Der Dreißigjährige Krieg in Sachsen

Vor 400 Jahren begann der europäische Krieg auf deutschem Boden, der lange Zeit zum Trauma für die Menschen wurde. Gerade Sachsen, damals Kursachsen, wurde von Schlachten, Feldzügen und marodierenden Soldaten, aber auch von Hunger und Pest in einem Ausmaß zerstört, das heute kaum noch vorstellbar erscheint. Die "Freie Presse" begibt sich auf Spurensuche in der Region um Chemnitz, Dresden und Leipzig. Kaum eine Stadt oder ein Landstrich blieben von der Katastrophe verschont. Alles schon lange her? Es ist auch eine aktuelle Mahnung gegen Krieg, Elend und Zerstörung.

Sachsen gehörte im Laufe des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 zu den am meisten betroffenen Gebieten. Das Kurfürstentum hatte unter Feldschlachten, Belagerungen und Verwüstungen zu leiden. 1646 war der Krieg für Kur-sachsen mit dem Frieden von Eilenburg, der mit den Schweden geschlossen wurde, weitgehend vorbei.
Dabei hatte sich der sächsische Kurfürst Johann Georg I. im Krieg anfangs jahrelang neutral verhalten. In Verfassungsfragen etwa bei der Niederwerfung von Böhmen, Mähren, Schlesien und der beiden Lausitzen stand er aufseiten von Kaiser Ferdinand, dem Führer der katholischen Sache. Dabei war Kursachsen damals die Vormacht des Protestantismus lutherischer Prägung. In der Zeit sich reichsweit verschärfender Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten wäre der Landesherr des mächtigsten protestantischen Territoriums prädestiniert gewesen, die evangelischen Reichsstände zu führen. Johann Georg beließ es jedoch bei der Ausgleichspolitik Sachsens. Ziel: den Status quo des Augsburger Religionsfriedens - die friedliche Koexistenz von Luthertum und Katholizismus - zu wahren.

Das änderte sich mit der Landung des schwedischen Heeres unter dem protestantischen König Gustav Adolf in Pommern 1630. Trotz gleichen Glaubens sah der reichstreue Johann Georg dieses Eingreifen in deutsche Angelegenheiten zunächst kritisch. Der Leipziger Konvent versuchte im Februar 1631, die evangelischen Reichsfürsten und Reichsstände mit dem Kurfürsten an der Spitze in einer bewaffneten Neutralität zwischen Kaiser und Schweden zu vereinen.

Das gewaltsame Vorgehen der Katholischen Liga gegen die am Zusammenschluss beteiligten Länder und der Einmarsch kaiserlicher Truppen in Kursachsen veranlassten Johann Georg jedoch zum Abschluss eines Bündnisses mit den Schweden. Kurz darauf, am 17. September 1631, schlugen diese das kaiserliche Heer unter General Tilly bei Breitenfeld. Die Sachsen rückten nach Böhmen. Nachdem der kaiserliche Feldherr Wallenstein seinerseits bis Leipzig vorgedrungen war, eilten die Schweden herbei. Am 16. November 1632 kam es zur Entscheidungsschlacht bei Lützen, in der Gustav Adolf fiel. Der Tod des Schwedenkönigs gab dem sächsischen Kurfürsten neue Handlungsfreiheit. Nachdem schwedische Politiker ihm die Spitze der protestantischen Kriegspartei verwehrt hatten, zog sich der Kurfürst aus dem Bündnis zurück, wechselte abermals die Seiten und schloss mit Kaiser Ferdinand II. 1635 den Prager Frieden. Der revanchierte sich mit der Abtretung von Ober- und Niederlausitz, dem größten Landgewinn, den Kursachsen nach 1547 je erzielen sollte. Johann Georg verpflichtete sich, die katholischen Bewohner der Lausitzen, in erster Linie Sorben, sowie das Domstift Bautzen und die Klöster St. Marienstern und St. Marienthal zu schützen und zu erhalten.

