Zucker aus Salz

Die Ausstellung "Leben am Toten Meer" im Chemnitzer Landesarchäologiemuseum erzählt auf den ersten Blick die Geschichte einer unwirtlichen Region. Auf den zweiten Blick aber geht es um den Menschen an sich. Und um eine seiner größten Fähigkeiten.

Chemnitz.

Man liefe leicht Gefahr, achtlos daran vorbeizugehen, wäre da nicht das mannshohe Standbanner. Mit der großen Aufschrift "In The Evidence Of Its Beauty" macht es im Eingangsbereich des Sächsischen Landesmuseums für Architektur (Smac) auf eine Anfang November eröffnete Ausstellung mit Werken israelischer Schmuck- und Objektkünstler aufmerksam. Sie haben sich von der Einzigartigkeit des Toten Meeres, seiner Geschichte, seinen natürlichen Gegebenheiten inspirieren lassen. Und sie treten, wie es das Transparent sagt, den Beweis seiner Schönheit an.

Sinnfälligerweise ist die Vitrinenschau, die die aktuelle Sonderausstellung des Smac "Leben am Toten Meer" zum tiefsten Punkt der Erdoberfläche begleitet, auf der tiefsten im Museum verfügbaren Ausstellungsfläche untergebracht. Salz und seine Eigenschaften sind dabei nur ein Aspekt unter vielen, dem die 18Künstler mit ihren Objekten Ausdruck verleihen - und damit zugleich Neugierde wecken auf das, was das Tote Meer ausmacht.

Neugier, die vier Stockwerke höher gestillt wird: Nach Angaben der Ausstellungsmacher handelt es sich bei der Chemnitzer Ausstellung um den ersten Versuch überhaupt, dem Toten Meer in musealer Form so umfassend gerecht zu werden - und es überhaupt ins Bewusstsein einer wenigstens interessierten Öffentlichkeit zu rücken. Denn, Hand aufs Herz, was weiß man schon? Jeder kennt die Fotos von Touristen, die sich Zeitung lesend auf dem Rücken liegend in den extrem salzhaltigen Fluten fotografieren lassen, in denen man nicht untergehen kann. Mancher mag im Drogeriemarkt Hautpflegeprodukte aus dem sehr mineralienreichen Salz des Toten Meeres gesehen oder gekauft und benutzt haben. Aber den wenigsten dürfte bewusst sein, welche Relevanz dieser in seinen Grundlagen vor 1,2 Millionen Jahren entstandene lebensfeindliche Lebensraum hat. Und das in vielerlei Hinsicht.

Die Ausstellungsmacher sortieren. Um den Kern, in dem es um die bloße Existenz und Natur des heute zwischen Israel, Jordanien und dem Westjordanland aufgeteilten Toten Meeres geht, haben sie auf der vierten Etage des Schocken-Baus wie Salzkrusten um einen Kiesel chronologische Rundgänge angelegt - zu den Aspekten Wellness, Mobilität, Höhlen - Dörfer - Städte, Macht und Ohnmacht sowie Kult und Religion.

Gleich von welcher Seite man das Tote Meer nun betrachtet, erstaunt es nicht nur, welche Bedeutung in vielerlei Hinsicht eine so wenig gefällige, ja, anfangs auch noch schwer zugängliche Region konstant über Jahrtausende hinweg für die Menschen hatte. Als Platz, sich im wahrsten Sinn des Wortes von der Natur heilen zulassen. Als von den jeweiligen Weltmächten umkämpfte Ressourcenquelle - neben Salz für Asphalt, der bereits in der Antike vielerlei Verwendung fand und sich bei Erdbeben regelmäßig in dicken Brocken vom Meeresboden löste. Als Transitregion zwischen bedeutenden Wirtschaftsräumen. Als Standort für exklusive Formen der Landwirtschaft. Neben dem Anbau von Balsambäumen einer heute als ausgestorben geltenden Art für die Parfümherstellung vor allem die Kultivierung von Dattelplantagen. Ein Kuriosum ist es dabei, dass ausgerechnet auf einem der salzhaltigsten Böden des Erdballs als eine von wenigen Pflanzen die Dattelpalme gedeiht. Die bringt ihres Zeichens die Früchte mit dem größten Zuckergehalt hervor: 84 Prozent.

Die Ausstellung zeigt zahlreiche archäologische Funde, die belegen, dass sich Menschen seit jeher große Mühe gegeben, große Opfer gebracht haben, dieser Region, die ihnen das Leben so schwer machte, dennoch das Beste abzugewinnen. Das ist unausgesprochen denn auch die über allem stehende Aussage, die diese Ausstellung so aktuell und relevant macht: Der Mensch hat an diesem Ort in Jahrtausenden immer wieder bewiesen, dass er dazu in der Lage ist, auch in unwirtlichen Gegenden ein für sich lebenswertes Umfeld zu schaffen - durch Ausdauer, Erfindungsreichtum und dadurch, dass er scheinbar widrige Bedingungen zu seinem Vorteil genutzt hat. So wie ein Kampfsportler einen Angriff so geschickt umlenkt, dass er die Kraft seines Gegners letztlich nutzt, um seine eigenen Ziele zu erreichen.

Wir leben in einer Zeit, in der ein relevanter, gut vernehmbarer Teil der Gesellschaft auf mögliche, noch nicht mal bis ins Letzte ausprognostizierte Folgen des Klimawandels starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. In einer Zeit, in der Hobby-Apokalyptiker glauben, den vermeintlich bevorstehenden Weltuntergang exakt datieren zu können. (Nebenbei: Auch vor Tausenden Jahren am Toten Meer gab es schon solche Menschen.) In so einer Zeit verbreitet eine Ausstellung wie diese Mut und Gelassenheit. So wichtig es ist, mit der Erde anständig umzugehen, so extrem die äußeren Lebensbedingungen sein mögen - der Mensch hat noch stets Wege gefunden, den Nachteilen seiner Umwelt zu begegnen oder sie für sich zu nutzen. So wie die Dattelpalme scheinbar Salz in Zucker verwandelt.

Die Ausstellung

"Leben am Toten Meer" im Smac in Chemnitz ist noch bis zum 29. März dienstags bis sonntags von 10 bis 18, donnerstags bis 20 Uhr, zu sehen. Geschlossen ist am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar.

Die Ausstellung "In The Evidence Of Its Beauty" wird im Bereich vor der Museumskasse noch bis zum 12. Januar 2020 gezeigt.

www.smac.sachsen.de

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