Aus der Spur

Künstliches Licht und der Lärm der Zivilisation verändern das Fortpflanzungsverhalten der Vögel erheblich, berichtet eine große Studie. Denn eigentlich richtet die Natur es ja so ein, dass ein Zahnrad ins nächste greift. Allerdings: Die zivilisatorischen Störfaktoren sind nicht immer ein Nachteil.

Fast überall auf der Erde werden die Nächte jedes Jahr ein wenig heller, weil mehr Straßen, Parks, Fassaden und Werbeflächen beleuchtet werden. Biologen wissen längst, dass die künstlichen Lichter ähnlich wie die Geräuschkulisse vieler Geräte und Maschinen das Verhalten der Vögel ändern können. Wie groß solche Einflüsse sind, beschreiben jetzt Clint Francis von der California Polytechnic State University in San Luis Obispo und seine Kollegen in der Zeitschrift Nature: Demnach können künstliches Licht und Lärm die Fortpflanzung der Tiere erheblich verändern.

Eine interessante Studie, urteilt Bart Kempenaers, der am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen in Bayern die Abteilung Verhaltensökologie und evolutionäre Genetik leitet. Dabei sind die Auswirkungen von Licht auf das Fortpflanzungsverhalten der Vögel längst bekannt. "Wir haben bereits 2010 beschrieben, dass Rotkehlchen, Amseln, Buchfinken, Blau- und Kohlmeisen ihr Verhalten ändern und zum Beispiel früher ihre Balzgesänge anstimmen, wenn die Umgebung nachts künstlich beleuchtet wird", erklärt Kempenaers. Obendrein legten die Weibchen der Blaumeisen ihre Eier eineinhalb Tage früher, wenn Straßenlampen die Umgebung erhellten. Clint Francis und sein Team aber haben nicht nur fünf, sondern gleich 142 Vogel-Arten unter die Lupe genommen.

Dabei griffen die US-Amerikaner auf ein Projekt zurück, bei dem Freiwillige zwischen den Jahren 2000 und 2014 in den USA 58.506 Vogelnester beobachteten. Besonders interessant waren Fragen wie: Wann legen die Tiere das erste Ei? Wie viele Eier liegen insgesamt im Nest? Wird mindestens eines der Küken flügge? Die Antworten aus dem Projekt verglichen sie dann mit hochaufgelösten Daten zum Zivilisationslärm und künstlichen Licht in den USA.

Vögel legen ihre Eier normalerweise so, dass gleichzeitig mit dem Schlüpfen der Küken das Angebot an Nahrung für den Nachwuchs in Form von Raupen, Käfern und anderen Insekten boomt. Der Höhepunkt dieses Futter-Angebots wiederum liegt häufig im Frühling. Daher nutzen viele Vögel den Stand der Sonne und die Tageslänge im Jahreslauf als Taktgeber für ihr Brutgeschäft. Genau diesen Takt aber verschiebt die künstliche Beleuchtung von Siedlungen und Einrichtungen nicht nur bei den fünf europäischen Vogelarten, die Bart Kempenaers und seine Mitarbeiter untersucht haben, sondern auch bei sehr vielen der 142 Vogelarten, die Clint Francis mit Hilfe des Freiwilligen-Projekts unter die Lupe nahm.

Diese erste Übersicht quer über einen Kontinent bestätigt die bisherigen Untersuchungen, die Kempenaers und andere Forscher bisher bei einzelnen Vogelarten ausgeführt hatten. Etliche der Vogelarten, die normalerweise in offenen Gras-, Feld- und Sumpf-Landschaften zuhause sind, brüten in Gebieten mit künstlicher Beleuchtung, wie in Parks und Gärten, bis zu einem Monat früher als ihre Artgenossen, die nachts nach wie vor in dunkler Natur leben. Und auch typische Waldvögel lassen sich von der nächtlichen Beleuchtung zu einer bis zu 18 Tagen früheren Brut verführen.

