Zur Wehr gesetzt

Auf seinem neuen Album "No Man's Land" erzählt der britische Folkpunk-Musiker Frank Turner spannende wie ungewohnte Frauengeschichten.

London.

Dass Frank Turner für Musik brennt, ist weithin bekannt. Doch der britische Musiker hat noch eine weitere große Leidenschaft: Geschichte. "Ich lese jeden Tag, die ganze Zeit. Heute Morgen habe ich ein 700 Seiten dickes Buch über die Romanow-Dynastie zu Ende gelesen und eins über England in den Fünfzigern angefangen", sagt er. "Ich bin einfach superneugierig. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und bekomme Panik, dass ich es nicht schaffe, in meinem Leben alle Bücher zu lesen, die ich gerne lesen würde. Buchhandlungen sind für mich ein No-Go, weil ich da mit 18 Büchern rauskomme." Auf seinem achten Album teilt der Hobby-Historiker sein angesammeltes Wissen nun mit seinen Fans: "No Man's Land" erzählt von faszinierenden Frauen, deren Biografien fast niemand kennt - sowie von Turners Mutter.

Angefangen hat alles mit einem Stück über Vaudeville-Star Fannie Keenan aus Dodge City, Kansas. 1878 wurde sie aus Versehen von dem Banditen Spike Kennedy erschossen, der es eigentlich auf den Bürgermeister abgesehen hatte. Die gesamte Stadt trauerte, und wenig später stellte sich heraus, dass es sich bei Fannie Keenan in Wirklichkeit um Dora Hand handelte, die Tochter einer reichen Familie aus Boston. "Als ich ihre Geschichte las, dachte ich nur: ,Was zur Hölle - warum hat darüber noch niemand einen Song geschrieben?'", so Turner. "Nachdem ein paar weitere Stücke entstanden waren, die ebenfalls von Frauen handelten, habe ich beschlossen, das Konzept auszubauen."

Neben Dora Hand singt Turner auf "No Man's Land" nun also von der feministischen Aktivistin Huda Sha'arawi ("The Lioness"), der byzantinischen Prinzessin Kassiani ("The Hymn of Kassiani") und von "Sister Rosetta", einer der einflussreichsten Musikerinnen der US-amerikanischen Geschichte. Das Stück "Rosemary Jane" ist ein Tribut an Turners Mutter, die sich jahrelang gegen den emotionalen Missbrauch durch seinen Vater zur Wehr setzen musste. Was also - von der in "A Perfect Wife" besungenen Serienmörderin Nannie Doss mal abgesehen - alle Frauen eint: Sie wurden von Männern unterdrückt, haben sich schlussendlich aber aufgelehnt oder ihnen widerfuhr Gerechtigkeit. Turners Beitrag zur "Me-too"-Debatte? "Natürlich steckt hinter dem Album auch ein politisches Statement, aber das ist selbsterklärend, das muss ich nicht auf ein T-Shirt drucken", so Turner. Mancherorts hagelte es auch Kritik dafür, dass ausgerechnet ein Mann diesen Frauen eine Stimme geben muss. "Gäbe es einen übersättigten Markt an Leuten, die Songs über Prinzessin Kassiani schreiben, dann würde ich das verstehen. Aber es gibt keinen!"

Auch bei den Aufnahmen hat Turner auf Frauenpower gesetzt: Produziert wurde das Album von Catherine Marks, die 2018 als Producer of the Year ausgezeichnet wurde. Und statt seiner Band The Sleeping Souls ließ Turner ausnahmslos Musikerinnen an die Instrumente. "Aber nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie ausgezeichnete Musikerinnen sind", so Turner. Was nicht zu überhören ist. Von Folk über Country bis hin zu jazzigen Tönen klingt Turner auf "No Man's Land" vielseitiger als je zuvor. Viele Stücke fangen genau den Sound der Zeit ein, in der sie spielen.

Weil es zu dem Album eine ganze Menge zu erzählen gibt, hat Turner sich übrigens etwas Besonderes überlegt: Begleitend zum Album hat er die höchst unterhaltsame Podcast-Serie "Tales From No Man's Land" aufgenommen. An Orten, die für die Frauen auf dem Album wichtig waren, sprach er dafür mit Historikern und Experten. "Ich habe in den letzten Jahren genug Platten über mich und mein Leben geschrieben", grinst Turner: "Bei diesem Album mal eine andere Quelle zu haben, war wirklich sehr befreiend."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...