Erstochen für die Freiheit?

Vor 200 Jahren lieferte die Ermordung des Dichters August von Kotzebue den Anlass für die Karlsbader Beschlüsse. Das hatte in Sachen Demokratiebe- wegungen weitreichende Folgen. Von dem Dichter selbst bleibt heute ein zwiespältiges Bild zurück.

Der Mord passiert an einem kalten Dienstag in Mannheim. Man schreibt den 23. März 1819. Im geometrisch angelegten Stadtzentrum bewohnt der aus Weimar stammende Kaiserlich Russische Staatsrat August von Kotzebue Hausnummer 5 in der Straße A2, wo heute eine Gedenktafel hängt. Des Nachmittags klingelt es an der Türe, ein 24-jähriger Theologiestudent bittet unter falschem Namen um Einlass. Nach einigen warmen Worten zückt er plötzlich einen Dolch, ruft "hier, du Verräter des Vaterlandes!" und sticht auf Kotzebue ein - gezielt ins Gesicht, in die Milz, den Magen und die Lunge. Kotzebue bricht zusammen, er leidet wie vom Mörder geplant. Sein Blut rinnt auf seinen vierjährigen Sohn zu, der unter dem Tisch spielt. Die Mutter, das jüngste Kind auf dem Arm und schwanger, eilt herzu, später soll sie durch den Schock das Ungeborene verlieren.

Eine erbärmliche Tat, lange geplant und ausgeführt von Karl Ludwig Sand, der sich noch vor Ort selbst richten will, aber gerettet und erst ein Jahr später zum Tode verurteilt wird. Die Folgen seiner Tat überschaut er nicht: Sie bietet den Anlass für ein beispielloses Paket restaurativer Maßnahmen gegen nationalliberale Tendenzen in Deutschland nach dem Sieg über Napoleon, der erst vier Jahre zuvor als endgültig gelten konnte. So wie viele andere Burschenschaftler war der Mörder Sand religiös, ja fanatisch getrieben, verfolgte das Ideal eines einigen deutschen Nationalstaates und die freiheitlichen Ideen, die nach der Französischen Revolution trotz des übergangsweise installierten napoleonischen Kaiserreichs ins Heilige Römische Reich übergeschwappt waren, allerdings bislang ohne Aussicht auf Erfolg.

August von Kotzebue gilt den Studenten als verhasster Monarchist, der gegen ihre nationalen Umtriebe polemisiert und sich über die Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahns lustig gemacht hatte, die dieser auch als Vorbereitung der Jugend im Kampf gegen die napoleonische Besatzung verstand. Als Gesandter des russischen Zaren berichtet Kotzebue von den Verhältnissen in Deutschland nach Sankt Petersburg, zieht sich dadurch den Vorwurf der Spionage und mithin erst recht den Hass der jungen Patrioten zu. Er verteidigt in seinen auf dem Wartburgfest 1817 verbrannten Schriften den Adel und verspottet die nationalrepublikanischen Studenten. Damit stellt er, sozusagen als Feind im eigenen Land, das ideale Opfer für Sand dar, der 1815 freiwillig gegen Napoleon in den Krieg gezogen war und sich nun durch den Mord unter seinesgleichen unsterblich machen will. Bis heute gilt seine Tat vielen quasi als Kollateralschaden im Kampf für Freiheit, Gleichheit und Demokratie.

Doch abgesehen von seinen politischen Ansichten ist August von Kotzebue vor allem ein schnell und viel schreibender Autor: Seine Werke füllen immerhin eine 40-bändige Gesamtausgabe, in der allein 230 Theaterstücke vertreten sind, die heute kaum jemand kennt geschweige denn aufführt. Romane, Prosa, journalistische und historische Schriften ergänzen das umfangreiche Werk, das unter Germanisten nicht gerade den Status von Weltliteratur genießt. Zu seiner Zeit enorm erfolgreich, tragen seine Bühnenwerke heute den Stempel "Rührstück", er gilt als drittklassig, kitschig und streitbar, sein Weimarer Kollege Goethe vertreibt ihn mehrfach von der Ilm, inszeniert seine Werke aber auch in seiner Intendantenzeit. Die uneingeschränkte Wertschätzung des Dichterfürsten erwirbt sich August von Kotzebue nie.

Dabei hatte sich der 1761 geborene Sohn einer angesehenen Weimarer Bürgerfamilie früh fürs Theater interessiert, studierte aber Jura und empfahl sich für hohe Richterämter in Estland und Sankt Petersburg. In Reval, dem heutigen Tallinn, wird der Bürgersohn und Rechtsassessor schon 1785 in den russischen Erbadel erhoben, nachdem er die Tochter eines Generalleutnants geheiratet hat - aufgrund früher Witwerschaft eine von drei Ehefrauen, mit denen er im Laufe seines Lebens insgesamt 17 Kinder zeugen wird. Die estnische Hauptstadt hat auch genug Publikum, um sein Privattheater zu ernähren, das er mit adligen und bürgerlichen Freunden gründet, um seine eigenen Stücke aufführen zu können.

