langsam ein Umdenken eingesetzt, und Albrecht kann immerhin feststellen, dass es auch gute Beispiele gibt: "Eine als denkmalgerecht zu bezeichnende Nachnutzung haben bislang allenfalls die Spinnereien von Hößler in Kleinolbersdorf, von Schüller in Drebach, von Heydenreich in Witzschdorf oder Teile der Clauß'schen Spinnerei in Plaue gefunden. Andere Spinnereien ... konnten durch mehr oder weniger denkmalgerechte Nach- und Umnutzung ... zumindest teilweise erhalten werden." Doch, konstatiert der Historiker, "die weitaus meisten denkmalgeschützten Ensembles - unter ihnen so bedeutende Sachzeugen der frühen Industrialisierung wie die Spinnereien von Evans in Siebenhöfen ... - sind seit Jahren dem Verfall preisgegeben und drohen für immer verloren zu gehen".

Dabei ist ihre Erhaltung keine Frage der Profitabilität. Die imposanten Gebäude, zum Teil von berühmten Architekten geschaffen, sind auch Denkmale dafür, dass es, wie wiederum Volker Braun schrieb, eine "andere Gangart" gibt, "mit der wir zu anderen Zielen kommen, zu sanfteren Technologien, zu einem milderen Markt. Der horizontalen Gesellschaft kann eine soziale Produktion entsprechen, die Erfindungen anderer Art braucht als die der erbarmungslosen Konkurrenz." Oder wie es der Philosoph Oskar Negt formuliert: "Nur eine konsequente Umgewichtung der Marktlogik auf Prioritäten der sozial-kulturellen Logik vermag Abhilfe zu schaffen. 'Investitionsvorhaben' einer neuen Gesellschaftspolitik der Wiedervereinigung wären zum Beispiel Projekte, die der Identitätsbildung der Menschen, der Stärkung ihres Selbstwertgefühls und der Erweiterung ihrer politischen Urteilsfähigkeit dienen." Insofern wäre jeder Euro, der in die Erhaltung dieser Denkmale der Industriekultur inves-tiert wird, gut angelegt.

Buchtipp: "Verlorene Fäden: Denkmale der sächsischen Textilindustrie in den Tälern von Zschopau und Flöha"
ISBN: 978-3-934512-31-3
19,80 Euro

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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