Die Mutter aller Hühner

Ein spektakulärer Fund offenbart: Noch zu Zeiten der Dinos wuselte ein moderner Vogel auf langen Beinen über die Strände des heutigen Belgiens.

Dort, wo heute Belgien liegt, schwappten vor 66,7 Millionen Jahren die Wellen eines flachen Meeres an die Ufer eines Landes mit tropischem Klima. Über diesen Strand wuselte auf langen Beinen ein Vogel von der Größe eines Rebhuhns, dessen Überreste jetzt Daniel Field von der Universität im englischen Cambridge und seine Kollegen in der Zeitschrift Nature (Band 579, Seite 397) beschreiben. Der Schädel dieses Tieres ähnelt in vielen Details denen der heute lebenden Hühner und Enten. Damit ist für die Forscher klar: Offensichtlich rannten damals also relativ moderne Vögel zwischen den Beinen der mächtigen Dinosaurier umher, die nur wenige Hunderttausend Jahre später vom Einschlag eines gigantischen Meteoriten in den Golf von Mexiko ausgelöscht werden sollten.

"Das ist ein spektakulärer Fund", meint mit Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main ein ausgewiesener Spezialist für ausgestorbene Vögel und die Evolution dieser Tierklasse. Schließlich gehört die von Daniel Field und seinen Kollegen entdeckte und auf Asteriornis maastrichtensis getaufte Art eindeutig in die uralte Gruppe der Hühnervögel und Entenvögel. Deren Entwicklung zweigte schon früh von den anderen Gruppen der modernen Vögel ab, zu denen alle heute lebenden Federträger und viele längst ausgestorbene Vorfahren, nicht aber die sogenannten "Stammgruppen-Vögel" wie der Urvogel Archaeopteryx gehören.

Die Urahnen dieser Urvögel wiederum waren einst Raubdinosaurier, die auf zwei Beinen jagten. Einige von ihnen wie der Tyrannosaurus rex gehörten mit einer Länge von 15 Metern und einem Gewicht von fünf bis acht Tonnen zu den größten Räubern, die jemals an Land lebten. Daneben gab es noch viele kleinere Arten wie den Microraptor, der gerade einmal 77 Zentimeter maß und weniger als ein Kilogramm auf die Waage brachte. Diese Mini-Dinos wärmten sich mit tiefschwarzen Federn an Armen und Beinen, mit denen sie vielleicht sogar im Gleitflug zwischen den Baumwipfeln oder zum Boden fliegen konnten.

Im Zeitalter des Jura entwickelten sich vor etwa 200 bis 160 Millionen Jahren aus diesen Raubdinos die ersten Urvögel. So lebte vor 160 Millionen Jahren im heutigen China mit Anchiornis huxleyi ein Tier, dessen Körper durchaus einem heutigen Vogel ähnelte. Fünf Millionen Jahre später tauchte dann der Urvogel Archaeopteryx im Gebiet der Fränkischen Alb auf. Beide Arten hatten aber noch viele Dino-Eigenschaften wie einen langen Schwanz und viele Zähne. Solche Überbleibsel aus der Dinozeit wie Zähne finden sich auch noch in anderen Urvögeln wie den Enantiornithes, die sich vor rund 130 Millionen Jahren entwickelten und vor 66 Millionen Jahren zusammen mit den Dinos ausstarben.

"Vor 68 bis 66 Millionen Jahren lebte dann in der Antarktis mit Vegavis iaai eine Art, die eindeutig zu den modernen Vögeln gehörte und von der einige Wissenschaftler annehmen, dass sie eng mit den heutigen Enten und Gänsen verwandt war", berichtet Senckenberg-Forscher Gerald Mayr. Nur wenige Millionen Jahre später tauchte im heutigen Neuseeland mit einem riesigen Pinguin eine weitere Art der modernen Vögel auf, die Gerald Mayr gemeinsam mit seinen Kollegen erst im August 2019 beschrieben hat. "Da weitere solcher Funde ebenfalls von der Südhalbkugel der Erde stammten, folgerten viele Paläontologen, dass die modernen Vögel sich im Süden entwickelt hätten", erklärt Gerald Mayr.

Diese Schlussfolgerung dürfte mit Asteriornis maastrichtensis vom Tisch sein. Obendrein entdeckten Daniel Field und seine Kollegen dieses Fossil ausgerechnet in der Gesteinsschicht in der Nähe der Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden, die der letzten Epoche der Kreidezeit und damit den letzten Jahrmillionen der Dinosaurier den Namen gab, dem Maastrichtium. "Offensichtlich hat also auch die Nordhalbkugel und das damalige Europa in der Zeit vor dem Aussterben der Dinosaurier bei der Entwicklung der modernen Vögel eine Rolle gespielt", folgert Gerald Mayr daher.

Als Daniel Field und seine Kollegen diesen Fund zum ersten Mal in Händen hielten, sahen sie nur wenige schmale Beinknochen aus einem Steinblock ragen. Mit einem Computertomographen tasteten die Forscher dann die darunter liegenden Schichten ab und entdeckten dort einen Schädel, der einige Eigenschaften der heutigen Hühner- und Entenvögel zeigt. Indizien und die Fundstätte legen nahe, dass diese Art einst am Strand eines tropischen Meeres ihre Nahrung suchte. Kurzerhand gaben die Forscher dieser Art daher den Spitznamen "Wunderhuhn".

Erst viel später und etliche Jahrmillionen nach dem Aussterben der Dinosaurier entwickelten sich dann weitere Gruppen moderner Vögel, die wie die Singvögel nicht mehr am Boden, sondern in den Wipfeln der Bäume zuhause waren. Damit war die Grundlage für eine Tier-Ordnung gelegt, die heute weit mehr als zehntausend Arten umfasst und zu der wohl die farbenprächtigsten und auffälligsten Tiere auf der Erde gehören.

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