Bahne frei, Kartoffelbrei!

Schnee macht mobil: Das Schlittenfahren war früher vielmehr Arbeits- denn Vergnügungsmittel. Heute ist der Rodel dagegen Symbol für großen und kleinen Wintertourismus als Massenphänomen.

De Schliete, die liefen, nichts brammste de Fahrt", schreibt Hobbyautor Manfred Siegel aus Schönheide in seinen Erzgebirgserinnerungen: "Und kipptn mr imm, mir flung nei ne Schnee. / Es gob wos ze lachen, is tat kaan racht weh." Für viele Menschen ist das Rodeln mit fröhlichen Kindheitserinnerungen in wärmenden "Astronautenanzügen" verbunden. Spaß ist heute der Hauptgrund, warum der Mensch talwärts braust: In Orten wie Altenberg etwa erntet man auf die Frage, was überhaupt zur weiß-kalten Hangabfahrt motiviert, Unverständnis. Dort ist Rodeln Nummer-eins-Sport wie anderswo Fußball. Aber auch im sächsischen Flachland wird begeistert geschlittert. Beim Fall der ersten Flocken strömen die Leipziger zu Hunderten zur Warze im Clara-Zetkin-Park. Der kleine Hügel ist einer der wenigen Rodelmöglichkeiten in der Stadt. Allein der Gedanken an einen Schlitten holt freudige Kindheitserinnerungen zurück und wer einmal Erwachsene aus schneefreien Regionen bei ihrer ersten Schlittenfahrt gesehen hat, wird sowieso in die heile Winterwelt zurückkatapultiert.

Lange Zeit wurde der Schlitten, also ein Fahrzeug auf Kufen, nur zu Nutzzwecken eingesetzt. In alpinen Regionen dient er bis heute zum Transport von Holz und Heu. Die alten Ägypter verwendeten Schlitten beim Pyramidenbau. Viele halten den Schlitten daher für älter als den Wagen. Im Schnee ist er ohnehin das praktischere Gefährt. Man denke nur an die Winterreise in "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" mit Knecht Vincek auf dem Pferdeschlitten, die auf Schloss Moritzburg zu sehen ist. Und selbst Napoleon preschte im Dezember 1813 auf der Flucht nach Frankreich im Schlitten durch Sachsen.

Zur gesellschaftlichen Belustigung wird die Fahrt mit dem Pferdegespann dann in der frühen Neuzeit. Dick eingemummelt erfreuten sich die Bessergestellten auf der Schlittenpartie: Solche Luxusfahrten wurden auf Prunkschlitten unternommen. Natürlich mischte Sachsen, eine Bastion damaliger Hofkultur, bei der Pflege dieser Praxis kräftig mit. Ornamente und Tiere wie Bären, Hirsche, Adler: An die Schlitten kam alles, was der Barock hergab. Herzog Christian von Sachsen wurde 1590 mit einem "Bergwergk" beschenkt: ein Schlitten als Felsengruppe mit wilden Tieren. Auf einer sogenannten "Schlitten-Masquerade" hielt Kurfürst Johann Georg III. mit seiner Neuvermählten Anna Sophia von Dänemark Silvester 1666 in Dresden Einzug. Der allegorische Reigen aus 13 Gefährten führte übers mit "weißer, weicher Wolle" überzogene Feld, "gleichsam geflügelt durch die Luft" sei der Festzug "dieser kurfürstlichen Residenz zugesegelt", wie ein Chronist festhielt.

Waren früher hölzerne Dachschindeln und Bretterkonstruktionen die fahrbaren Untersätze, so sind es heute Lenkschlitten, auch Autoschläuche und Plastikrutscher, Rodelkissen und Schneegleiter. Groß verändert hat sich das Schlittenfahren zum Zeitvertreib in den letzten hundert Jahren aber nicht. Zwar sind extravagante Modelle bis hin zum Rodel-Wok hinzugekommen - wesentlich schneller als ältere Bauformen sind diese aber nicht: Hörnerschlitten, auch Gebirgsrodel genannt, werden heute noch traditionell in Familienbetrieben im Erzgebirge und in der Sächsischen Schweiz hergestellt. Beim Schneefall gibt es überall lustiges Treiben zu beobachten: Bunt bemützt saust die Kinderschar die Hügel hinab, die Eltern sich derweil fröstelnd die Eisbeine in den Bauch stehen - Bahne frei, Kartoffelbrei!

