Zuerst kriminell, dann Rebell ...

Lips Tullian galt einst als gefährlichster Verbrecher Sachsens. Später jedoch wurde er ganz anders wahrgenommen. Eine Ausstellung in Nossen widmet sich dem im 17. Jahrhundert geborenen Räuber und Banditen.

Nossen.

Der Verurteilte wurde auf den Boden geworfen und festgebunden. Dann stellte sich der Scharfrichter mit einem Wagenrad über sein Opfer und ließ es mit voller Kraft auf die Unterschenkel fallen, wodurch diese brachen. Er setzte diese Prozedur weiter fort mit den Knien und den Oberschenkeln. Nach dieser Marter führte der Henker die gleiche Prozedur mit den Unter- und Oberarmen des Delinquenten durch. Danach setzte der Henker sein Treiben mit Schlägen gegen den Brustkorb des Opfers fort, was oft den Tod des Verurteilten zur Folge hatte. Rädern hieß diese grausame Hinrichtungsart. Und auch Lips Tullian war davon betroffen.

Doch Sachsens Oberhaupt, August der Starke, "milderte" das Urteil gegen Tullian in einem Gnadenakt ab. Vor dem Rädern wurde Tullian enthauptet, sodass er von der anschließenden Marter nichts mitbekam. Er hatte sich nach langer und schmerzhafter Folter umfassend geständig gezeigt und dazu Kumpane einer großflächig agierenden Räuberbande verraten. Seine Hinrichtung am 8. März 1715 auf dem heutigen Albertplatz in Dresden geriet zum Spektakel. Etwa 20.000 Menschen schauten zu.

Wer war dieser Lips Tullian, der so unangenehm aus dem Leben scheiden musste? Eine Frage, die auch die Ausstellung "Geld oder Leben! Die Karriere des Räuberhauptmanns Lips Tullian" im Schloss Nossen nicht so einfach beantworten kann. Ganz genau weiß man nicht, wann er geboren wurde. Nur das Geburtsjahr 1675 ist bekannt. "Lips Tullian" war jedenfalls nicht sein tatsächlicher Name. "Elias Erasmus Schönknecht" soll er geheißen haben, nach einer anderen Quelle soll "Philipp Mengstein" sein wahrer Name gewesen sein. Eines ist aber klar: "Zu seiner Zeit galt er als der gefährlichste Verbrecher in Sachsen", so der Historiker und Nossener Schloss-Museologe Peter Dänhardt. Gleichwohl änderte sich mit zeitlichem Abstand die Wahrnehmung. Aus dem Banditen wurde ein Rebell.

Das Wort "Rebell" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "Aufrührer" oder "Aufständischer". Es hat bei den meisten Menschen wohl einen eher positiven Klang. Ein Rebell oder eine Rebellin stellt das Konventionelle in Frage. Sie wenden sich gegen den Mainstream. Sie denken neu oder zumindest anders. "Ich bin dagegen, egal worum es geht" heißt es in dem ironischen Song "Rebell" der Band Die Ärzte. Echte Rebellen nehmen für ihre Meinung und ihre Überzeugungen Nachteile in Kauf, legen sich mit Mächtigen an, entwickeln aus Gedanken Anleitungen zum Handeln. Rebellen machen im besten Fall Geschichte, treiben die Entwicklung voran.

Zum Beispiel Jesus Christus: "Er war nicht so gemildert und so unbegrenzt duldsam, wie die sanften Heinriche meinen, sondern ein zorniger Mensch, der den Wechslern die Tische umwarf. Er tat das alles freilich aus Liebe. Er war ein Rebell der Liebe", so der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) über den ganz frühen, populären Heroen. Es gab viele Nachfolger - in der Religion, in der Musik, in der Kunst, in der Wissenschaft und in der Politik.

Doch hat Lips Tullian wirklich den Status eines Rebellen verdient? Sicher, er forderte das Establishment der damaligen Zeit mit seinem Tun heraus. "Es hat neben prominenten, wohlhabenden bis reichen Opfern aber auch viele namenlose gegeben", weiß Peter Dänhardt. Einer späteren romantischen Verbrämung stand dies jedoch nicht im Wege. Bald wurden Bücher über Tullian geschrieben, in denen Fakten immer weniger eine Rolle spielten. Fiktives wurde hinzugedichtet. So soll eine unglückliche Liebe den ursprünglich rechtschaffenen Mann auf die schiefe Bahn gebracht haben.

Die Romantisierung solcher Helden ist so selten nicht. Robin Hood beispielsweise soll ein Mitglied einer Räuberbande gewesen sein. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, dass es ihn als Rächer der Armen nie gegeben hat. Zum Helden wurde er erst in spätmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen englischen Balladenzyklen. Karl Stülpner (1762-1841), erzgebirgischer Volkstribun, hat es tatsächlich gegeben. Doch sein überliefertes Leben, so viel weiß man heute, dürfte in großen Teilen reine Fiktion gewesen sein. Nicol List war - nicht mehr und nicht weniger - ein sächsischer Räuberhauptmann im ausgehenden 17. Jahrhundert. Für Friedrich Schiller diente er freilich als Vorlage für den freiheitsliebenden Räuber Karl Moor in seinem Drama "Die Räuber".

Auch die Neuzeit kennt ihre Rebellen. Der Argentinier Che Guevara (1928-1967) ist bis heute eine Kultfigur, nicht nur weil er entscheidend half, den kubanischen Diktator Fulgencio Batista 1958 zu stürzen. Seine Rezeption in der zeitgenössischen Kunst dürfte einen großen Anteil daran haben. Sein Leben wurde in vielen Büchern beschrieben und verfilmt, sein Abenteurertum, aber auch die Umstände seines Todes dienten der Legendenbildung. Teilweise wurde da schon verdrängt, dass er an der Etablierung eines neuen Unrechtsregimes konkret beteiligt war. Nach dem Sturz Batistas rächt er sich an dessen Gefolgsleuten mit aller Härte. In den ersten drei Monaten schickte er als Chefankläger rund 550 Menschen in den Tod, bevor Revolutionsführer Fidel Castro die Exekutionen der Erschießungskommandos einstellen ließ.

"Jüngster" Rebell ist der abgesetzte katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont. Er strebt die Loslösung Kataloniens von Spanien an. In den Augen der spanischen Staatsanwaltschaft hat er sich der Rebellion schuldig gemacht, sie hat entsprechende Anklage erhoben.

In der Bundesrepublik gibt es einen solchen Straftatbestand schon lange nicht mehr. Bis 1969 mussten Rädelsführer eines Aufruhrs laut damaligem Strafgesetzbuch mit Konsequenzen rechnen. Bis zu zehn Jahren Haft im Zuchthaus drohte den Rädelsführern. Ende März wurde Puigdemont in Deutschland festgenommen. Der Vollzug des Auslieferungshaftbefehls wurde durch die deutsche Justiz ausgesetzt. In Spanien droht dem 55-jährigen Politiker zwar keine Enthauptung und auch kein Rädern wie einst Lips Tullian. Doch muss er mit einer Haftstrafe von bis zu 30 Jahren rechnen. Für viele Katalanen ist er schon jetzt ein Held und Rebell.

Die Ausstellung

Geld oder Leben! Die Karriere des Räuberhauptmanns Lips Tullian, Nossen, Schloss, Am Schloß 3, Eintritt 4 Euro, erm. 1-3 Euro, Di-Fr 10-17 Uhr, Sa, So+Feiertage 10-18 Uhr.

Ferienspaß Räuber und Rabauken, Do (8. 8.) 15 Uhr, Anmeldung unter Telefon: 035242 50435.

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