Der Besessene

Vor 100 Jahren starb der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel. Er kämpfte für Charles Darwins Evolutionstheorie und wurde von seinen Gegnern nur "Affenprofessor aus Jena" genannt. Aus heutiger Sicht beschritt er aber auch manch fatalen Irrweg.

Es war 1866 auf der Rückreise von England. Dort hatte sich Ernst Haeckel den "Hauptwunsch seines Lebens" erfüllt und Charles Darwin besucht. Doch bei seiner Rückkehr musste Haeckel im Hafen von Lissabon fünf Tage in ein Quarantäne-Gefängnis, weil in London die Cholera ausgebrochen war. Beim Freigang unter Aufsicht entdeckte er in den Fluten des Tejo eine besonders große Quallenart, die ihm unbekannt war. "Es glückte mir, durch Bestechung unseres Quarantäne-Inspektors die Erlaubnis zu erlangen, eines von diesen herrlichen Tieren in einem Eimer mit hinaufzunehmen" in die Zelle. Und tatsächlich: Es handelte sich um eine noch nicht entdeckte Medusenart der Gattung Rhizostoma.

Keine Frage: Ernst Haeckel war ein Besessener. Der Zoologe kämpfte ein Leben lang für die Evolutionstheorie und unterstützte die Lehren Darwins. Wo der Brite in seiner "Entstehung der Arten" (1859) aber die Abstammung des Menschen weitgehend ausgespart hatte, um religiöse Gefühle nicht zu verletzen, ging sein deutscher Kollege weiter. Auch der Mensch, der bisher als Krone der Schöpfung gegolten hatte, so Haeckel, habe sich aus den niederen Wirbeltieren entwickelt - stamme, etwas vereinfacht ausgedrückt, vom Affen ab. Das war die These, die Haeckel mit der Inbrunst eines Propheten predigte und sich dadurch so manchen zum Feind machte. Gegner nannten ihn abschätzig nur den "Affenprofessor aus Jena".

Geboren 1834 in Potsdam als Sohn eines preußischen Regierungsrates, wuchs Ernst Haeckel in Merseburg auf, wohin der Vater kurz nach der Geburt des Jungen versetzt worden war. Mit sechs Jahren besuchte der kleine Ernst mit seiner Mutter die "Thierbude" in Leipzig und listete die gesehenen Tiere säuberlich in einem Brief an den Großvater auf. Da war der Systematiker schon zu erkennen, der später die Natur in Stammbäume pressen wollte. Mit acht Jahren legte er sich ein eigenes Herbarium an. "In diesem Blumenpflücken und Heusammeln liegt ein Reiz und eine Anregung zu den mannigfaltigsten Gedanken, wie sie vielleicht kein anderer Sport gewährt." Eine Käfer- und Schmetterlingssammlung dagegen gab er schnell wieder auf, weil ihm die Tiere leidtaten. Der Rektor des Merseburger Dom-Gymnasiums lobte den aufgeweckten Knaben und attestierte ihm ein "gutes Verständnis des Christentums und warmes Interesse für dasselbe".

Haeckels preußischer Vater bestand darauf, dass sein Sohn nicht Botanik, sondern Medizin studieren solle, weil das "einen Mann ernähren kann". Deswegen ging Ernst Haeckel an die Universität Würzburg, widmete sich aber schon nach dem zweiten Semester fast nur noch der vergleichenden Anatomie. Früh wusste er, dass er seiner schwachen Nerven und, wie er nach Hause schrieb, seines "Krankenekels" wegen nicht zum Mediziner taugte. In Berlin hörte er Vorlesungen beim berühmten Anatomen Johannes Müller und fragte ihn, ob denn nicht alle Wirbeltiere von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen würden? Müller erwiderte: "Ja, wenn wir das wüssten. Wenn Sie dieses Rätsel einmal lösen können, dann würden Sie das Höchste erreichen." Worte, die den jungen Ernst Haeckel anspornten.

