Zwischen Blasenkolik und Prager Frühling

Ex-Kabarettist Hanskarl Hoerning legt zweiten Tagebuch-Band vor

Leipzig.

Die Verbindung zwischen Zeitereignissen und dem eigenem Erleben interessierte Hanskarl Hoerning wohl schon früh. Deshalb ist der studierte Schauspieler vermutlich Kabarettist geworden und hat als solcher bei der Leipziger Pfeffermühle fast 40 Jahre auf der Bühne gestanden. Sicher schrieb er aus gleichem Interesse heraus bereits mit zwölf Jahren Tagebuch.

Das Erlebte festzuhalten, war nach eigenen Angaben das Motiv. Sicher aber war es auch die Leidenschaft, überhaupt zu schreiben und sich mitzuteilen, die den heute 86-jährigen Kabarettisten noch immer umtreibt. Die Tagebuchaufzeichnungen von 1944 bis 1954 hatte der Kabarettist 2008 bei Pro Leipzig unter dem Titel "Aufgewachsen in Ruinen" veröffentlicht. Dort erscheinen nun mit dem Titel "...und der Zukunft zugewandt?" jene von 1954 bis 1972, ebenfalls nachträglich ergänzt wie aus heutiger Sicht kommentiert sowie ergänzt durch Gedichte und Reisebeschreibungen, die sich vom Umfang her etwas von den übrigen Texten abheben.

Man erlebt in diesem Buch den werdenden Familienvater, ebenso den nach Kunst strebenden jungen Mann, der in den ideologisch ernsten Zeiten nach den Volksaufständen in der DDR 1953 und Ungarn 1956 einen eigenen Standort sucht. Man erfährt, dass der Mauerbau 1961 aus dem Moment heraus verblüffend unspektakulär erlebt wurde. "Die Verbindungen zwischen Westberlin und Westdeutschland bestehen weiter unverändert. Lediglich also die Fluchtbewegung (von unserer Seite als Menschenhandel bezeichnet) ist völlig unterbunden."

Ähnlich erscheint auch der Prager Frühling in den Aufzeichnungen. Zuerst schreibt Hoerning von schlimmen Blasenkoliken: "Und dann noch der 21. August. Einrücken der Truppen des Warschauer Paktes in die ÈSSR. Ungeklärte Lage. Hier wird von vereinzelten konterrevolutionären Kräften gesprochen, gegen die es einzuschreiten galt." Das Verhältnis zu geschichtlichen Ereignissen war in jener Zeit ein abwartendes. Da nannte man nicht jede Begebenheit sofort historisch. Und Hoerning war längst der renommierte Pfeffermüller in Dauerkonkurrenz mit den Kollegen.

Im Buch trifft man auf viel Prominenz. So Lutz Jahoda und Helga Hahnemann, ebenso breiten sich große Teile der DDR-Unterhaltungsszene vor dem Leser aus, und es zeigt sich, wie vernetzt sie war. Man erfährt viel über jüngere deutsche Geschichte aus erster Hand, und das ist äußerst wertvoll. Mit literarischen Maßstäben sollte man diese Erinnerungen nicht messen. Sie zeigen jedoch, wie aus Geschichten Geschichte wird.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...