Ziemlich "Echt Erzgebirge"

Eine sehenswerte Ausstellung im tschechischen Most zeigt Kunst aus der Euroregion Erzgebirge - mit allem Reichtum, aber auch einigen Defiziten.

Most.

"Echt Erzgebirge" hat der Annaberger Jörn Michael sein Bild genannt, auf dem sich eine Art in sich verbogenes Hutzenmännlein zwischen übereinander gestapelten Reifentieren ins Fäustchen lacht. Vor T. M. Rotschönbergs gewaltigem Gemälde "Mond und Sturm" steht flehend eine überlebensgroße Holzfigur mit leeren, erhobenen Händen. Jörg Beiers "Türme" beginnen von unten her zu bröckeln, sich in dünne Stalaktiten aufzulösen. Karl Heinz Münzners leere "Fabrikgebäude" erinnern an die Vergangenheit, Jens Ossadas "self made bomb" deutet auf Gegenwart und Zukunft.

Die Ausstellung "Grenzweg" mit Arbeiten von deutschen Künstlerinnen und Künstlern in der Galerie der Bildenden Kunst Most im Souterrain der Dekanatskirche zeigt einen sehenswerten und repräsentativen Querschnitt durch die zeitgenössische Malerei, Grafik und Plastik aus der Euroregion Erzgebirge. Kuratiert vom Leiter der Galerie, Petr Svoboda, entsteht in den eindrucksvollen Kellergewölben der 1970 um fast einen Kilometer versetzten Dekanatskirche ein vielgestaltiges Bild der Gegenwartskunst einer Region, die es in den vergangenen 25 Jahren nicht leicht hatte und es sich oft auch nicht leicht machte. Es reicht von dem im Kreis des Lebens oder auch im Hamsterrad "Gefangenen" von Antje Müller-Palasti bis zum weltzugewandten, freundlichen "Griechischen Porträt" von Mechthild Pöhler. Es reicht von den aus der Kleinteiligkeit des Erzgebirges herrührenden, aber ins Offene des Himmels strebenden poetischen Landschaften Angelika Zwargs bis zu den die Überflussgesellschaft mit ihrer grellbunten Werbung karikierenden Bildern des Augustusburgers Uwe Schwarz. Das kleine, einander abgewandte "Paar" von Peter Paul Brockhage hat darin ebenso seinen Platz wie der Blick über den Zaun und über die Grenze auf die böhmischen Landschaften von Rolf Münzner, die unbetitelte Expressivität von Torsten Ueschner und die ironischen Tierfiguren von Konrad Hunger.

Dazwischen immer wieder Figuren aus dem "Lebenszyklus" von Fritz Böhme, die in ihrer archaischen Wucht wohl am besten Glanz und Elend dieser Region zwischen Döbeln, Freiberg und Johanngeorgenstadt, Fichtelberg und Flöhatal beschreiben, die sich nach dem niedergehenden Bergbau und der später abgewickelten Massenproduktion in einer einst hochindustrialisierten, deshalb aber auch von Umweltschäden heimgesuchten Landschaft immer wieder neu erfinden musste, ohne ihre Eigenheiten aufzugeben.

Die Arbeiten für die Ausstellung sind klug ausgewählt, stimmig gehängt und platziert - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Sie zeigen eine Kunstlandschaft, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist, nicht schämt und nicht zu schämen braucht, die aber auch nach außen strahlt und in der Welt bestehen kann. Provinzielles wurde weitgehend vermieden, erzgebirgische Künstler nehmen Teil an der Welt, nicht nur mit einer Replik wie der von Wolfram Liebing aus Wolkenstein zum Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" oder den einfühlsamen, universalen Menschenbildern in Klaus Hirschs Lithografien.

Die Ausstellung ist aber auch repräsentativ in dem, was sie nicht zeigt. Kunst im Erzgebirge realisiert sich eher in klassischen Formen: Malerei, Grafik, Bildhauerei, natürlich oft in Holz. Videos, multimediale Werke, Installationen hätten sich vielleicht auch finden lassen, aber sie sind im Erzgebirge eher die Ausnahme, was zum Teil an mangelnden Ausstellungsmöglichkeiten für diese Kunstformen liegt, aber auch daran, dass Jugendliche, auch junge Künstler ihr Glück zuerst einmal außerhalb suchen. Wobei das Erzgebirge inzwischen auch beliebter Rückzugsort für Künstler ist, die früher in Chemnitz oder anderen größeren Städten arbeiteten, wie etwa Hanna und Ralf Siebenborn.

Alles in allem ist die Ausstellung ein schönes, vielfarbiges und noch gar nicht alltägliches Beispiel deutsch-tschechischer Zusammenarbeit, das in Most - wo einst die gesamte Altstadt dem Kohlebergbau geopfert wurde - einen passenden Ort gefunden hat. Nun sollte in absehbarer Zeit umgekehrt auch zeitgenössische tschechische Kunst den Weg über die Grenze nach Deutschland finden.

Die Ausstellung "Grenzweg" in der Galerie der Bildenden Künste Most in der Dekanatskirche ist bis 27. September zu sehen, täglich, außer montags, von 10 bis 18 Uhr.

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