Zwar beendete er in Würzburg auf Wunsch des Vaters das Medizinstudium und wurde Assistent von Rudolf Virchow. Weil er nachts aber so oft zu Geburten gerufen wurde, fluchte er und wünschte sich, dass der Mensch wie viele Tiere "in Eiern" zur Welt käme, oder noch besser wie die Pflanze durch "Spross- und Knospenbildung". Seine Sprechstunde legte er zwischen fünf und sechs Uhr in der Früh, damit auch ja niemand kam und er ungestört seinen Naturstudien nachgehen konnte. Nachdem er 1858 das Staatsexamen geschafft und "Über die Gewebe des Flusskrebses" promoviert hatte, warf er die Medizinbücher in hohem Bogen aus dem Fenster. Auf Reisen nach Helgoland, in die Alpen und ans Mittelmeer erkundete er die Natur. Allein in Messina entdeckte er 144 neue Arten von Einzellern, der sogenannten Radiolarien. Vor dem Mikroskop fiel er auf die Knie und jubelte dem Meer zu: "In jedem Tropfen Seewasser Hunderte und Tausende der herrlichsten Schöpfungswunder."

Mit dem gleichen Enthusiasmus stellte er seine Ergebnisse auf der Rückreise auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte vor. Seine Publikationen über die neuen Radiolarien begründeten seinen Ruhm als Zoologe und Systematiker. 1861 wurde er Dozent in Jena, wenig später Professor und Direktor des Zoologischen Museums. In Stettin sorgte 1863 seine Rede "Über die Entwicklungstheorie Darwins" für Erregung. Ernst Haeckel war ein streitbarer Gesell. Nicht alle Kollegen erkannten seine radikale Form der Wissenschaft an. Ihn kümmerte das wenig: "Einen Augias-Stall wie die Morphologie kann man nicht mit Glacéhandschuhen, sondern nur mit der Mistgabel ausräumen, und man muss derb und ungeniert zupacken." Darwins Entwicklungslehre war für ihn die bedeutendste Entdeckung des 19. Jahrhunderts, für sie kämpfte er leidenschaftlich. "Ernst muss alles extrem tun", sagte schon sein Vater über ihn. Und der eigene Sohn wird ihn später einen "Himmelsstürmer" und "Götzenzertrümmerer" nennen.

Für Ernst Haeckel war Gott in der Natur zu finden. "Gottes Geist lebt und wirkt in allem." Er vertrat eine monistische Naturphilosophie, verstand darunter die Einheit von Materie und Geist. Er forschte über Radiolarien, Kalkschwämme, Quallen und entwarf seine systematischen Stammbäume, in denen sämtliche Organismen einen Platz zugewiesen bekamen. Mit Publikationen wie "Generelle Morphologie der Organismen" (1866) oder "Natürliche Schöpfungsgeschichte" (1868) ging er aufs Ganze. Die übliche Objektivität des Wissenschaftlers war seine Sache nicht. Die monistische Philosophie wollte er zu einer Art Naturreligion machen.

Und es gab auch die fatalen Irrwege in seinem Leben: Kritisch betrachtet werden müssen heute Haeckels Äußerungen zu Selektionsmechanismen und Züchtungsgedanken beim Menschen. Manche Historiker sehen in ihm einen Wegbereiter der Rassenhygiene und Eugenik in Deutschland. Er vertrat zutiefst inhumane Ansichten: Er plädierte für die Tötung von behinderten Kindern und trat 1905 der von Alfred Ploetz gegründeten "Gesellschaft für Rassenhygiene" bei, die sich der "Theorie und Praxis der Rassenhygiene unter weißen Völkern" widmete. Die Nationalsozialisten beriefen sich später unter anderen auch auf Haeckel, der aus sozialdarwinistischen Gründen auch die Todesstrafe befürwortete.

Als ihm 1904 in Rom der Zutritt zur vatikanischen Sammlung verwehrt wurde, ließ Haeckel sich von Mitgliedern des Freidenkerkongresses zudem kurzerhand zum "Gegenpapst" ausrufen. 1906 gründete er den Deutschen Monistenbund, 1909 in Jena das Phyletische Museum als erstes Museum für Entwicklungsgeschichte. Am 9. August 1919 starb der Zoologe und Philosoph in Jena.

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