Kunstfleisch für den Teller

Es könnte ein Weg sein, Massentierhaltung überflüssig zu machen: Laborfleisch schont Tier und Umwelt - doch noch fehlt die Akzeptanz der Verbraucher.

Er sah aus wie das Original, und er schmeckte auch so. Und doch war der Hamburger, den die US-Firma Memphis Meats im November vergangenen Jahres seinen Testpersonen kredenzte, ein Hamburger der besonderen Art: hergestellt aus Rindfleisch vom Labor. Die Testesser waren zufrieden, und Firmen-Chef Uma Valeti prophezeit, dass man bereits in vier Jahren das Fleisch, "für das kein Tier sterben musste", offiziell kaufen kann. Man ist also gewissermaßen nur noch einen Buletten-Wurf von der Marktreife entfernt. Doch wird sich der Lebensmittelkunde dafür erwärmen lassen?

"Es gibt einen Igitt-Faktor, wenn Konsumenten von Laborfleisch hören", weiß US-Bioingenieur Nicholas Genovese, der von der Tierschutzorganisation Peta in seinen Bemühungen um den neuen Nahrungsmittel-Trend gesponsort wird. "Sie assoziieren ungern Lebensmittel mit Technik." Und dieses Image-Problem schrecke potenzielle Investoren ab, erklärt der Biotechniker, der aber auch gleich hinzufügt, dass er die Vorbehalte nicht so recht nachvollziehen kann: "Denn es gibt bereits zahlreiche Lebensmittel, die auf ähnliche Weise hergestellt werden." Wie etwa Joghurt und Bier.

Näher betrachtet ist das allerdings ein Vergleich, der hinkt. Denn die Mikroben von Joghurt beispielsweise "wissen" von sich aus, was zu tun ist. Die Herstellung des Laborfleischs, das auch Invitro-Fleisch genannt wird, basiert hingegen auf Stammzellen, die aus Rindern gewonnen werden und erst nach einer Behandlung mit speziellen Nährstofflösungen damit beginnen, Muskelfleisch zu produzieren.

Anfang 2010 gelang es niederländischen Wissenschaftlern erstmals, eine größere Menge Fleisch aus Stammzellen zu züchten. Seitdem träumen Biotechnologen von einer "Carnery", also einer Fleischerei, die ihren Namen wirklich verdient, weil in ihr Fleisch nicht nur verarbeitet, sondern auch hergestellt wird. Dies kann dann im industriellen Maßstab geschehen, also mit großen Bioreaktoren, die auf der Fläche eines Fußballfeldes aneinandergereiht werden. Oder auch in kleinerem Umfang, beispielsweise in der Größe einer Kaffeemaschine. "Wenn dann der Kunde kommt, drückt er nur noch auf die Knöpfe der Fleisch- espressomaschine", erläutert der russische Mediziner und Bio-Designer Vladimir Mironov, "und heraus kommt ein hundertprozentig frisches und keimfreies Stück Laborsteak, mit einem Geschmack, der haargenau auf die Wünsche des Käufers abgestimmt ist."

Laborfleisch braucht bei gleicher Menge zwischen 7 und 45 Prozent weniger Energie und mindestens 82 Prozent weniger Wasser als Fleisch. Auch könnte man im Vergleich zur Stallproduktion bis zu 96 Prozent der Treibhausgase einsparen - bei nur einem Prozent des Landverbrauchs. Bisher sind aber die Herstellungskosten noch relativ hoch, weil Laborfleisch noch nicht in Massenproduktion hergestellt wird. Das Ziel der Ingenieure: Bio-Reaktoren, die 10.000 Menschen mit Fleisch versorgen - für 70 Euro pro Kilo.

Doch noch stehen der Produktion einige Hürden im Weg. Denn Fleisch besteht aus Muskeln, und die erhalten bekanntermaßen nur dann eine feste Konsistenz, wenn man sie immer wieder in Aktion setzt. Doch das geht im Labor nicht. Man kann zwar dem Gewebe kleine Elektroschläge oder mechanische Reize verabreichen, um es zum Wachstum zu stimulieren, doch das kostet viel Energie. Man arbeitet daher jetzt an Hormon-Cocktails, die das Wachstum der Muskeln anregen und sich dabei so weit verflüchtigen sollen, dass sie nicht zu einer Belastung fürs spätere Fleisch werden.

Außerdem müsste noch ein grundsätzliches Versorgungsproblem gelöst werden: Mit zunehmender Größe des gezüchteten Gewebestückes lässt es sich nämlich immer schwieriger mit Nährstoffen versorgen. Dünne Schichten kann man einfach in eine Nährlösung legen, doch sofern sie dicker als einen Millimeter werden, funktioniert das nicht mehr: Das Muskelgewebe stirbt ab. In der Natur wird dies dadurch verhindert, dass es von Blutgefäßen versorgt wird, doch die gibt es im Invitro-Fleisch ja nicht, weil die Stammzellen nur auf die Bildung von Muskelzellen programmiert sind.

Aber eine Lösung ist in Sichtweite. Denn weil das Versorgungsproblem nicht nur bei Labormuskeln, sondern auch bei anderen aus Stammzellen gewonnenen Organen auftaucht, gehört es derzeit zu den Themen, an denen weltweit besonders intensiv geforscht wird. Eine Option: Man lässt im Trägergerüst - beispielsweise durch auflösbaren Kunststoff - genügend Lücken für ein Kapillarsystem, das dann per Pumpe mit Nährlösung geflutet wird. Eine andere: Man füllt einen Tintenstrahldrucker mit einem Gemisch aus Stammzellen und Wachstumsfaktoren, das dann Schicht für Schicht auf einen Träger gespritzt wird. Am Ende hätte man ein mehrschichtiges Muskelgewebe, dessen einzelne Lagen man mit Nährlösung umspülen könnte. Mit einem tatsächlichen Muskel hat das nichts mehr zu tun - aber es soll ja auch nur dem Verzehr dienen, und nicht dem Sport.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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