Zwei starke Frauen und ein großer Traum

In "Trümmermädchen" erzählt Lilly Bernstein eine ergreifende Geschichte

Wenn Bücher einen Geruch hätten, würde dieses nach warmem, frischem Brot, süßem Gebäck und knusprigen Brötchen duften. Denn in "Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück" dreht sich alles um eine Bäckerei. Und wer könnte darüber besser schreiben als Lilly Bernstein, Synonym der Kölner Autorin Lioba Werrelmann, die selbst als Bäckerskind zwischen Backstube und Laden aufgewachsen ist. Ihr Vater war Bäcker, ihr Großvater, ihr Urgroßvater.

Doch es geht in dem Roman rauer zu, die lieblichen Düfte verwehen bald, mit dem Krieg kommt für Anna, die bei ihrer Tante Marie und ihrem Onkel Matthias, einem Bäckerpaar in Köln, aufwächst, das Unglück. Der Onkel wird eingezogen, später vermisst, die Bäckerei bei einem Luftangriff zerstört.

Unter dramatischen Umständen bringt Marie in einer dieser Bombennächte den kleinen Karl zur Welt. Nach Kriegsende liegt Köln in Trümmern, die Menschen frieren und hungern. Anna und Marie leben in Angst und Bedrohung, das Mädchen - nunmehr fast erwachsen - erlebt ihre erste Liebe, schließt sich einer Schwarzmarktbande an, steigt zur bekanntesten Kohlendiebin der Stadt auf. Ganz tief in ihrem Innern klammern sich die beiden Frauen verzweifelt an die Hoffnung, eines Tages die Bäckerei wieder öffnen zu können. Und an den Traum, dass die Männer, die sie lieben, zurückkehren.

"Trümmermädchen" ist ein zutiefst ergreifendes Buch, das einen bis zur letzten Seite fesselt. Eine einfach erzählte Geschichte aus der Kriegs- und vor allem der Nachkriegszeit, aber genau darin liegt die Stärke des Romans. Vielleicht ist er nicht die ganz große Literatur, aber kein experimenteller Schreibschnickschnack lenkt vom Geschehen ab.

Die Autorin stellt zwei starke, übermenschlich starke Frauen in den Mittelpunkt, lässt sie Fehler machen, kriminell werden, doch Großartiges leisten. Und Lilly Bernstein zeichnet ein Bild dieser schrecklichen Zeit, dem man sich nicht entziehen kann. Ihre Art des Schreibens, des Beschreibens lässt den Leser mittendrin sein. Respekt auch dafür, 75 Jahre nach Kriegsende noch einmal ein solches Thema aufzugreifen, von dem mancher vielleicht nichts mehr hören will, andere denken, darüber sei alles erzählt.

Nein, noch lange nicht, dafür steht Lilly Bernsteins "Trümmermädchen", mit dem die Autorin auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte preisgegeben hat. Die Leser danken es, der Roman, im November vergangenen Jahres erschienen, hat einen fulminanten Start hingelegt. Bereits sechs Wochen nach Erscheinen liegt die dritte Auflage vor.

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