Der Seitenwechsel hatte aber zur Folge, dass die Schweden nun Sachsen mit furchtbaren Kriegsgräueln überzogen, worunter vor allem die wehrlose Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Johann Georg hielt sich derweil länger bei seiner Armee auf, die überwiegend in Norddeutschland eingesetzt war. Seine Niederlage in der Schlacht von Wittstock 1636 wurde wegen des Bündnisbruchs - des Verrats an der protestantischen Sache - auch als Gottesurteil gedeutet. Erst nach langem Zögern und weiteren militärischen Erfolgen der Schweden fand sich der Kurfürst zu Verhandlungen bereit. Am 6. September 1645 schlossen er und der schwedische General Torstensson den Waffenstillstand von Kötzschenbroda. Mitteldeutschland gehört zu den Gebieten, die am stärksten zerstört worden waren und auch die größten Bevölkerungsverluste hatten. Im Städtedreieck Dresden-Chemnitz-Leipzig wurde die Bevölkerung auf mehr als ein Drittel dezimiert. Sachsen musste das seit 1636 besetzte Magdeburg abtreten. 1653 übertrugen die evangelischen Reichsfürsten Johann Georg das Direktorium der evangelischen Stände. War Sachsen damit ein Gewinner? Immerhin blieben die beiden Lausitzen sächsisch. Zudem erhielt der Kurfürst die Führungsrolle im Protestantismus zurück.

Der Vorsitz im Direktorium spiegelte aber nach Ansicht des Chemnitzer Historikers Hendrik Thoß "keineswegs die reale Position und Bedeutung im Gefüge der Kurfürsten und Reichsstände wider". Johann Georg hatte sich den Ruf eines unsicheren Kantonisten und willfährigen Anhängsels der Habsburger erworben. Thoß: "Kein Wunder also, dass Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst, willig und dankbar in die Rolle des faktischen Führers der protestantischen Reichsstände schlüpfte und damit gleichzeitig die Grundlage für den Aufstieg Brandenburg-Preußens im 18. Jahrhundert legte."


Interaktive Karte vom Dreißigjährigen Krieg


Ein Überblick

Der Krieg lässt sich in vier Phasen unterteilen: Von 1618 bis 1623 war es ein regionaler böhmisch-pfälzischer Krieg.

In den Jahren 1625 bis 1629 wütete der dänisch-niedersächsische Krieg. König Christian IV. von Dänemark wollte seine Macht im Norden ausbauen. Er war zudem Herzog von Holstein und sah sich - wie später die Schweden - als Verteidiger der protestantischen Sache und der ständischen Freiheit.

Die dritte Phase (1630 bis 1635) wurde mit dem Vormarsch von Schwedenkönig Gustav Adolf II. eingeläutet. Es war die wohl wichtigste Wendung: Mit seinem Auftreten wurde aus dem deutschen endgültig ein europäischer Krieg.

Mit dem offenen Kriegseintritt Frankreichs, das die Gegner der Habsburger bis dahin mit Geld unterstützt hatte, wurde die vierte Phase (1635 bis 1648) eingeläutet. Ziel Frankreichs war es, die Position des nach dem Prager Friedensschluss übermächtigen Kaisers wieder zu schwächen. (slo)


Der europäische Krieg von 1618 bis zum Friedensschluss

1618 Prager Fenstersturz

Vertreter der protestantischen Stände Böhmens werfen die königlichen Statthalter aus dem Fenster der Prager Burg (hier von Schauspielern nachgespielt). Sie beschuldigen ihren katholischen Landesherrn, Kaiser Matthias und den 1617 zum Nachfolger gewählten böhmischen König Ferdinand (1619 auch Kaiser), die Religionsfreiheit zu verletzen. Der "Prager Fenstersturz" gilt als Beginn des Krieges.

1619 Ferdinand II.

Als Oberhaupt der katholischen Seite ist die Amtszeit von Ferdinand II. (1619 - 1637) vom Krieg geprägt. Nach der Schlacht bei Nördlingen 1635 handelt er mit den protestantischen Fürsten den Prager Frieden aus. Dass es dann doch nicht zu einem Frieden kommt, liegt an Frankreich, das aus Angst vor einem übermächtigen Habsburger Kaiser offen in den Krieg zieht und die Schweden unterstützt.

