Auf Homers Spuren

Vor 150 Jahren begann Heinrich Schliemann mit seinen Grabungen in der Türkei, die ihn im Ergebnis zum Entdecker des antiken Troja machen sollten.

Gerade sechs Jahre war Heinrich Schliemann alt, als er zu Weihnachten Georg Ludwig Jerrers Buch "Weltgeschichte für Kinder" geschenkt bekam. Damals, 1828, eine Neuerscheinung - und ein Geschenk, das Folgen haben sollte. Gebannt hing der Junge an des Vaters Lippen, wenn der ihm daraus vorlas. Er träumte sich in die Antike und bestand mit deren Helden Abenteuer um Abenteuer. Später sagte Schliemann, er habe sich wegen dieses Buches auf die Suche nach der sagenumwobenen Stadt Troja gemacht.

Heinrich Schliemann (1822 - 1890) gilt nicht nur als Entdecker Trojas, das Homer in seiner "Ilias" beschrieben hat, sondern auch als Begründer der modernen Feldarchäologie. Dabei war er eigentlich ein Quereinsteiger, der etwas ganz anderes gelernt hatte, als Altertümer auszugraben. Er führte ein bewegtes Leben. Auf die Welt kam er als fünftes von neun Kindern des Pastors Ernst Schliemann und seiner Frau Luise in Neubukow im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. 1823 übernahm der Vater die Pfarrei in Ankershagen, wo Heinrich aufwuchs und wo heute ein kleines Museum an ihn erinnert. Als die Mutter 1831 stirbt, kommt der Junge zu Onkel Friedrich, ebenfalls Pastor, in Kalkhorst bei Grevesmühlen. Das Gymnasium muss er abbrechen, weil der Vater das Schulgeld nicht zahlt. Also macht Heinrich in Fürstenberg (Havel) eine Kaufmanns-lehre.

Nach dem Abschluss will er nach Venezuela, aber er kommt nicht weit: Das Schiff strandet auf der niederländischen Nordseeinsel Texel. In Amsterdam arbeitet er als Korrespondent und Buchhalter. In Sankt Petersburg wird er reich als Kolonialwarenhändler und liefert während des Krimkriegs Rohstoffe zur Herstellung von Munition an die zaristische Armee. In den USA, wo sein Bruder als Goldgräber unterwegs ist, gründet er in Sacramento eine Bank für Goldhandel. Keine Frage: Schliemann ist ein Tausendsassa. Was er anpackt, wird zu Geld. 1855 wird er an der Petersburger Börse als der Kaufmann mit dem höchsten Handelswert notiert. Mit dem verdienten Geld finanziert er seine Reisen um die Welt und später seine archäologischen Ausgrabungen.

Im Jahr 1864 hat er so viel beisammen, dass er sich von seinen Geschäften zurückziehen kann. Er schreibt Bücher über "China und Japan" (1865) und über "Ithaka, den Peloponnes und Troja" (1869), beide reicht er an der Universität Rostock ein, um damit zu promovieren. Er studiert an der Sorbonne Sprachen, Literatur und Altertumskunde und unternimmt 1868 eine erste Forschungsreise nach Griechenland, wo er vergebens nach dem Odysseus-Palast sucht. Homer lässt ihn nicht los. 1870 macht Schliemann sich erneut auf, jetzt nach Kleinasien. Dort will er im Nordwesten der heutigen Türkei in der Provinz Çanakkale Homers Troja finden. Erneut ohne Erfolg. Zunächst.

Schliemann will schon abreisen, nachdem er mit seinem Trupp unter dem Hügel Balli Dag nichts gefunden hat. Er verpasst aber das Schiff und lernt den Amateurarchäologen Frank Calvert kennen, der vermutet, Troja liege unter dem Hügel Hisarlik Tepe. Ohne die Grabungserlaubnis abzuwarten, fängt Heinrich Schliemann am 9. April dort mit Probegrabungen an. Vor genau 150 Jahren. Bis zum 22. April hat er einen 20 Meter langen, drei Meter tiefen Graben quer durch den Hügel getrieben und findet dabei wirklich Relikte aus verschiedenen Siedlungsepochen. Vor Calvert, den Schliemann in all seinen Berichten als Ratgeber erwähnt, hatten schon der britische Reisende Edward Daniel Clarke und der schottische Journalist Charles MacLaren vermutet, dass sich die Stadt unter dem Hisarlik-Hügel befindet. Schliemann aber hat das Geld zum Graben und geht so als Entdecker Trojas in die Geschichte ein.

Immer wieder kehrt er nach Kleinasien zurück. Zwischen 1871 und 1890 leitet er sieben Grabungskampagnen und findet Siedlungsschichten aus Antike, Bronze- und Steinzeit. Bei den ersten drei Kampagnen geht er ziemlich ungestüm vor und vernichtet manchen Fundort unwiederbringlich. Das trägt ihm später Kritik von Kollegen ein. Erst bei der vierten Kampagne holt er sich Rat vom Archäologen Wilhelm Dörpfeld und geht behutsamer zu Werk. Schliemann wird so zum frühen Wegbereiter der wissenschaftlich-methodischen Grabungstechnik. 1873 erklärt er öffentlich, die Stadt Troja gefunden zu haben. Medienwirksam präsentiert er den im selben Jahr gefundenen "Schatz des Priamos". Eine gelungene PR-Aktion, die ihm überall in der Welt die Aufmerksamkeit sichert. In Deutschland aber bleibt ihm lange die Anerkennung durch Fachkreise versagt. Vor allem der Archäologe Ernst Curtius wird zu seinem unerbittlichen Gegner. Deswegen zeigt Schliemann seinen "Schatz des Priamos" zunächst im South-Kensington-Museum in London, wo die Funde drei Jahre in 24 Vitrinen zu sehen sind. Erst 1881 schenkt er seine Sammlung trojanischer Altertümer dem deutschen Volk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der "Schatz des Priamos" als Beutekunst - was er freilich schon zuvor war - in die Sowjetunion verschleppt, wo er heute im Puschkin-Museum in Moskau zu sehen ist. Im Neuen Museum in Berlin befindet sich eine Kopie. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte Schliemann in seinen Büchern "Ilios" (1881) und "Troja" (1883). Sie zählen neben "Mykenä" (1878), in dem er über seine Entdeckung der Ruinen in Mykene auf der griechischen Halbinsel Peloponnes schreibt, zu seinen Hauptwerken.

Nachdem lange angezweifelt wurde, ob Schliemann wirklich das Troja aus Homers "Ilias" entdeckte, oder nicht eine andere Stadt, herrscht heute weitestgehend Einigkeit darüber. Wenn es die Stadt denn überhaupt gegeben hat und sie nicht nur in der Dichtung existiert. Doch selbst dann hat es wahrscheinlich ein Vorbild gegeben. Die topografische Lage von Hisarlik Tepe könnte mit der von Homer beschriebenen übereinstimmen.

Die Experten streiten allerdings, welche der ausgegrabenen Siedlungsschichten die richtige ist. Bewiesen ist bis heute nichts. Das zeigt auch die 2001 aufgekommene "Troja-Debatte", in deren Zentrum Althistoriker Frank Kolb und Prähistoriker Manfred Korfmann standen. Monatelang lieferten sich die beiden Tübinger Professoren einen Kampf in den Feuilletons. Troja bewegt auch heute noch die Menschen. 150 Jahre, nachdem Schliemann mit seinen ersten Grabungen dort begann.


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