Ein solcher Massen-Frühstart könnte fatale Folgen haben, weil die Küken bereits zu einem Zeitpunkt schlüpfen, zu dem ihr Insekten-Futter noch gar nicht boomt. Die Untersuchung von Clint Francis aber zeigt eher eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Dabei könnte der von der Menschheit ausgelöste Klimawandel eine wichtige Rolle spielen, weil er die Temperaturen in die Höhe treibt - und dadurch das Angebot an Insektenfutter schon früher im Jahr gut ist. Und so finden die Forscher, dass sich der Bruterfolg einiger Vogelarten bei künstlicher Beleuchtung in der Nacht sogar verbessert. Offensichtlich können diese Arten die Verschiebungen durch den Klimawandel mit Hilfe des künstlichen Lichts gut kompensieren. Und das umso besser, je besser eine Art in der Dämmerung und bei schlechten Lichtverhältnissen sieht: Dann kommt der Insekten-Boom zwar früher im Jahr, wenn die Tage noch kürzer sind. Das aber können die Arten ausgleichen, die eben in der Dämmerung und bei künstlicher Beleuchtung gut sehen und auch in dieser Zeit reichlich Insekten-Futter einsammeln, um ihren Nachwuchs groß zu päppeln. Das künstliche Licht der Städte bietet also in diesem Fall einen Vorteil.

Daneben haben Clint Francis und sein Team auch den Einfluss von Zivilisationslärm wie von Motoren, Rasenmähern, Sägen und Flugzeugen auf das Fortpflanzungsverhalten der Vögel untersucht. Waldvögel reagieren demnach empfindlicher auf Lärm als ihre Kollegen auf Wiesen und in anderen offenen Landschaften. In den lautesten Gebieten mit Bäumen legen sie jedenfalls in 100 Nester im Durchschnitt 64 Eier weniger als in den leisesten Arealen. Zudem: Die Vögel im Wald singen ihre Melodien oft in tieferen Tonlagen, die von den ebenfalls meist tieferen Tönen der Technik leichter übertönt werden. Vor allem aber stieg der Einfluss des Lärms auf den Fortpflanzungserfolg mit seiner Lautstärke weiter an. "Die Untersuchung der Kollegen in den USA zeigt also, dass künstliches Licht und Lärm die Fortpflanzung von Vögeln positiv und negativ beeinflussen kann", fasst Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut zusammen. Bisher standen hingegen eher die negativen Auswirkungen des künstlichen Lichts auf den Vogelzug im Fokus der Aufmerksamkeit, wenn Vögel etwa an erleuchteten Fensterscheiben von Hochhäusern verunglücken. Die Straßenbeleuchtung scheint auf die Vogelwelt dagegen bisher kaum einen schlechten Einfluss zu haben. Dazu passt eine Studie, die Christopher Kyba vom Deutschen Geo-Forschungs-Zentrum in Potsdam und seine Kollegen kürzlich veröffentlichten: Als die Stadtverwaltung von Tucson in Arizona vorübergehend die Straßenbeleuchtung verringerte, wurde die Stadt auf Satellitenbildern nur wenig dunkler. Andere Lichter, zum Beispiel für Werbeflächen, dürften also einen sehr großen Einfluss auf die nächtliche Lichtflut haben. Zumindest in Tucson.

Damit ist die Straßenbeleuchtung aber nicht aus dem Schneider. Das zeigt auch das Beispiel der Gemeinde Punakaiki auf der Südinsel Neuseelands. In der Nähe des Ortes liegt die einzige Brutkolonie der Westland-Sturmvögel, die außerhalb der Fortpflanzungszeit ihr gesamtes Leben über den Wellen des Südpazifiks und damit weitab von künstlichen Lichtern unterwegs sind. Wenn die Jungvögel im Sommer Neuseelands ab November ausfliegen, verlieren etliche von ihnen durch die hellen Straßenlichter die Orientierung und verletzen sich bei Bruchlandungen schwer oder werden von Autos überfahren. Die Gemeinde Punakaiki hat auf diese Situation bereits reagiert und schaltet in den kurzen Sommernächten die Straßenlichter einfach aus.

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