Forschung für Milliarden

Im Feldzug gegen Krankheiten ist Mark Zuckerbergs Großspende nur Tropfen auf heißen Stein. Doch sie setzt die richtigen Impulse.

Nach dem Internet will nun Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auch dem Gesundheitswesen seinen Stempel aufdrücken. Drei Milliarden Dollar sollen in den nächsten zehn Jahren in die medizinische Grundlagenforschung fließen, mit dem ambitionierten Ziel, bis zum Ende des Jahrhunderts "alle Krankheiten zu heilen, zu verhindern oder zu managen". Kritiker sehen in dieser Ankündigung vor allem eine PR-Aktion in eigener Sache und in der in Aussicht gestellten Summe bloß "Peanuts". Doch einige Experten sehen in dem ehrgeizigen Projekt auch eine Perspektive.

Es war ein großes Event. Viele prominente Wissenschaftler, unzählige Medienvertreter und selbst Bill Gates waren am 21. September nach San Francisco gekommen, als Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan ihre Pläne vorstellten, wie man künftig den großen Krankheiten des Globus den Garaus machen will. Nämlich mit drei Milliarden Dollar, die vor allem medizinische Grundlagenforschung anschieben sollen. Denn diese, so Zuckerbergs Argument, stehe viel zu sehr im Abseits: "Wir geben 50 Mal mehr Geld aus für die Behandlung von kranken Menschen als für die Erforschung von Krankheiten." Es sei höchste Zeit, diese - im wahrsten Sinne - unheilvolle Entwicklung zu stoppen.

Die Reaktionen auf die Zuckerbergschen Pläne zur Ausrottung aller Krankheiten sind zwiegespalten. Neben den üblichen Verdächti- gungen, wonach der Facebook-Gründer durch das Spenden vor allem Steuern sparen und das Image seiner Firma aufpolieren wolle, gibt es auch inhaltliche Kritik. So hält die englische Autorin und Gesellschaftskritikerin Holly Baxter die Ankündigung des Facebook-Gründers für "unerträglich arrogant" und eine typisch US-amerikanische Allmachtsfantasie, "derzufolge man mit Geld alles schaffen kann". Tatsächlich jedoch beweisen medizinische Fehlentwicklungen wie die "Antibiotika-Apocalypse" immer wieder das Gegenteil. Seit den 1980er-Jahren sei trotz Milliarden-Investitionen nicht ein neues, wirklich schlagkräftiges Antibiotikum entwickelt worden, beklagt Baxter. "Stattdessen greifen Antibiotika-Resistenzen um sich wie noch nie zuvor." Die probate Antwort könne hier nicht die Forschung liefern, sondern die Lebensmittelindustrie, indem sie keine Antibiotika mehr in der Viehzucht einsetzt.

Andere Kritiker bezeichnen die drei Zuckerbergschen Milliarden schlichtweg als "Peanuts" und seine Visionen als "weltfremd". Denn nach Angaben des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller koste schon die Entwicklung eines einzigen Medikaments bis zu seiner Zulassung zwischen einer und 1,6Milliarden Dollar. Auch Niels Birbaumer von der Universität Tübingen verortet die Spendenspritze aus dem Facebook-Vermögen - in Anbetracht des avisierten Ziels - in der Kategorie "wenig bis nichts". Denn der Hirnforscher hat viele Jahre in den Gremien der Deutschen Forschungsgesellschaft mitentschieden, welche Studien finanziell gefördert werden, und durch diese Tätigkeit und seine eigene Forschungsarbeit hat er lernen müssen, "wie sündhaft teuer medizinische Studien sein können". Gleichwohl kann er sich vorstellen, dass Zuckerberg mit seiner Spende Nachahmer unter spendierfreudigen US-Milliardären findet - und da könne dann in der Summe schon ein ernsthafter Betrag herauskommen.

