Digital einrichten

Immer mehr Händler versprechen, dass spezielle Apps den Ladenbesuch überflüssig machen. Funktioniert das? Ein Test.

Vor Kurzem hat meine Frau damit begonnen, unser Sofa kritisch zu beäugen. "Durchgesessen", urteilte sie. "Da kriegt man Rückenschmerzen beim Sitzen." Tatsächlich hat die orangefarbene Ottomane über die Jahre gelitten. Trotzdem hätte ich den Kauf eines Nachfolgers gern noch hinausgezögert. Nicht zuletzt deshalb, weil Besuche in Möbelmärkten Stress für mich sind. Doch wo sonst ließe sich beurteilen, ob nun dieses Sofa oder jene Couch besser in die heimischen vier Wände passt?

Branchenexperten versprechen, diese Frage lasse sich auch bequem von zuhause beantworten. Voraussetzung: ein Smartphone oder Tablet, auf dem eine Augmented-Reality-App läuft. AR, wie es der Einfachheit halber meist genannt wird, heißt so viel wie erweiterte Realität. In diesem Fall bedeutet es, dass der Nutzer die Kamerafunktion seines Geräts aktiviert und einen Punkt im Raum fokussiert. Dorthin werden ihm dann virtuelle 3-D-Objekte projiziert, die er drehen und verschieben kann. So soll ein Eindruck davon entstehen, ob der gewünschte Stuhl, das Regal oder Sofa in die eigenen vier Wände passt.

Neu ist solche AR-Software längst nicht mehr. Ikea hat eine passende App schon 2013 herausgebracht. Die ersten Versionen davon litten allerdings an Kinderkrankheiten. Seit Herbst 2017 gibt es eine verbesserte Variante. Die lade ich mir jetzt herunter. Zunächst muss ich jedoch das Betriebssystem meines iPhones aktualisieren. Ohne iOS 11 geht gar nichts.

Nachdem auch die 87 Megabyte große App geladen, Zugriffsrechte erteilt und die Datenschutzerklärung akzeptiert ist, bekomme ich erste Anweisungen: "Sorge für einen hellen Raum", heißt es da, "Scanne wenn möglich einen Boden, der nicht reflektiert" und "Versuche, nicht aufgeräumte Raumbereiche aus dem Bild zu halten. Alles klar?" Klar soweit. Unser Wohnzimmer ist bereit. Ich tippe auf das "+"-Symbol am unteren Bildrand, wähle als Kategorie "Sofas und Sessel" und hole mir ein geblümtes Ektorp-Sofa aufs Display. Schiebe ich einen Finger auf dem Bildschirm hin und her, verändert das die Position des Möbels im Raum. Mit zwei Fingern drehe ich es hin und her. Dabei verändert sich auch der Schattenwurf darunter - hübsch. Ein Tipp auf das blaue Häkchen, und es plumpst vor der Wand auf den Boden.

Was ich auch nach einigem Rumprobieren nicht beurteilen kann: Passt das Sitzmöbel an die Stelle zwischen Fensterbank und Kinderzimmertür, wo jetzt der durchgesessene Zweisitzer steht? Ich finde die Darstellung in der App nicht eindeutig. Also suche ich den Link zum Online-Shop. Prompt finde ich dort Angaben zur Produktgröße: Das Sofa ist 2,18 Meter breit - ein ganzes Stück zu viel. Sicherheitshalber speichere ich das Sitzmöbel unter "Favoriten" ab, um es meiner Frau zu zeigen. Bei der Gelegenheit fällt mir noch etwas anderes auf: Das knapp 350 Euro teure Sofa kann online gar nicht bestellt werden. "Bitte prüfe nach, ob es in deinem lokalen Einrichtungshaus verfügbar ist", steht unter der deaktivierten "Kaufen"-Schaltfläche. Wäre es mir ernst mit dem spontanen Internetkauf, wäre ich jetzt frustriert.

Wissen sollte man auch, dass bisher noch nicht das gesamte Sortiment für AR optimiert ist. Laut Ikea sind momentan 8000 von insgesamt 10.000 Artikeln in der App nutzbar. Ist die Darstellung eines Möbelstücks angepasst, erkennt man das in der "Place"-App durch ein Piktogramm rechts oben, das einer Art Gitterball ähnelt.

Ich probiere noch andere AR-Apps aus. Westwing Now zum Beispiel: Die Software des in München ansässigen Shopping-Clubs hat ihre AR-Funktion ein wenig im Menü versteckt. Im Account-Bereich muss ich ganz nach unten scrollen, um den gewünschten Menüpunkt zu finden. Allerdings sind nur rund zwei Dutzend Objekte AR-tauglich. Eine Firmensprecherin verspricht mehr Vielfalt bis Jahresende: Dann sollen über hundert Objekte in der App abrufbar sein. Was die Entwickler schick hinbekommen haben, ist die Darstellung der handverlesenen Beispielmöbel. Dafür hakt es mehrmals beim Scannen des Raums.

Selbst fürs Bad existieren spezielle Einrichtungs-Apps. Villeroy und Boch zum Beispiel hat "AR Catalog" entwickelt. Um dieses Tool nutzen zu können, muss ich zunächst einen sogenannten AR-Marker von der Firmenwebseite herunterladen, ausdrucken und dort an die Wand pinnen, wo mein neues Waschbecken hin soll. Hat die iPhone-Kamera den Marker erfasst, beginnt der Ausflug in die erweiterte Realität.

Fragt sich nur: Lohnt all der Aufwand? Aus Sicht des Möbelhandels durchaus. Denn die Branche verzeichnet Wachstum vor allem durchs Onlinegeschäft. Knapp drei Milliarden Euro brutto, also gut acht Prozent des Gesamtumsatzes hierzulande, seien 2017 in diesem Sektor erwirtschaftet worden, meldete der Handelsverband Möbel und Küchen Anfang des Jahres. Dieser Anteil dürfte 2018 weitersteigen. AR-Apps eignen sich laut Verband vor allem dazu, "eher jüngere und technikaffinere Kunden für Anschaffungen zu begeistern".

Ich habe zwar kürzlich einen Einbaukühlschrank online bestellt, ein neues Sofa werde ich aber aller Voraussicht nach nicht per App kaufen. Bei dieser Art Anschaffung muss ich mich vorher haptisch vergewissern: sitzen, liegen, betasten. Mir wird nichts anderes übrigbleiben, als mit Zollstock und Stummelstift durch einschlägige Möbelmärkte zu ziehen. Auch wenn das heißt, dass ich nicht zur jungen, technikaffinen Zielgruppe gehöre.

App in Aktion: Der Autor zeigt an einer Beispielapp, wie man Möbel virtuell platzieren kann: www.freiepresse.de/lampe

Digital einrichten mit Augmented Reality - eine App-Auswahl 

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