Zwei Damen für Clara

Meistens wird der Robert- Schumann-Preis der Stadt Zwickau für Verdienste um das Erbe des großen Komponisten verliehen. Dieses Jahr stand dessen Frau im Mittelpunkt. Den Weg zu ihr haben beide Preisträgerinnen auf jeweils ihre Weise gefunden.

Zwickau.

Ein kleines Stück vom Ruhm, der am Freitagabend im Zwickauer Robert-Schumann-Haus bei der Verleihung des diesjährigen Robert-Schumann-Preises zu verteilen war, galt unausgesprochen einem unbekannten Mitglied der Musikredaktion einer ARD-Anstalt. Irgendwann in den frühen 80er-Jahren, erinnerte sich die Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Janina Klassen, die gemeinsam mit der Pianistin Prof. Ragna Schirmer den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Preis entgegennahm, hatte die damalige Studentin im ARD-Nachtprogramm ein Stück klassische Musik gehört. Es ließ sie aufhorchen: Es war das Klavierkonzert von Clara Wieck (1819 - 1896). Die Pianistin und spätere Frau von Robert Schumann hatte es bereits mit 16Jahren komponiert.

Ein nachhaltiger Eindruck für Janina Klassen. Sie befasste sich nun eingehender mit dieser damals noch nicht gar so sehr im Bewusstsein des Klassikbetriebs stehenden Musikerin. Womit sie, nach dem Beschluss, über Clara Schumanns Werke zu promovieren, zur Grenzgängerin wurde: "Ich bin noch mit Visum und Hotelvoucher in die DDR eingereist, um im Robert-Schumann-Haus zu forschen", erinnert sich die 66-Jährige Professorin an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau. Ebenso daran, dass sie während ihres Forschungsaufenthaltes täglich aus Karl-Marx-Stadt nach Zwickau pendeln musste. Weil es nur in der Bezirksstadt ein Interhotel gab, in dem sie logieren durfte. 1988 machte sie ihren Doktor mit Clara. Der Kontakt nach Zwickau hat weiter Bestand. Speziell zum langjährigen Wissenschaftlichen Mitarbeiter, Archivleiter, und Vize- sowie späteren Direktor des Schumannhauses, Gerd Nauhaus. Dessen Nachfolger als Direktor, Thomas Synofzik, pflegt ihn selbstredend ebenfalls. 2009 schickte Klassen der Dissertation eine Clara-Schumann-Biografie hinterher.

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch eine aufstrebende deutsche Pianistin längst ihr Augenmerk auf Clara Schumann gerichtet: Ragna Schirmer hatte bereits ihre Diplomarbeit einem Jugendwerk der Kollegin gewidmet. 2006, als Schumanns 150.Todestages gedacht wurde, konzipierte sie mit dem Schauspieler Dominique Horwitz einen musikalisch-literarischen Abend über die Ehe der Schumanns. Es folgten CD-Einspielungen von Werken beider Eheleute, darunter 2015 das Konzeptalbum "Liebe in Variationen", das die ambivalenten Beziehungen Robert und Clara Schumanns zu Johannes Brahms thematisiert.

Seit 2017 bereitet sich Ragna Schirmer, die neben der Solistentätigkeit im Musikzweig des Landesgymnasiums Latina August Hermann Francke in Halle (Saale) als Pädagogin arbeitet, aufs aktuelle Jahr des 200. Geburtstags von Clara Schumann vor: Sie gibt Konzerte nach Vorbild der Programme, mit denen Clara Schumann in ganz Europa auftrat. Die Recherchen dazu führten auch sie ins Schumannhaus, das über 1300 Programmzettel von Konzerten der mehr als 50 Jahre bühnenaktiven Pianistin verwahrt.

Bei alldem dächte man, dass sich die beiden in Sachen Clara so engagierten Damen schon ewig kennen und im Austausch stehen. Wie man sich irren kann: Erst bei einem Fachsymposium in Halle 2015 begegneten sie einander zufällig, wie der mit beiden freundschaftlich verbundene Musikwissenschaftler und Theaterdramaturg Karl Gabriel von Karais am Freitag im gut gefüllten Saal des Schumannhauses in seiner rhetorisch so brillanten wie ausgewogenen Doppel-Laudatio erzählte. Er sprach von zwei Preisträgerinnen, die heute praktisch ein Team bilden. Denn nicht nur zu Ragna Schirmers neuer, Ende April erscheinender, vor Bekanntgabe der Preisträger entstandener CD "Madame Schumann" (Berlin Classics) mit zwei historischen Programmen Claras hat Janina Klassen einen Begleittext geschrieben: "Sie hat mir Fragen beantwortet, die ich noch gar nicht gestellt habe", sagte die Wissenschaftlerin über die 19 Jahre Jüngere in ihrer Rede zum Dank. Den statteten beide ebenfalls arbeitsteilig ab: Ragna Schirmer bot voller Brillanz und aufs Feinste nuanciert ein Scherzo von Clara sowie Robert Schumanns Klavierzyklus "Carnaval" dar - in der Spielfassung seiner Gattin: Die ließ in dem als musikalische Travestie angelegten Werk stets jene Sätze weg, die sich auf zwei ehemalige Geliebte ihres Mannes beziehen.

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