1620 Schlacht am Weißen Berg

Die Schlacht am Weißen Berg in Tschechien ist die erste große Feldschlacht. Der Feldherr der katholischen Liga, Tilly, besiegt die böhmischen Truppen. Der Pfälzer Friedrich V., von böhmischen Ständen aus Protest gegen den Kaiser zu ihrem König gewählt, flieht und geht als "Winterkönig" in die Geschichte ein. 1625 ziehen die Dänen unter König Christian IV. in den Krieg gegen den Kaiser.

1630 Gustav Adolf II. von Schweden

Gustav Adolf II. gilt als eine der wichtigsten Figuren des Krieges überhaupt. Er verhindert als König der Schweden durch seinen Kriegseintritt im Jahre 1630 den Sieg des katholischen Lagers und ist selbst als Feldherr an den Schlachten beteiligt. Am 16. November 1632 fällt er in der Schlacht bei Lützen. Aber weder die Schlacht noch der Krieg sind damit für Schweden verloren.

1631 Eroberung Magdeburgs

Am 20. Mai erstürmt das kaiserliche Heer unter General Tilly das reformatorisch geprägte Magdeburg. Was sich dann in der Stadt abspielt, gehört zu den dunkelsten Kapiteln des Krieges. Die Stadt wird in Brand gesetzt und tagelang weiter geplündert und geschändet. Das als "Magdeburger Hochzeit" in die Geschichte eingegangene Ereignis kostet etwa 25.000 Menschen das Leben.

1632 Schlacht bei Lützen

Bei Lützen (heute Sachsen-Anhalt) treffen zwei gewaltige Heere aufeinander, befehligt von den beiden berühmtesten Feldherren des Krieges: Gustav Adolf führt die Truppen der protestantischen Union gegen Wallenstein und dessen kaiserlich-katholische Liga. Es ist eine der grausamsten Schlachten. Von den vielen Opfern erzählt ein Massengrab, das Archäologen in Halle erkundet haben.

1634 Ermordung Wallensteins

Nach dem Sieg über die Dänen und dem Frieden von Lübeck 1629 war Albrecht von Wallenstein, Feldherr im Dienste des Kaisers, am Höhepunkt seiner Macht. Auf Druck der eifersüchtigen Kurfürsten entließ ihn der Kaiser. Zwei Jahre später wird er wieder Oberbefehlshaber. Nach Geheimgesprächen mit den Schweden endet 1634 Wallensteins Karriere. In der Blutnacht von Eger wird er ermordet.

1636 Schlacht bei Wittstock

Besucher auf der Schwedenplattform am Stadtrand von Wittstock an der Dosse (Brandenburg): Hier besiegt der schwedische Marschall Johan Banér die kaiserlich-sächsische Reichsarmee. Der Sieg der Schweden gehört zu den Entscheidungsschlachten des Dreißigjährigen Krieges. Im April 2007 wurde am Ort des Schlachtfelds ein Massengrab mit den Überresten von etwa 125 Soldaten entdeckt.

1648 Westfälischer Friede

Nach der letzten großen Feldschlacht auf deutschem Boden bei Zusmarshausen, die mit einer Niederlage der kaiserlich-bayerischen Truppen gegen Franzosen und Schweden endet, kommt es endlich zum Friedensschluss von Münster und Osnabrück, zum "Westfälischen Frieden". Die bronzene Klinke an der Eingangstür zum Historischen Rathaus in Osnabrück erinnert an das Ereignis.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    06.08.2018

    ...und ich vermisse die Grenze zwischen dem Kurfürstentum Sachsen und den ernestinischen Herzogtümern.Diese gehörten nicht zum albertinischen Kursachsen.

  • 1
    0
    Haecker
    05.08.2018

    Ich vermisse einen Hinweis auf die sehenswerte Gustav-Adolf-Gedenkstätte in Lützen (vor den Toren Leipzigs), ebenso einen Hinweis auf den (allerdings nur kleinen) Gedenkstein am Ortsausgang von Mittelbach, Richtung Chemnitz, der sich auf die Schlacht von Chemnitz am 14.04.1639 bezieht.



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