Zum Tod von Günter Lamprecht: Ein Leben im Drama

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Er war spezialisiert auf gebrochene Charaktere und schwierige Existenzen; mit "Berlin Alexanderplatz" wurde er berühmt. Aber auch sein eigenes Leben war zum Teil filmreif. Nun ist der Schauspieler mit 92 gestorben.

Bühnenstar.

Er schlug sich mit Berliner Polizisten die Nächte um die Ohren, setzte sich in schäbige Kneipen, backte drei Wochen lang frühmorgens Brötchen: Bereitete sich Günter Lamprecht auf eine neue Rolle vor, dann stürzte er sich ins Milieu. Als Franz Biberkopf in Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" oder als so kantiger wie beliebter "Tatort"-Kommissar Franz Markowitz schrieb er TV-Geschichte. Zum umschwärmten Star wurde er indes nie - vielleicht waren seine Charaktere dafür zu sperrig. Gestört hat ihn das nicht: Lamprecht wollte einfach gute Arbeit abliefern. Am Dienstag ist Lamprecht im Alter von 92 Jahren in Bonn-Bad Godesberg gestorben, wie seine Agentin am Freitag bestätigte. Er hinterlässt seine Frau Claudia Amm und eine Tochter.


Eigentlich hätte auch aus ihm eine verkorkste Existenz werden müssen. Sein Vater, ein Berliner Taxifahrer, war Nazi aus Überzeugung. Länger als vier Jahre ist er nicht zur Schule gegangen. Als Hitlerjunge war er beim "Endkampf" um Berlin mit dabei. Nach dem Krieg gehörte er zu einer Gang jugendlicher Diebe: "Wir haben geklaut wie die Raben." Es folgte eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker. Und dann passiert das Wunder: Eines Nachts sagt ein besoffener Freund zu ihm: "Günter, du musst Schauspieler werden!" Daraufhin spricht der völlig unbelesene junge Mann bei der Schauspielschule vor - und wird genommen.


Seine einfache Herkunft war ihm immer bewusst: "Ich komme aus dem Proletariat, daraus mache ich keinen Hehl", erzählte er mal. "Ich verstehe die Probleme dieser Leute, darum gelingen mir diese Figuren vielleicht besser." Dazu kam, dass sein Leben "von Gewalt begleitet" war, wie er es ausdrückte. Als 15-Jähriger bekam er in den letzten Kriegstagen unweit der Reichskanzlei einen Streifschuss ab. 1999 entging er nur knapp dem Tod, als er durch puren Zufall zu einem der Opfer eines 16 Jahre alten Amokläufers wurde.
Die Erinnerung daran verblasste nie: Der stahlblaue Herbsthimmel in Bad Reichenhall, er steigt aus dem Auto, die Schüsse. Seine Freundin in einer Blutlache. Er selbst mit Durchschüssen durch beide Arme. Eine Stunde liegen sie dort, bis ein Sanitäter den Mut fasst, sich ins Schussfeld zu begeben und sie wegzuholen. Noch Jahre später träumte er davon.


Seine erste Filmhauptrolle spielte Lamprecht 1976 in "Das Brot des Bäckers" und gewann damit den Lubitsch-Preis. Es folgten weit über 150 Film- und Fernsehrollen, begleitet von zahlreichen Ehrungen. Lamprecht war Träger des Verdienstordens der Stadt Berlin und des Landes Nordrhein-Westfalen. Denn dort blieb der Ur-Berliner irgendwann in der Mitte seines Lebens hängen.
In den letzten 20 Jahren seines Lebens machte er sich rar. In der Serie "Babylon Berlin" war Lamprecht noch einmal als Reichspräsident Hindenburg zu sehen. Weitere Angebote gab es, aber es waren in seinen Augen nicht die richtigen. Mal sollte er den gutmütigen Opa geben, dann war die Story einfach "Schund". Als er schon auf die 90 zuging, fragte ihn mal ein junger Mann, was er früher von Beruf gewesen sei. "Schauspieler? Ehrlich? Hatten Sie auch mal so richtig 'ne Rolle?" Nur ein Mensch, der mit sich selbst völlig im Reinen ist, kann so eine Begebenheit mit solcher Heiterkeit erzählen wie er es tat. |dpa

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