Zubettgehen als subversiver Akt

Der Schriftsteller Christoph Hein plaudert in seinem neuen Buch aus dem Nähkästchen und startet den "Gegenlauschangriff".

Berlin/Hamburg.

Schon vor dem Erscheinen sorgte dieses Büchlein für ein Rauschen im Blätterwald. Was als leichte Anekdotensammlung gedacht war, mit der Christoph Hein sich zum 75. Geburtstag am 8.April selbst ein Geschenk machen wollte, traf plötzlich mitten hinein in die unsäglichen Debatten um Florian Henckel von Donnersmarcks (Nicht-)Gerhard-Richter-Film "Werk ohne Autor" und darüber, ob ein Wessi sich das Leben eines Ossis "einverleiben" dürfe. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte ein Kapitel aus Heins Buch als Vorabdruck veröffentlicht, in dem der berichtete, er habe seinen Namen aus dem Vorspann des Films "Das Leben der Anderen" löschen lassen, weil er zwar als Berater mitgewirkt, sich und die DDR-Verhältnisse aber am Ende im Film nicht wiedererkannt habe.

Okay, dass der Film gar keinen Vorspann besitzt, sondern nur einen Abspann, was Christoph Hein in einer Gegendarstellung auch einräumen musste, war ein bisschen peinlich. Ausgerechnet dieser deutsch-deutsche Chronist, der für seine großen Romane ("Glückskind mit Vater", "Trutz") so gewissenhaft recherchiert, hatte sich, was das eigene Leben angeht, vertan. Weshalb auch recherchieren, was man selbst erlebt hat? Im ausgelieferten Buch ist der Fehler korrigiert. In der zweiten Auflage kann Hein, wenn er will, die Farce weiterdrehen und den Streich, den die Erinnerung ihm spielte, einarbeiten. Die Episode zeigt, dass es ihm im neuen Buch vor allem um die Geschichten geht. Er ist ja Schriftsteller, kein Historiker. Auch in den anderen 27 launigen "Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege" (wie er sie nennt und damit das geteilte Deutschland während des Kalten Krieges meint) zitiert er Namen oft nicht komplett, oder spart sie ganz aus.

Wer in der DDR gelebt hat, weiß, wer gemeint ist. Wer nicht, wird trotzdem seine Freude an Heins persönlichen Erinnerungen haben. Wenn er erzählt, wie 1976 ausgerechnet der Funktionär seinem Kollegen Heiner Müller zur Uraufführung von "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Land" gratuliert, der 15 Jahre zuvor dafür gesorgt hatte, dass das Stück abgesetzt und Müller aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde, was dem Berufsverbot gleichkam. Nach langen Verhandlungen durfte Müller das Stück doch spielen, weil er zugestimmt hatte, den Titel in "Die Bauern" zu ändern und es zu überarbeiten. Zwar schrieb er nur einen Satz dazu ("Zeig mir ein Mausloch und ich fick die Welt"). Das aber reichte: "Die Zensoren ließen sich schließlich, wohl oder übel, darauf ein."

Christoph Heins Buch enthält wunderbare Kuriositäten. Da ist von Schauspieler Manfred Krug zu lesen, der die SED-Funktionäre bei einem Gespräch in seiner Wohnung über die Ausbürgerung Wolf Biermanns mit einem extra angebrachten Mikrofon auf Band aufnahm. Oder von Professor Jürgen Kuczynski ("Dialog mit meinem Urenkel"), in der DDR eine Koryphäe als Wirtschaftshistoriker. Über den Ablauf seines Arbeitstages befragt, antwortete er, stets um 20.15 Uhr zu Bett zu gehen. Was einem subversiven Akt gleichkam, gestand er so doch, Westnachrichten zu schauen.

In einer anderen Geschichte erinnert sich Hein, wie ihn nach dem Mauerfall der Kulturausschuss in eine Kommission berief, um über die weitere Existenz ostdeutscher Kultureinrichtungen zu entscheiden. Als die aus dem Westen stammenden Mitglieder den Friedrichstadtpalast wegrationalisieren wollen, dieses "Frohsinnskombinat" mit "volkseigenen Entkleidungstänzern", wie der "Spiegel" 1990 ätzte, kann Hein sie umstimmen, indem er entgegenhält, die "64 schönsten Beine der Stadt" seien ein Publikumsmagnet. Mit Eintrittskarten des Friedrichstadtpalastes habe er sein Wochenendhaus auf dem Land jahrelang vor dem Verfall retten können, weil er damit "auch den widerspenstigsten Handwerkermeister dazu bewegen" konnte, sein Haus vor allen anderen in Stand zu halten.

Nicht jede Episode ist zum Lachen. Wenn Hein etwa erzählt, wie der stellvertretende Kulturminister der DDR, Horst Brasch, verhindert, dass Hein einen Studienplatz an der Kunsthochschule in Leipzig bekam. Dessen Sohn, dem Schriftsteller Thomas Brasch, erzählt Hein nichts davon. Er will die Freundschaft mit ihm nicht gefährden. Das aber entpuppt sich als Fehler. "Das Verschwiegene steht unüberwindbarer zwischen zwei Menschen als jedes böse Wort." Szenen wie diese lassen einem beim Lesen das Blut in den Adern frieren.

Egal, ob gut recherchiert, oder selbst erlebt: Christoph Hein zu lesen, lohnt sich immer. Seine Bücher seien jedem empfohlen, der wissen will, wie es in der DDR war und was die Wende für die Menschen im ehemaligen Ostdeutschland bedeutete.

Das Buch Christoph Hein: Gegenlauschangriff - Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. Suhrkamp Verlag. 126 Seiten. 14 Euro.

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