Auf zum Mond!

Wie die Menschheit für einige Momente zusammenrückte, zeigt die Schau zu 50 Jahren Mondlandung in Morgenröthe-Rautenkranz. Und auch, wozu Menschen noch fähig sein könnten.

Muldenhammer.

In Westdeutschland verkündete die Bild-Zeitung am 21. Juli 1969: "Der Mond ist jetzt ein Ami". Im Osten blieb man sachlicher: "Die amerikanische Mondfähre Eagle mit den Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin an Bord ist am Sonntagabend um 21.10 Uhr MEZ zur vorausberechneten Zeit sicher auf der Mondoberfläche im 'Meer der Ruhe' gelandet." So leitete die "Freie Presse" ihren Bericht über die erste Mondlandung ein, die sich am Wochenende zum 50. Mal jährt.

Trotz des für die Russen somit verlorenen Wettlaufs zum Mond klang Anerkennung aus dem "Freie Presse"-Artikel: "Das erste Mal in der menschlichen Geschichte" sei "ein bemannter Raumkörper auf den Erdtrabanten gebracht" worden. "Bei den teilweise durch Handsteuerung gelenkten Flugphasen zeigten die Astronauten hohe Leistungen und exaktes Handlungsvermögen", berichtete die Karl-Marx-Städter Zeitung. Im Kalten Krieg zwischen den Blöcken schien für einen kurzen Moment Besinnung aufzublitzen - Besinnung auf das Wesentliche.

"Wenn ihr aus dem 'Meer der Ruhe' mit uns sprecht, regt uns das an, unsere Anstrengungen zu verdoppeln, der Erde Frieden und Ruhe zu bringen. Für einen unschätzbaren Moment in der Geschichte der Menschheit sind alle Menschen wirklich eins - eins in ihrem Stolz auf das, was ihr getan habt, und eins in unseren Gebeten, dass ihr sicher zur Erde zurückkehrt." So formulierte es US-Präsident Richard Nixon in einem vom Mission-Control-Center in Houston weitergefunkten Telefonat mit der zweiköpfigen Crew auf dem Mond. Das dritte Mitglied der "Apollo-11"-Mission, Pilot Michael Collins, hielt unterdessen das Raumschiff CM 107 "Columbia" in seiner Mondumlaufbahn.

Im englischen Originalton kann man Nixons Worte derzeit in Morgenröthe-Rautenkranz hören. Die Sonderschau zum Mondlandungsjubiläum, die in der Deutschen Raumfahrtausstellung zu sehen ist, präsentiert unter anderem ein Wohnzimmer im Stil der 1960er-Jahre mit Cocktailsesseln und einem klobigen, holzgerahmten Fernsehgerät. Auf diesem läuft eine Dokumentation des historischen Ereignisses, inklusive der wohl gewählten Worte des US-Präsidenten. Astronaut Neil Armstrong antwortet, es sei ein Privileg, "hier" zu sein, nicht nur als Repräsentant der USA, sondern für "friedliebende Menschen aller Nationen, mit Interesse und Neugier, Menschen mit einer Vision für die Zukunft".

Worte, die Karin Schädlich aus der Seele sprechen. "Nur gemeinsam geht's, das sagt der Alex ja auch immer", betont die Vorsitzende des die Raumfahrtausstellung im Vogtland betreibenden Vereins. Und neben Astronaut Alexander Gerst, dem bislang einzigen Deutschen, der das Kommando auf der Internationalen Raumstation (ISS) innehatte, betont das auch Johann-Dietrich Wörner, der Präsident der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Erst zur jüngsten Liveschaltung von Morgenröthe-Rautenkranz zur ISS, die es anlässlich des 40. Raumflug-Jubiläums von Sigmund Jähn gab, hielt Wörner zu dieser nötigen Gemeinsamkeit einen Vortrag. Während sich am 26. August 2018 im 50 Kilometer Luftlinie entfernten Chemnitz unter dem Eindruck eines nächtlichen Stadtfest-Todesfalls ausländerfeindliche Mobs zusammenrotteten, sprach der Esa-Chef in Morgenröthe-Rautenkranz von der Wichtigkeit eines internationalen Denkens und Handelns. "Werden zukünftige Generationen einst von anderen Planeten auf die Erde zurückblicken?" Diese Frage stellt die TV-Dokumentation auf dem hölzernen Fernsehkasten in der aktuellen Mondlandungssonderschau andächtig in den Raum.

"Die ISS ist der Beweis dafür, dass Gemeinsamkeit funktionieren sollte. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass alles auseinanderdriftet. Wenn jeder für sich Seins macht, ist das Schwachsinn", findet Karin Schädlich. Dennoch sei die politische Lage derzeit "nicht mehr ganz so gut". Auch wenn US-Präsident Trump Extra-Milliarden für die US-Raumfahrtbehörde Nasa locker machen will, damit die Amerikaner innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut zum Mond fliegen. "Es sieht so aus, als wenn Amerika für sich einen Erfolg reklamieren will. Trump scheint eine relativ schnelle Mondlandung zu wollen", sagt Schädlich und glaubt auch, den Grund zu kennen. "Als Nahziel ist das schneller zu bewerkstelligen." Schneller zumindest als die längerfristigen Projekte und Visionen, an denen die amerikanische Nasa und Europas Esa tüfteln.

Bei der Nasa liegt der Fokus auf dem Projekt des "Mars and Lunar Gateway", zu deutsch "Portal zum Mond und zum Mars". Dabei handelt es sich um eine Art ISS. Nur, dass die sich nicht in 400 Kilometern Höhe über der Erdoberfläche bewegen soll, sondern als Raumstation auf einer Umlaufbahn um den Mond. Sie soll gewissermaßen als "Basislager" dienen, wenn auch in umgekehrtem Sinn. Raumschiffe könnten an ihr andocken, um einen Abstieg zur Mondoberfläche vorzubereiten. Später einmal könnte dieselbe Station ebenfalls als Zwischenstopp dienen - auf dem Weg zum Mars.

