Zwischen Himmel und Spielhölle

Mit der bildmächtigen, aus Budapest übernommenen Inszenierung der Oper "Mefistofele" von Arrigo Boito hat die Chemnitzer Oper am Samstag ihren Saisonauftakt gefeiert.

Chemnitz.

"Woran kann man noch glauben? An Unschuld, Geld, Liebe?" - Diese Frage hat Regisseur Balázs Kovalik nach eigener Angabe in den Mittelpunkt seiner Inszenierung der Oper "Mefistofele" von Arrigo Boito (1842 - 1918) für die Oper Chemnitz gestellt, ohne gleich zu versprechen, dass er auf diese Frage eine konkrete Antwort geben würde. Und nein, der Ungar gibt sie tatsächlich nicht, wie sich bei der Premiere der zuvor für die Staatsoper Budapest konzipierten, für Chemnitz adaptierten Inszenierung zeigte. Was das Publikum nicht davon abhielt, nach Fall des letzten Vorhangs sowie bei jedem sich bietenden Anlass zuvor das Gebotene mit begeistertem Beifall zu quittieren.

Dazu bot die netto rund zweieinhalb Stunden dauernde Inszenierung auf Italienisch mit deutschen Übertiteln ausreichend Gelegenheit. Es beginnt schon mit dem Prolog im Himmel, in dem Mefistofele (Magnus Piontek) seine Wette mit Gott schließt, er könne Faust auf seine Abwege führen. Im Theater geht dergleichen je nach Regiekonzept verhältnismäßig still und unspektakulär über die Bühne. Kovalik hingegen fährt in der zeitlosen Unendlichkeit des Himmels ein Heer von Engeln auf - bis zu 120 Darsteller bevölkern die Bühne, inklusive von Leo Mujic choreografiertem Ballett. Das lädt den kurzen Dialog zwischen Mefistofele und dem unsichtbar bleibenden Herrn zusätzlich auf, wirkt mitunter aber ablenkend.

Ungewöhnlich auch der Einstieg in den ersten Aufzug, in dem Faust (Cosmin Ifrim) und sein Famulus Wagner (Siyabonga Maqungo) das Treiben der einfachen Leute am Ostertag erleben: Denn beide sitzen mitten unter den Zuschauern. Der Orchestergraben trennt sie eingangs der Szene von dem bunten Völkchen. Das tummelt sich zwischen seinen im Miniaturformat die Vorderbühne füllenden Behausungen, bevor beide in der Ferne, auf dem das Bühnenbild von Csaba Antal dominierenden Rampenturm einen Bettelmönch entdecken. Der entpuppt sich schließlich als Mefistofele. Im Theaterstück ist das der Pudel, als dessen Kern sich der Leibhaftige herausstellt - der große Verneiner, der denn auch im Dialog mit Faust schnell ein paar der sie umgebenden Häuschen demoliert, bevor er mit dem seines alten Lebens müden Doktor paktiert: Dessen Seele im Jenseits im Tausch gegen das vollkommene Glück im Diesseits.

Es ist der stete Wechsel aus intimen Passagen wie dem Werben Fausts um Margherita (Katarina Hebelkova) und Massenszenen, die der Inszenierung ihren Reiz verleihen. So verlegt Kovalik den Hexensabbat, auf den Mefistofele seinen Schützling führt, in eine Melange aus Spielhölle und Stripklub - hier feiert man ausgelassen und teils leicht bekleidet auf dem Vulkan, dessen naher Ausbruch der Erde den Garaus machen wird: "Tanzen wir, denn diese Welt ist verloren", singt das vergnügungssüchtige Volk der Verdammten, das seinen König, den Fürsten der Finsternis, feiert. Man darf darüber streiten, ob der sich bei dieser Gelegenheit, wie er es zum hörbaren Vergnügen des Publikums tut, in die EU-Flagge hüllen müsste. Aktuelle Bezüge zu einer Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht am Ast sägt, auf dem sie sitzt, sind schon durch die für das Ganze der Inszenierung untypische Heutigkeit dieser Bilder offensichtlich genug.

Auf ganz andere, nun wieder intimere Weise stark ist auch die Szene im Kerker mit Margherita, die auf den Tod wartet, nachdem sie ihr und Fausts Kind ertränkt und die eigene Mutter vergiftet hat und sich im auf dem Bühnenboden vergossenen Blut - ihrer Opfer? - wälzt. Für sie und Faust, der sie befreien will, gibt es keine Zukunft. Einen letzten Kraftakt leistet das Ensemble im dritten Aufzug, der in einer futuristischen Antike angesiedelt ist: Mefistofele führt Faust nach einer Zeitreise in ihrem fliegenden Käfig zur schönen Helena, auf dass er die verlorene Margherita vergesse. Nur dass Helena die Züge Margheritas trägt - beide verkörpert dieselbe Sängerin. Wie der Himmel vom Prolog, so ist auch diese idealisierte Antike dicht bevölkert, von Menschen in Alltagskleidung mit profanen Einkaufstaschen in den Händen. Menschen, die nach mehrfacher Verwandlung gemeinsam mit dem sterbenden Faust Teil einer utopischen Vision werden, mit der Boito den Zuschauer entlässt.

Der Komponist und Zeitgenosse Verdis macht in "Mefistofele" aus seiner Affinität zu Richard Wagner keinen Hehl, und doch ist seine Oper kleinteiliger, italienischer strukturiert. Gesanglich fordert sie von den fünf Solisten - zu nennen ist noch Sophia Maeno als Marta, die Kupplerin - vollen Einsatz. Cosmin Ifrim gibt den an sich selbst zweifelnden Faust mit einem strahlenden, makellosen Tenor, Magnus Piontek mit seinem satten Bass und einer nie nur bösen Ausstrahlung. Katerina Hebelkovas facettenreicher Mezzosopran beeindruckte speziell in der überaus blutigen Kerkerszene das Publikum zutiefst.

All das wäre jedoch nicht dasselbe ohne den sehr geordnet und doch stets natürlich und flüssig agierenden Chor, inklusive mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche. Er leistet zum klanglichen Effekt einen mindestens ebenso großen, wertvollen Beitrag wie die Robert-Schumann-Philharmonie unter Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo. Wer sich in den Faust-Stoff und die dahinter stehende Gedankenwelt nicht tief eingearbeitet hat, wird vielleicht nicht jedes Detail der Inszenierung verstehen oder auch nur erkennen. Ein Fest für die Sinne erlebt indes in jedem Fall auch er.

Weitere Vorstellungen von "Mefistofele" an der Oper Chemnitz am 5. Oktober, 16. November, 20. Dezember und 29. Februar 2020, 19 Uhr, am 27. Oktober sowie 19. Januar, 22. März und 19. April 2020, 17 Uhr. Kartentelefon 0371 4303000.

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