Europäische Weltraumbehörde plant Abfuhrmission

Kein Internet, kein Fernsehen, kein Telefon oder keine verlässliche Wettervorhersage mehr? Satelliten sind heute durch Weltraummüll gefährdeter denn je. Dabei sind sie selbst Teil des Problems.

Das Weltall hat ein großes Müllproblem, das zunehmend zur Gefahr für die Raumfahrt wird. Nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation Esa umkreisen zur Zeit über 8400 Tonnen Schrott die Erde, Tendenz: steigend. Seit "Sputnik" im Jahr 1957 das Zeitalter der Raumfahrt einleitete, brachten mehr als 5450 Raketenstarts über 8950 Satelliten ins All. Von den gut 5000, die sich noch immer dort befinden, ist die Mehrheit allerdings gar nicht mehr funktionstüchtig, sagt die Esa. Zusammen mit alten Raketenteilen, abgebrochenen Solarpanels, Schrauben, Trümmerteilen und selbst kleinsten Farbpartikeln stellen sie ein riesiges Gefahrenpotenzial dar. Abermillionen kleiner und kleinster Weltraummüllteilchen schießen mit teilweise atemberaubenden Geschwindigkeiten von über 50.000 km/h wie Geschosse durchs All und entwickeln dabei ein enormes Zerstörungspotenzial. Kein Wunder, dass die funktionstüchtigen Satelliten heute schon routinemäßig Ausweichmanöver fliegen müssen, um nicht mit dem Weltraummüll zu kollidieren. Auch die Internationale Raumstation ISS musste schon mehrfach ihre Flugbahn ändern, um nicht getroffen zu werden. Doch das klappt nicht immer. 2006 schlug ein Müllteilchen in ein Fenster der ISS ein und brach dabei ein Stück heraus. 2009 kollidierte der amerikanische Kommunikationssatellit "Iridium-33" mit dem ausgedienten russischen Militärsatelliten "Kosmos-2251", wobei beide Satelliten völlig zerstört und tausende Trümmerteile ins All freigesetzt wurden. 2016 wurde das Sonnensegel eines Esa-Satelliten von einem nur wenige Millimeter kleinen Teilchen getroffen, das aber einen Schaden von 40 Zentimetern Durchmesser verursachte. "Man stelle sich vor, wie gefährlich die Seefahrt wäre, wenn alle Schiffe, die je im Laufe der Geschichte gesunken sind, noch an der Oberfläche treiben würden", warnt Esa-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner. "Das ist aber die aktuelle Situation im Orbit, und wir können nicht zulassen, dass das so weitergeht." Aus diesem Grund haben sich die Esa-Mitgliedsstaaten unlängst darauf geeinigt, erstmals eine Müllabfuhr im Weltraum ins Leben zu rufen. 2025 wird "Clear-Space-1" starten, so zumindest der Plan, erste Vorbereitungen sollen bereits im März anlaufen. Die weltweit erste Müllabfuhrmission hat die alte, etwa satellitengroße und 100 Kilogramm schwere "Vega"-Raketenoberstufe der Esa namens "Vespa" zum Ziel, die seit 2013 in einer Höhe von 660 bis 800 Kilometern die Erde umkreist. "Clear-Space-1" soll mit ihren vier Greifarmen die "Vespa" erfassen und in eine tiefere Umlaufbahn bringen, wo sie dann verglühen kann. Diese Mission soll wichtige Erkenntnisse und Erfahrungswerte für kommende Aufräumaktionen im Weltraum erbringen. "Wir müssen Technologien entwickeln, um Weltraummüll zu vermeiden und alten Schrott wieder zu entfernen", meint Luisa Innocenti, die die "Clear-Space-Initiative" der Esa leitet.

Die Zeit drängt, denn immer mehr Staaten, Unternehmen und sogar Privatleute streben ins All. Ein verbindliches internationales Müllvermeidungsgesetz gibt es aber nicht, lediglich einige unverbindliche Richtlinien wurden bisher erarbeitet. Allein der Investor und Unternehmer Elon Musk plant künftig über 40.000 Satelliten in den Weltraum zu transportieren. Auch die Militärs wollen zunehmend ins All. Als China im Jahr 2007 den alten Wettersatelliten "Fengyun-1C" mit einer Antisatellitenrakete von der Erde aus abschoss, entstanden dabei unzählige Trümmerteile, von denen allein 3000 Stücke so groß sind, dass sie heute noch überwacht werden müssen, um ihnen gegebenenfalls ausweichen zu können. "Wir haben da ein globales Problem geschaffen, das nur gelöst werden kann, wenn andere Länder mithelfen", meint man auch bei der Nasa, die seit 1979 mit dem Nasa-Orbital-Debris-Program ein Anti-Weltraummüll-Programm am Johnson-Space-Center in Houston, Texas unterhält, und mit dem Weltraumüberwachungssystem SSN zumindest die 22.300 größeren Objekte als eine Art Frühwarnsystem verfolgt und katalogisiert.

Ein Honigschlecken wird die Müllabfuhr im Weltall allerdings wohl nicht werden. Schon jetzt umrunden nach Esa-Angaben immerhin mehr als 5400 Objekte mit einer Länge von über einem Meter die Erde, 34.000 Trümmer in einer Größenordnung von mehr als zehn Zentimetern kommen noch hinzu, ebenso wie 900.000 Schrottteile, die einen Durchmesser zwischen einem und zehn Zentimetern haben, sowie atemberaubende 130 Millionen kleinste Müllpartikelchen, die einen Millimeter bis einen Zentimeter Länge messen. Es ist also höchste Zeit, dem Müll eine Abfuhr zu erteilen.


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