Für diese Hoffnung spricht, dass ja auch der Pionier des sozialen Netzwerks als Mäzen prominenten Vorbildern gefolgt ist. Wie etwa Bill und Melinda Gates, die sich für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Aids, Tuberkulose und Malaria einsetzen. Ihre Stiftung finanziert die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (GAVI) zu 75 Prozent, das entspricht etwa 1,5 Milliarden Dollar.

Weitere superreiche Gesundheitsmäzene sind Napster-Gründer Sean Parker (für die Erforschung von Immuntherapien zur Bekämpfung von Krebs), City-Group-Gründer Sandy Weil (für die Erforschung des Gehirns) und Großinvestor Warren Buffet, der seit dem Jahr 2006 kontinuierlich und milliardenschwer Aktien für wohltätige Zwecke verkauft und dadurch seinen Ruf als reichster Mensch der Welt eingebüßt hat.

Hinzu kommt, dass Zuckerberg ja nicht in Therapien, sondern in die Grundlagenforschung investieren will. "Darunter versteht man in der Medizin jede Art von empirischer Forschung, die dazu dient, die Mechanismen einer Krankheit aufzuklären", so Birbaumer. Im Unterschied zur Therapie-Forschung entfallen hier klinische Studien, in denen etwa pharmazeutische Arzneimittel an Hunderten oder Tausenden Patienten ausgetestet werden. Dadurch ist Grundlagenforschung vergleichsweise preiswert. Ohne jedoch weniger effektiv zu sein. Zuckerberg geht sogar davon aus, dass sie mehr bringt, weil sie das Übel an den Wurzeln packt, während Therapieentwickler wie die Pharmaindustrie eigentlich kein Interesse daran haben können, die Krankheit an sich abzuschaffen.

Er steht mit dieser Ansicht nicht allein. "Der moderne Medizin- betrieb selbst ist in höchstem Maße therapiebedürftig", beklagt der US-amerikanische Mediziner und Bio-Technologe Sreedhar Potarazu, "weil sich in ihm fast alles nur um rentable Therapien dreht." Dabei ließen sich beispielsweise viele Krankheiten verhindern und gezielter behandeln, wenn man endlich die zahlreichen Daten nutzen würde, die in Arztpraxen, Krankenkassen und Krankenhäusern gesammelt werden. "Internet-Firmen wie Google, Amazon oder Facebook wissen, wie man Daten sammelt", so Potarazu. "Es wäre daher nur zu begrüßen, wenn sie sich in den Medizinbetrieb einschalten."

Zuckerberg selbst bringt allerdings das Datenkraken-Knowhow seines Unternehmens nicht ins Gespräch. Aus gutem Grund, weil er dafür immer wieder angeprangert wird. Stattdessen betrachtet er Grundlagenforschung eher im Sinne des berühmten Humangenomprojekts, in dem Forscher weltweit an der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts arbeiteten. So ist ein Fünftel der Zuckerbergschen Spende für ein Zentrum in San Francisco vorgesehen, wo Mediziner zusammen mit Ingenieuren und Software-Experten an einem Zell-Atlanten arbeiten sollen, in dem sämtliche Zelltypen des menschlichen Körpers kartografiert sind. Mit dem Ziel, Wissenschaftlern bei der Entwicklung neuartiger Medikamente zu helfen.

Gleichwohl sollte dieser Ansatz nicht zu euphorisch machen. Denn als das Humangenomprojekt 2003 erfolgreich zum Abschluss gebracht wurde, meinten nicht wenige Wissenschaftler, damit einen Schlüssel zu Erkrankungen wie Alzheimer oder Krebs gefunden zu haben. Doch bisher ist nichts Konkretes, etwa in Form eines brauchbaren Medikaments, dabei herausgekommen. Neurobiologin Cornelia Bergmann, die vom Ehepaar Zuckerberg als Leiterin ihrer Initiative eingestellt wurde, hält daher auch die Ankündigung ihrer Geldgeber für "sehr ambitioniert". Aber man sollte sie deshalb keineswegs ignorieren. Denn, so die weltweit renommierte Wissenschaftlerin, gerade im Bereich der Gesundheit gebe es keinen Grund, "die Ziele zu niedrig zu stecken".

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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