Zwischen Spinnrad und Zylinderhut

Durch seinen stets gewaltfreien Widerstand gegen Unterdrückung und Ausgrenzung von Minderheiten erscheint das Bild Mahatma Gandhis oft wie das eines mythischen Heiligen - dabei war der Mann einer der bemerkenswertesten Politiker der Weltgeschichte. Vor 150 Jahren wurde der Staatsmann geboren, der nicht nur in Indien wirkte.

Neu-Delhi.

Mehr Mythos als Mensch verkörpert Gandhi wie kein anderer die moralische Überlegenheit des Unterdrückten. Sein gewaltloses Beharren auf Gerechtigkeit führte sein Volk in die Freiheit und ließ aus ihm einen "indischen Jesus" werden. "Künftige Generationen", so sagte sein Zeitgenosse Albert Einstein einmal über ihn, "werden es vielleicht kaum glauben können, dass einer wie er jemals in Fleisch und Blut auf dieser Erde gewandelt ist." Und wirklich: In einer Welt der Donald Trumps, Wladimir Putins und Boris Johnsons fällt die Vorstellung schwer, man könne durch Gewaltverzicht und Fasten irgendetwas erreichen.

Vor 150 Jahren, am 2. Oktober 1869, kommt Mohandas Karamchand Gandhi, den seine Verehrer später "Mahatma" (große Seele) nennen werden, in Porbandar auf die Welt. Als sechstes Kind des Ministers Karamchand und dessen Frau Putlibai. Beide sind strenggläubige Hindus. Der Pomp des Tempels aber stößt den Jungen schon früh ab. Er bevorzugt das einfache Leben. Er isst heimlich Fleisch, weil er so stark werden will wie sein Freund, der davon überzeugt ist, dass die Engländer als Kolonialmacht den Indern nur überlegen seien, weil sie Steaks konsumieren. "Es sei also", schreibt Susmita Arp in ihrer Biografie, "geradezu eine nationale Pflicht, die vegetarische Lebensweise aufzugeben". Doch die Gewissensbisse quälen den Jungen so sehr, dass er das Fleischessen bald wieder einstellt.

Mit 13 wird Gandhi mit der gleichaltrigen Kasturba verheiratet. In ihrem Bett ist er, als sein Vater auf dem Krankenbett stirbt. Der Junge fühlt sich schuldig. Mancher Psychoanalytiker sieht in diesem Erlebnis den Ursprung für Gandhis späteren Entschluss zu Keuschheit und Askese. Um die Nachfolge des Vaters anzutreten, schifft der Junge sich 1888 nach London ein, um dort Jura zu studieren. Vorher aber legt er einen Eid ab, sich in England von Alkohol, Fleisch und Frauen fernzuhalten. Was zur Folge hat, dass er tagelang hungert. Erst als er ein vegetarisches Kochbuch findet, hört er auf zu fasten. Ein echter englischer Gentleman will er werden und kauft sich deswegen einen Zylinderhut. Als er die Zulassung als Anwalt erhält, reist er nach Indien zurück. Dort aber will sich der Erfolg erst einmal nicht einstellen.

Also nimmt er 1893 eine Stelle in Südafrika an. Zum Initialereignis wird eine Bahnfahrt nach Pretoria. Obwohl Gandhi ein Ticket erster Klasse gekauft hat, bittet ihn auf die Beschwerde eines weißen Fahrgastes hin der Schaffner, als "Farbiger" mit dem Gepäckwagen vorlieb zu nehmen. Gandhi weigert sich und muss zusehen, wie der Zug ohne ihn abfährt. "Was ich hier erlitt, war nur etwas Äußerliches, nur ein Anzeichen für das tief sitzende Übel des Rassenvorurteils", schreibt er selbst in einem Text, der in dem unlängst zum Jubiläum im Kösel Verlag erschienenen Sammelband mit einer Auswahl von Gandhis Schriften enthalten ist. "Ich sollte nach Möglichkeit versuchen, dieses Übel auszurotten und die Widrigkeiten, denen ich dabei ausgesetzt sein würde, zu ertragen." Von nun an wird er als Anwalt der Menschenrechte für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit kämpfen. Gandhi wird der erste farbige Anwalt am Oberlandesgericht.

Als Indern in Südafrika das Wahlrecht aberkannt werden soll, sammelt er 10.000 Unterschriften dagegen. Als sie sich registrieren lassen sollen, um sie leichter abzuschieben, ruft er zum gewaltlosen Protest auf und wird verhaftet. Es ist nicht das letzte Mal, dass er hinter Gitter muss. Seinen passiven Widerstand, der den Gegner durch die eigene Wahrhaftigkeit bezwingt, nennt Gandhi "Satyagraha" und erhebt ihn zum Prinzip. Er lebt den Frieden vor. Immer wieder wird er durch Fasten und Streiks auf das Unrecht der anderen aufmerksam machen und sie als moralische Verlierer erscheinen lassen. Aus Gewaltverzicht entwickelt er seine Kraft. Er gründet eine Wochenzeitung und kämpft für seine Belange. Hilft als Sanitäter im Burenkrieg und während des Zuluaufstandes. Als Verehrer von Tolstoi benennt er nach dem russischen Schriftsteller eine Farm, auf der er mit Gleichgesinnten ein einfaches Leben in der Natur führt.

1915 kehrt Gandhi nach Indien zurück und wird Führer des Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialmacht. Bei Ahmedabad gründet er einen Ashram und propagiert das Spinnen und Weben, das für ihn zu einem Sinnbild der Selbstversorgung wird. Bekleidet mit einem selbstgewobenen Lendentuch zieht er durchs Land und spricht mit den Bauern, um Steuererleichterungen und eine Verbesserung ihrer Pachtverträge zu erkämpfen, oder streikt mit den Textilarbeitern. 1919 gründet er die Autonomiebewegung Satyagraha Sabha und fastet immer wieder öffentlich, damit die Briten seine Forderungen erfüllen. Er ist aktiv bis zur Erschöpfung und hungert sich einmal sogar bis auf 38 Kilogramm herunter.

Als Führer des Nationalkongresses ist er gegen die Teilung Indiens in eine hinduistische und muslimische Hälfte und plant, die unterste Kaste der Unberührbaren gleichzustellen. Anders als sein Landsmann Jawaharlal Nehru will er Indien nicht zu einer modernen Industriemacht machen, sondern plädiert für das ländliche Leben. "Die Vision von Wahrheit und Gewaltlosigkeit kann nur in der Einfachheit des Dorfes realisiert werden." Als der Kampf gegen die Kolonialmacht endlich gewonnen ist und sein Land 1947 unabhängig wird, ist Gandhi enttäuscht und bleibt den Feierlichkeiten fern, ist es doch ein anderes Indien, als das, für das er zeitlebens gekämpft hat. Pakistan spaltet sich von Indien ab. Die Industrialisierung nimmt ihren Lauf.

Als der mittlerweile 78-Jährige 1948 auf seine Großnichten gestützt, die er im Spaß seine "zwei Spazierstöcke" nennt, zu einem Gebet aufbricht, bei dem 500 Menschen auf ihn warten, wird er von einem radikalen Hindu erschossen. Ein anderer Tod als der eines Märtyrers wäre für diesen Mann auch nicht angemessen gewesen.

Buchtipp Franziska Roosen (Hrsg.): Mahatma Gandhi. Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg. Kösel Verlag, 176 Seiten. 15 Euro.

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