Es gibt auch einige Wintersportmuseen in Sachsen. Eines befindet sich an der Rodelbahn am Kupferhammer in Bautzen, die sommers wie winters genutzt werden kann. Im Altenberger Hotel Lugsteinhof befindet sich ein weiteres, das Schlitten in vielerlei Gestalt zeigt. "Wir haben viel Nostalgisches", sagt Silke Zimmermann vom Hotel, "einfache Schlitten, Lenkschlitten und auch Skeletons. Klar, dass da auch Käsehitschen zu finden sind." Käsehitsche ist Sächsisch und steht für einen aus schmalem Stahlrohr gebauten Schlitten mit Holzsitz. "Wir hatten ein Oktoberfest veranstaltet zum Thema Hobby und Freizeit. Darum baten wir die Menschen aus der Region, uns ihre Wintersport- und -spielgeräte für eine Ausstellung zu überlassen. Da kamen so viele zusammen, dass wir ein Museum draus gemacht haben." Die Dauerleihgaben dokumentieren anschaulich, "wie die Leute hier die Berge runtergerauscht sind". Und wie die Skier, aber auch der Schlitten, den Alltag in Oberwiesenthal einst und heute prägten, ist im dortigen Stadtmuseum zu erfahren. Mit Fotos und diversen Ausstellungsstücken wird die Geschichte der Fortbewegung in der weißen Welt lebendig. Eine eigene Episode ist der Geschichte des Wintersports am Fichtelberg gewidmet.

Rodelstrecken gibt es viele in Sachsen. Jene in Oberwiesenthal setzte der ADAC vor einigen Jahren in einem Ranking unter 30 europäischen Stecken auf Platz 3. 67 Rodelberge für ganz Sachsen zählt die Internetseite www.snowfun-sachsen.de auf, wobei sie in ihren Längen vom Chemnitzer Sonnenhügel (10 Meter) bis Augustusburg (1500 Meter) gewaltig variieren.

Der Schlitten ist längst fester Bestandteil des Wintertourismus als Massenphänomen. Ihm hängt ein demokratisches Moment an - immerhin kann sich fast jeder ohne großen Aufwand dem Rodelspaß hingeben. Kein Wunder, dass bereits der kulturkritische Thomas Manns im "Zauberberg" über jene "Herren und Damen" lästerte, "welche zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlitten schlingernd und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen". Dabei macht Rodeln harmlos. Kein Rempeln am Skilift oder lebensgefährliches Schnippeln auf der Piste. Das Gleiten durch die Puderzuckerwelt erlebt sich als unegoistischer Zeitvertreib, bei welchem die Ellenbogen eingefahren bleiben können. Endet die Fahrt im abseitigen Schneegestöber, ist man in der Regel selbst Schuld, auch wenn ein Kinderreim um 1870 das anders sieht: "Schlitten, das war von dir sehr dumm / wirfst mich mitten im Schnee hier um."

Hielt der Humanist Sebastian Brandt den Rodel für das Fahrzeug der Narren, so ist doch wirklich ein Tor, wer dem Schlittenspaß trotzt. Ganz ist der Mensch nur beim Spiel, hat Friedrich Schiller der Menschheit einst ins Stammbuch geschrieben. Worin kann das besseren Ausdruck finden, als beim Schlittenfahren? Das kann man darum auch als Erwachsener mal wieder machen. Und die verschiedenen Arten der Flockenlandschaft spürbar erfahren: Bremspulverschnee und gut festgetrampelter Pappschnee weisen unterschiedliche Fahreigenschaften auf, von leicht überfrorener Kristallkruste gant zu schweigen. Beim flotten Drübergleiten ist man ganz bei sich. Selbst philosophische Einsichten kann der Schlitten offenbaren: "Nutze den Rodeltag" lässt sich als Imperativ fassen, der verallgemeinert bedeutet, alle Gelegenheiten auszuschöpfen. Denn Tauwetter kommt früh genug, wie ein studentischer Text von 1755 zeigt: "Sollte etwann unsere Schlitten-Fahrt zu Wasser werden, gedencken wir: es seye alles in diesem Leben zergänglich."

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