Zirkus der Eitelkeiten

Vor über 50 Jahren luden die Rolling Stones eine Weltelite der Rockmusik zur Teilnahme an einem TV-Promo-Marathon für ein neues Album ein. Die Ergebnisse wurde erst 28 Jahre später öffentlich - stark gekürzt. Jetzt wurde noch mal nachgelegt - in bescheidenem Umfang.

London.

Morgens um 8 Uhr schon warteten die ersten Groupies vor dem Cavernous Intertel Studio im Londoner Norden. Mittendrin die Ex-Englischlehrerin Mick Jaggers, die immer wieder beteuerte, was für ein guter Junge er doch gewesen sei, immer leise und höflich. "Ich glaub' nicht, dass er das heute noch gerne hört." Die gesamte Belegschaft der Rizla-Zigarettenfabrik gegenüber des Studios stand auf dem Dach aufgereiht und staunte, als Yoko Ono und John Lennon im weißen Rolls Royce vorfuhren. Es folgten The Who, Eric Clapton, Jethro Tull, Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience und Marianne Faithfull mit Mick Jagger. Die Rolling Stones hatten für den 11. Dezember 1968 eingeladen zu ihrem legendären "Rock And Roll Circus".

Die goldenen Metall-Tickets gab es bei ihrem Fanclub und beim New Musical Express. In nur zwei Wochen hatten Mick Jagger und Regisseur Michael Lindsay, der schon Ready Steady Go und fast alle Beatles- und Stones-Filme produziert hatte, das Spektakel auf die Beine gestellt. Alle angefragten Musiker hatten zugesagt. Nur Brigitte Bardot, die den Zirkusdirektor geben sollte, war verhindert. Den Bluesmusiker Taj Mahal ließen die Stones extra aus den USA einfliegen. Heimlich. Sonst hätte es Ärger mit der Gewerkschaft der Britischen Musiker gegeben.

Was der Zirkus sollte? Um ihr neues Album "Beggar's Banquet" zu promoten, wollten die Stones eine TV-Show der Superlative aufzeichnen. Jagger mit seinem Faible für den Zirkus war ein Konzert nicht genug, er inszenierte das Ganze in einer Manege. Mit lebendem Tiger, boxendem Känguru, Feuerschluckern und Clowns. Im Studio wurde ein halbes Zirkuszelt aufgebaut, tonnenweise Sand hineingekarrt, und alle Besucher erhielten bunte Capes und Clownshüte. Eine riesengroße Session sollte es werden. Erlaubt war fast alles. Jede Band spielte ihren Gig. In den Umbaupausen kamen Tiere und Akrobaten in die Manege.

Der Abend nahm seinen Lauf. Am Piano erfanden John und Yoko mit Eric Clapton lustige Namen für die Supergroup, die am Abend auftreten sollte. Sie einigten sich in Anspielung auf Fleetwood Mac auf "The Dirty Mac". Die legendäre Aufnahme des "Yer Blues" lässt sich heute dutzendmal auf YouTube nachhören. Und die Jamsession "Whole Lotta Yoko" mit Yoko Onos Gequake belegt, warum sie zu den meist gehassten Frauen der Szene zählt(e). Marianne Faithfull dagegen überzeugt mit einer eindringlichen Fassung von "Something Better". Eigentlich B-Seite. Aber die A-Seite "Sister Morphine" erschien ihr für den Anlass irgendwie unpassend. Obwohl: Drogen in dieser Nacht auf jeden Fall eine Rolle spielten. Man sehe nur in die leeren Gesichter der Musiker und beachte die langsame Artikulation. Mancher soll so zugedröhnt gewesen sein, dass er gar nicht mehr fähig war aufzutreten.

Schon zum Dinner abends um acht soll der Barmann Who-Drummer Keith Moon beschieden haben, er habe genug Alkohol. Ob er wen habe, der ihn heimfahre? Worauf der Schlagzeuger erwiderte: "Ich habe Leute, die auf mich aufpassen! Gib mir einen Drink, mein Lieber!" Beim Auftritt von The Who war Moon auf jeden Fall wieder fit und wirbelte bei der Mini-Oper "A Quick One While He's Away" die Trommelstöcke wie ein tausendarmiger Shiva durch die Luft. Als die Stones endlich die Bühne bestiegen, war die Party schon 14 Stunden im Gange: Kein Wunder, dass sie etwas müde wirkten. Das verschleppte Tempo aber steht "Jumping Jack Flash" gar nicht übel. 5 Uhr morgens war nur noch Regisseur Lindsay voller Energie. "You Can't Always Get What You Want" sang Jagger seiner Freundin Marianne Faithfull ins Gesicht. Und bei den Bongos von "Sympathy For The Devil" hatten sie dann Betriebstemperatur erreicht. So trudelte die Nacht mit "Salt Of The Earth" aus, bei dem alle Musiker in die bunten Ponchos stiegen. 6Uhr früh karrte man sie in Bussen ins Hotel. Gesendet wurde das TV-Special erst mal nicht: Die Stones waren mit ihrem Auftritt unzufrieden. Es wurde gar überlegt, ihn noch einmal neu einzuspielen. Dann aber starb Gitarrist Brian Jones, und die Sache hatte sich erledigt. Publiziert wurden Film und Album erst Mitte der 90er-Jahre.

Gut 50 Jahre nach dem Konzert erscheint jetzt bei Universal eine bearbeitete Aufnahme mit neun Bonus-Tracks auf LP, CD, DVD und Blueray. Bei den zusätzlichen Tracks handelt es sich um drei Songs von Taj Mahal, eine Version von "Revolution", ein zweites Take des "Yer Blues" und zwei Interpretationen des Pianisten Julius Katchen (1926 - 1969), der Mozarts C-Dur-Sonate und Manuel de Fallas Feuertanz spielt. Dazu eine Session und eine Ansage. Nicht viel Neues. Das Boxset ist eher was für Fans. Dabei müsste es viel mehr Material geben. Spielte doch jede Band einen ganzen Gig. Aber vielleicht erscheinen die fehlenden Aufnahmen ja zum nächsten runden Jubiläum. Das wäre 2044.

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