Lass rollen!

Vor 50 Jahren, am 9. Dezember 1968, wurde eine der für die Entwicklung des modernen Computers wohl wichtigsten Erfindungen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt: die Computermaus.

Fünf Jahre - in diesen Zeitraum passen in der jüngeren Geschichte der Computertechnik und ihrer rasanten Entwicklung ganze Zeitalter hinein. Als die Computertechnik in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts allmählich ihren Kinderschuhen entwuchs, war das noch etwas anders. Bereits 1963, ein Jahr nach Publikation eines Fachaufsatzes zum Thema, hatte der US-amerikanische Erfinder und Computertechniker Douglas C. Engelbart seinen "X-Y-Positionszeiger für ein Bildschirmsystem" entwickelt. So lautete die sperrige technische Bezeichnung, mit der, so wie heute, heute damals wohl kaum jemand etwas anfangen konnte. Doch erst am 9. Dezember 1968 zeigte ein 18-köpfiges Forscherteam vom Stanford Research Institute (SRI) in San Francisco neben Hypertext, dynamischen Datenverknüpfungen und der Zusammenarbeit zweier Anwender am Bildschirm, die per Computer miteinander kommunizierten, erstmals die Urversion der Computermaus in Aktion. Der vorangegangene klobige Prototyp war noch aus Holz und verfügte über zwei rechtwinklig zueinanderstehende Räder, die die Bewegungen des Gerätes auf dem Bildschirm umsetzten und es ermöglichten, einen Punkt auf dem Bildschirm in alle Richtungen zu bewegen. Damals mehr als ausreichend, da fast nur mit der Texteingabe gearbeitet wurde. Die Entwicklung jenes Kästchens mit Kabel und roter Taste war Engelbart im Auftrag der Nasa gelungen. Zunächst aber fristete das (Vor)-Zeigegerät ein verstecktes Dasein. Aus einem einfachen Grund: Es gab keine praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Erst am 21. Juni 1967 meldete Engelbart ein Patent für seinen "X-Y-Positionszeiger" an. Seinen populäreren Namen indes hatte das Gerät schon in den Anfangsjahren weg: Angesichts der roten Taste oben auf dem Gerät und dem an der Rückseite herausführendem Kabel stellte ein Labormitarbeiter Engelbarts eine Ähnlichkeit mit den kleinen grauen Nagern fest, und bei "Maus" blieb es dann.

Die Weiterentwicklung der Maus erfolgte in den 70er-Jahren am Palo Alto Research Center der Firma Xerox. 1981 wurde sie im "Star-Rechner" zum ersten Mal kommerziell vermarktet. Das System brachte jedoch keinen wirtschaftlichen Gewinn, der Preis war einfach zu hoch. Die Maus kostete 400 US-Dollar und benötigte zusätzlich eine entsprechende Schnittstelle, die mit weiteren 300 Dollar zu Buche schlug. Inzwischen war Apple-Gründer Steve Jobs auf das neue Eingabegerät aufmerksam geworden. Das Konzept begeisterte ihn, doch der Preis und die Reparaturanfälligkeit bereiteten ihm Sorgen. "Ich will eine Maus für zehn Dollar, die niemals ausfällt und die in Massen produziert werden kann, weil sie das wichtigste Interface des Computers der Zukunft werden wird", machte er den Entwicklern deutlich.

1983 lizensierte Apple die Maus zum vergleichsweise geringen Preis von 40.000 Dollar für seinen "Lisa-Rechner" als Eingabehilfe, aber der Erfolg ließ weiter auf sich warten. Erst im Nachfolgemodell "Macintosh" 1984 und mit dessen grafischer Benutzeroberfläche gelang 1984 der Durchbruch. Mit der Weiterentwicklung zur Kugelmaus wurde sie zum elementaren Baustein der hauseigenen Computer. Die Metallkugel im Inneren verursachte indes zu viel Lärm. Deshalb wurde sie zunächst mit einem Kunststoffmantel überzogen, bevor man sie schließlich vollständig aus Kunststoff fertigte. Danach avancierte die Kugelsteuerung zum vorherrschenden Funktionsprinzip für Computermäuse in den 80er- und 90er-Jahren.

Mit Hilfe eines Adapters ließ sich die Maus auch an IBM-kompatible Rechner anschließen: 1987 führte der Hardwaregigant Mäuse mit eigenem PS/2 Anschluss ein, ein Meilenstein in der Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit der Windows-PCs. Anfang der 90er-Jahre kamen schließlich drahtlose Mäuse auf den Markt, die im Gegensatz zu kabelgebundenen Modellen die Bewegungsfreiheit nicht einschränkten und die alten Geräte nach und nach verdrängten. Mittlerweile gibt es drahtlose, mehrtastige Versionen mit diversen Funktionen, optisch oder durch Laser gesteuert, via Infrarot oder per Funk über Bluetooth. Daneben existieren "Trackballs". Dabei wird eine Kugel mit den Fingern bewegt oder "Touchpads", die beide bevorzugt in Laptops eingebaut werden. Der Global Digital Report 2018 verzeichnet aktuell über vier Milliarden Internetnutzer. Also bevölkern die "elektronischen Nager" weltweit milliardenfach unsere Schreibtische.

Eine Alternative zur Maus hatte übrigens AEG-Telefunken schon Ende der 60er-Jahre mit der "Rollkugel" vorgestellt. Auch mit ihr war es möglich, einen Cursor zu bewegen und Markierungen auf einem Bildschirm vorzunehmen. Die Deutsche Flugsicherung setzte sie damals als Zubehör für ihre Großrechner ein. Eines der letzten Exemplare ist heute im Computermuseum Stuttgart zu bewundern.

Doch weder Engelbart noch Telefunken konnten in den 60er-Jahren von der Innovation profitieren. Der Erfinder aus den USA wurde mit der Computermaus nicht reich, denn sein Patent war bereits 1987, kurz vor Beginn des boomenden PC-Geschäfts, ausgelaufen. Reichtum sei aber auch nie sein Ziel gewesen, sagte der geniale Computerpionier einmal rückblickend. Um dann doch einzuschränken: "Natürlich hätte ich nebenbei damit auch gern Geld verdient." Insgesamt 21 Patente hatte der IT-Spezialist in seinem Leben eingereicht. Bei AEG-Telefunken wurde das Potenzial der "Rollkugel" verschlafen, es gab nicht einmal den Versuch, sie je patentieren zu lassen. Engelbart starb 2013 im Alter von 88Jahren im kalifornischen Atherton an Nierenversagen.

Schon seit Jahren prophezeien verschiedene Computerexperten das Ende der Computermaus. Mit dem Vormarsch der Touchscreens könne das separate Zeigegerät in Zukunft überflüssig werden. Aber bislang erfreuen sich die "Schreibtischnager" ungebrochener Beliebtheit. Schon weil sie manchem zur "dritten Hand" geworden sind.

Das Video zur Präsentation der ersten Computermaus können Sie hier sehen:

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