Bei der Esa gibt es noch andere Vorstellungen, wenngleich die bisher eher als Vision einzuordnen sind. Stichwort ist das "Moon Village", das Dorf auf dem Mond. Natürlich meine man damit kein Dorf mit Häusern, Läden und Gemeindezentrum, führte Esa-Präsident Wörner aus. Der Begriff deute vielmehr "eine Gemeinschaft an, die entsteht, wenn Gruppen ihre Kräfte bündeln, ohne vorher jedes Detail festgelegt zu haben. Wo man, den Blick auf gemeinsame Interessen und Fähigkeiten gerichtet, zusammenkommt. Das 'Moon Village' ist für alle interessierten Seiten und Nationen offen", sagt Wörner.

Weil die Sonderschau in Morgenröthe-Rautenkranz nicht allein rückblickend aufs historische Ereignis der Mondlandung vor 50 Jahren fokussiert ist, zeigt sie auch das "Moon Village". Ein Modell in einer Vitrine schafft eine Vorstellung davon, wie erste Module aussehen könnten. Iglu-artige Kuppelbauten, von Mondgestein und Staub bedeckt, lassen ahnen, wie sich Astronauten bei einer dauerhaften Präsenz auf dem Mond vor der krebserregenden kosmischen Strahlung schützen könnten und vor dem sogenannten Sonnenwind. Letzterer ist jener Teilchenregen, den unser Stern, die Sonne, durchs Sonnensystem schickt, vor dem wir auf der Erde aber durch deren Magnetfeld und die Atmosphäre gut geschützt sind. Lediglich in den Polarregionen machen sich die Teilchenströme der Sonnenwinde bemerkbar, in Form bunter Polarlichter.

Zwölf Menschen betraten bisher den Mond, allesamt Amerikaner. Nach der bisher letzten bemannten Landung 1972 nun erstmals zurück zu wollen, sei nur bedeutsam, wenn es diesmal darum gehe, zu bleiben, findet Karin Schädlich. "Nur wieder eine Flagge einzuschlagen, ergibt wenig Sinn. Dauerhafte Präsenz ist wichtig. Um damit zu erproben, weiter ins All vorzudringen. Und um den Mond als mögliche Quelle für eine Energiegewinnung zu erschließen", sagt Schädlich. Das "Problem" am Ganzen sei nur der Mensch, sagt sie. "Er soll ja wieder halbwegs gesund zurückkommen." Die Nasa stellte das Konzept der Rückholbarkeit ihrer Astronauten bisher nicht infrage. Lediglich die in den Niederlanden angeschobene, inzwischen aber im Sande verlaufene Privatinitiative "Mars One" propagierte eine Mission zum Nachbarplaneten Mars, bei der die ausgewählten Astronauten zugleich Siedler sein sollten - ohne Rückflugticket. Zu den Kandidaten der ersten Auswahlrunde gehörte auch ein Chemnitzer.

Die derzeit in Entwicklung befindlichen Raumschiffe der Zukunft sind ebenfalls Teil der aktuellen Ausstellung - wie auch ihre Trägerraketen. "Die 'Saturn 5' war schon damals eine ziemlich starke Rakete", verweist Vereinschefin Schädlich auf die Leistungsfähigkeit des unter Leitung des deutschen Raketen-Ingenieurs Wernher von Braun entwickelten Antriebs der historischen "Apollo"-Missionen. Das neue Space Launch System SLS der USA braucht ähnliche Kraft. Das neue Raumschiff namens "Orion" soll zunächst zur ISS und später sowohl zum Mond als auch zum Mars reisen. Am Bau der unter dem Fahrgastraum befindlichen Steuerungseinheit, dem Europäischen Servicemodul (ESM), ist Deutschland zu mehr als einem Drittel beteiligt. Das Modul entsteht bei Airbus in Bremen. Als Modell im Maßstab 1:5 ist auch das neue "Orion"-Raumschiff in der Sonderschau zu sehen.

Nur eines ignoriert die aktuelle Schau im vogtländischen Museum weitgehend: Jene Verschwörungstheorien, die behaupten, dass die Menschheit den Mond eigentlich noch nie erreicht habe. Dass alles nur eine geschickte Inszenierung gewesen sei. Karin Schädlich winkt ab. Der Beweis dafür, dass es echt war, sei das Verhalten der Sowjetunion, argumentiert sie. "Die Sowjets wussten genau, welche Rakete die Amis auf der Startrampe hatten, und umgekehrt. Wenn alles Lüge gewesen wäre, hätte der mit Argusaugen wachende Gegner das gemerkt und publik gemacht." Oder einer von den tausenden anderen Menschen, die beteiligt waren. "Man hätte nie geheim halten können, wenn alles Lug und Trug gewesen wäre", ist Schädlich überzeugt. Dennoch wurde die Hypothese immer wieder propagiert. Unter anderen vom US-Filmemacher Bart Sibrel. Im Jahr 2002 handelte der sich damit Prügel ein. Provozierend hatte Sibrel Astronaut Edwin "Buzz" Aldrin vor der Kamera als Lügner bezeichnet. Dem zweiten Menschen auf dem Mond, damals 72 Jahre alt, rutschte die Faust aus, mitten in Sibrels Gesicht.

Die Mond Schau:  Deutsche Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz, Bahnhofstraße 4, Muldenhammer, bis März 2020. Geöffnet: täglich 10 bis 17 Uhr.

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