Zum 90. von Christa Wolf: Kassandra schweigt nicht

Am kommenden Montag wäre Christa Wolf 90 Jahre alt geworden. Ein Blick in ihre Bücher lohnt noch immer - sie erzählen auch von der Zeit, die die Schriftstellerin gar nicht mehr erlebt hat.

Chemnitz.

Einige ihrer Bücher vergilben langsam im Regal. Das billige Papier war nicht für die Ewigkeit gemacht - wie das Land, in dem es bedruckt wurde. Das Papier vergilbt, aber Christa Wolfs Bücher verstauben nicht. Sie werden immer mal wieder gelesen. Und sei es nur zum Nachschlagen von einigen Sätzen, den "Wegschildern und Mauerinschriften", wie ein Buch des mit ihr befreundeten Günter Kunert heißt. Nach Sätzen, die damals (wie fern das klingt und wie nah es ist) Trost und Erkenntnis spendeten.

Geboren am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen, gestorben am 1. Dezember 2011 in Berlin: Christa Wolf war Wegbegleiterin mehrerer Generationen DDR-Bürgerinnen und -Bürger, aber nicht nur der. Ihre Bücher wie "Der geteilte Himmel" (1963), "Nachdenken über Christa T." (1968), "Kindheitsmuster" (1976), "Kein Ort. Nirgends." (1979), "Kassandra" (1983), "Störfall" (1987), "Stadt der Engel" (2010) waren für viele ihrer Leserinnen und Leser mehr als Literatur. Sie waren Bestätigung, Ermutigung, Anregung, manchmal auch zum Widerspruch. Vielleicht, weil sie in demselben "Gespinst aus Vorsicht, Redlichkeit und freiwilliger Selbstkontrolle" lebten, das der kritische Freund Hans Mayer Christa Wolf anlässlich der "Kindheitsmuster" bescheinigte. "Erzählen ist Sinn geben", schrieb Christa Wolf in "Kassandra", und so erzählte sie vom geteilten Leben in einem geteilten Land, von den Ahnungen der atomaren und anderer Katastrophen. Wenn es die DDR betraf, nicht immer ohne den "Mut zum Verschweigen der Wahrheit", den ihr ebenfalls Hans Mayer attestierte, mit Blick auf Hermann Kant aber darauf verwies, dass immer noch ein Unterschied bestehe "zwischen dem Verschweigen der gewussten Wahrheit und dem Sagen der gewussten Unwahrheit".

Christa Wolf wusste um dieses Dilemma - viele ihrer Texte handeln in und zwischen den Zeilen davon. "Diese verwickelten politischen Zustände, und nun auch noch ich!" lässt sie Kassandra sagen, und so mag auch Christa Wolf gedacht haben, als sie in der DDR zu schreiben begann, in ihren Büchern von intensiven Selbstbefragungen erzählte. Doch ihre Selbstreflexion war nie Selbstzweck, ebenso wenig wie die gemeinsamen literarischen und künstlerischen Aktivitäten mit ihrem Mann Gerhard, die vielen Schriftstellern und Künstlern Öffentlichkeit und ein Podium in der DDR und darüber hinaus boten, das ihnen von der offiziellen Kulturpolitik nie gewährt worden wäre. Carlfriedrich Claus ist da nur das prominenteste Beispiel.

Vor allem aber ging es Christa Wolf darum herauszufinden, wie wir leben, wie wir leben können, wie wir leben sollten angesichts der Bedrohungen in der Welt: "Wenn die atomare Gefahr uns an die Grenze der Vernichtung gebracht hat, so sollte sie uns doch auch an die Grenze des Schweigens, an die Grenze des Duldens, an die Grenze der Zurückhaltung unserer Angst und Besorgnis und unserer wahren Meinungen gebracht haben." Was sie 1983 in den Texten und Tagebüchern um "Kassandra" schrieb, würde sie sicher auch heute angesichts der Klimakatastrophe, der Flüchtlingsnot, Rechtsradikalismus und drohender Stellvertreterkriege um die Vorherrschaft in der Welt schreiben. Denn es ist, wie es auch damals schon war: "Alles, was sie wissen müssen, wird sich vor ihren Augen abspielen, und sie werden nichts sehen. So ist es eben." Und sie wusste auch schon, was sie Kassandra sagen lässt: "Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehn."

Wovon die Welt weit entfernt ist. Wolf schrieb auch um und für die Hoffnung, und sie sah deren Zeichen an der Wand, auf der Straße. Sie zitiert: "Eine junge Frau: Ich möchte mich später einmal nicht fragen lassen müssen - so wie wir unsere Eltern und Großeltern fragen : Warum habt ihr damals nichts gesagt?" Und sie ergänzt, lange vor der Wiedervereinigung, und immer noch gültig: "Ein Menschentyp ist da entstanden, ähnlich oder gleich in Ost und West, eine schmale Hoffnung..." Obwohl die verfluchte Hoffnung sie auch immer wieder enttäuscht hat. Diese Episode mit der Staatssicherheit - vor zwei Jahren erschien, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, erstmals ein schmales Bändchen mit Versen von Christa Wolf, die sich nie als Lyrikerin verstand. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von ihrem Mann Gerhard, enthält es Gedichte unter dem Titel "Was nicht in den Tagebüchern stand". Darunter auch ein langer Text als Reaktion auf einen Brief Volker Brauns nach ihrer Selbstenttarnung als kurzzeitiger IM der Staatssicherheit. "Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle", schreibt sie da. Eine Falle für die, die da wohl wussten, dass die DDR nicht die beste aller Welten war. Aber musste es nicht etwas Anderes, Besseres geben als den Kapitalismus? Wo war es? "Kein Ort. Nirgends." "Das Schlimme ist", schreibt sie, "wir haben dieses Land geliebt (Regieanweisung: Tosendes Gelächter)". Es sind Verluste, denen sie mit Literatur etwas entgegensetzen wollte. Aber schon in den "Kindheitsmustern" wusste sie auch: "Du weinst um alles, was einmal vergessen sein wird - nicht erst nach dir und mit dir zusammen, sondern solange du da bist und von dir selbst. Um das Schwinden der hoch gespannten Erwartungen. Um den allmählichen, doch unaufhaltsamen Verlust jener Verzauberung, die Dinge und Menschen bisher gesteigert hat und die das Älterwerden ihnen entzieht. Um das Nachlassen der Spannung, die aus Übertreibung kommt und die Wahrheit, Wirklichkeit, Fülle gibt. Um das Schrumpfen der Neugier. Die Schwächung der Liebesfähigkeit. Das Nachlassen der Sehkraft. Die Erdrosselung der heftigsten Wünsche. Das Ersticken ungebändigter Hoffnung. Den Verzicht auf Verzweiflung und Auflehnung. Die Dämpfung der Freude. Die Unfähigkeit, überrascht zu werden. Um das Versagen von Geschmack und Geruch und, so unglaublich es sein mag, um den unvermeidlichen Verfall der Sehnsucht."

Aber vielleicht stimmt gerade diese, eine ihrer schönsten Passagen, nicht. Vielleicht ist sie doch geblieben, die Sehnsucht - für alle, die weiter auf der Suche sind, wie Christa Wolf es selbst war bis zu ihrem Tod 2011. Sie fehlt immer noch.

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