Nachdem seine erste Frau gestorben ist, zieht sich Kotzebue 1797 aus dem Staatsdienst zurück, nicht zuletzt weil auch Zarin Katharina II. inzwischen gestorben ist und ihre Verfassungsreformen von ihrem Sohn und Thronfolger Paul zurückgenommen werden. Er wird Intendant, Journalist und russischer Diplomat in Wien und Weimar und pendelt nun zwischen Estland, wo er bei Reval ein Gut besitzt, und Deutschland hin und her - keine leichte Aufgabe, wenn man das Durchschnittstempo einer Postkutsche bedenkt: Es liegt zu dieser Zeit nicht höher als sieben Stundenkilometer, womit etwa eine Strecke von Weimar nach Estland selbst unter günstigsten Reisebedingungen gut und gern einen Monat dauern kann. Als Kotzebue im Jahr 1800 wieder nach Russland reist, wird er unter dem Verdacht, Anhänger der Französischen Revolution zu sein, festgenommen und nach Sibirien verbannt. Das Missverständnis löst sich schnell, er wird begnadigt und zum Direktor des deutschsprachigen Theaters in Sankt Petersburg ernannt.

Doch als Zar Paul ermordet wird - die Zeiten sind und bleiben unruhig -, kehrt Kotzebue nach Weimar zurück, legt sich mit Goethe und den Romantikern an, zieht weiter nach Berlin, um sich von dort aus über den Geheimrat lustig zu machen, streitet sich jedoch wiederum mit seinen Gewährsleuten, wird aber immerhin vom König in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Vor dem herannahenden Napoleon flieht Kotzebue erneut nach Estland, hetzt gegen den französischen Kaiser und wird 1817 endlich als russischer Generalkonsul nach Deutschland entsandt. Er kann es jedoch nicht lassen, gegen die Nationalbewegung zu sticheln, bis ihm der Boden in Weimar zu heiß wird und er sich nach Mannheim zurückzieht, wo seinem Leben schließlich ein Ende bereitet wird.

Nach dem Mord an Kotzebue greift Fürst Metternich, der sich als österreichischer Außenminister und späterer Staatskanzler nach dem Wiener Kongress erfolgreich Gehör verschafft hat, mit eiserner Hand durch: Als Vorsitzender des Deutschen Bundes darf er eine Konferenz der kleinstaatlichen Fürsten ins beschauliche Karlsbad einberufen und dort ihre Ängste vor den republikanischen Nationalisten schüren, die ihre despotische Macht in Gefahr bringen. Am 20. September, gerade mal ein halbes Jahr nach dem Tod Kotzebues, werden in dem abgeschirmten Kurbad die Karlsbader Beschlüsse gefasst, die später per Eilverfahren im Frankfurter Bundestag einfach durchgewinkt werden: Die Burschenschaften sind ab sofort als Revolutionsherde verboten, Bücher und Zeitungen der Zensur unterworfen, Universitäten und Professoren werden überwacht. Aus Angst vor Repressalien ziehen sich die mündigen Bürger ins Privatleben zurück - sie prägen damit sprichwörtlich die Zeit des Biedermeier. Erst nach der Revolution 1848 sind die sogenannten Demagogenverfolgungen nicht mehr zu halten. Sie helfen mit, die Entstehung eines deutschen Nationalstaates um Jahrzehnte zurückzuwerfen.

Somit ist August von Kotzebues Erbe, ob nun gewollt oder nicht, durchaus zwiespältig: Man kann ihn durchaus als erfolgreichen Autoren anerkennen, auch wenn seine Werke heute vergessen sind, und als erklärter Antinationalist hat er schon früh die Urahnen braun-nationalen Gedankenguts lächerlich gemacht, wenngleich sein Mörder sicher andere Ideale hatte als die heutigen Neonazis. Andererseits vertrat Kotzebue, dessen Ansichten und Meinungen - unter anderem zur Religionsfreiheit und speziell zum Judentum - sich im Laufe des Lebens immer mal den Gegebenheiten anpassten, eben auch die Restauration des Monarchismus, womit er nicht gerade als Vordenker einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft gesehen werden kann. An seinem Beispiel zeigt sich, dass historische (Anti-) Vorbilder aufgrund der unvergleichlichen politischen Begleitumstände nicht eins zu eins und vor allem nicht kritiklos angewendet werden sollten.

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