Losgelöst und abgetaucht

Am 23. Januar 2019 wäre der österreichische Tauchpionier Hans Hass 100 Jahre alt geworden. Dass er zum Vater des heutigen Tauchsports wurde, kommt nicht von ungefähr. Dabei, den von Schläuchen unbehinderten Weg in die Tiefe zu bahnen, hatte er selbst mitgeholfen.

Wer früher ernsthaft Tauchen ging, der hatte keinen Spaß. Entweder saß er in einer monströsen Tauchglocke, die über einen Schlauch von der Oberfläche aus mit Atemluft versorgt wurde, oder aber er trug einen unhandlichen Helm, der ebenfalls über einen langen Atemschlauch mit der Überwasserwelt verbunden war. Schwere Bleischuhe gewährleisteten die aufrechte Körperhaltung auch unter Wasser und vor allem einen sicheren Tritt auf dem Meeresboden. Das war auch notwendig, denn wer Tauchen ging, der tat das, um zu arbeiten und nicht etwa, um die Schönheit der Unterwasserwelt zu betrachten. Das änderte sich erst am 12. Juli des Jahres 1942, als der österreichische Meeresbiologe Hans Hass in der Nähe der kleinen griechischen Insel Ari Ronisi ein neuartiges Tauchgerät erprobte, das ganz ohne Verbindungsschlauch zur Oberfläche auskam, und seinen Sauerstoffvorrat mit sich führte. An den Füßen trug Hass eine weitere Innovation: Schwimmflossen. Mit dieser Kombination war es ihm erstmals möglich, unter Wasser frei zu "schwimmen": Das heutige Schwimmtauchen war erfunden, und der Wiener wurde zum Vater des modernen Gerätetauchsports.

"Ich ließ mich gleich zehn Meter weit hinabsinken", beschrieb Hass das Erlebnis damals. "Es war ein herrliches Gefühl, einmal so ohne jegliche Atemnot unter Wasser verweilen und sich doch vollkommen frei bewegen zu können." Eine derartige Bewegungsfreiheit war bis dahin nur den Freitauchern vergönnt, doch die hatten ein massives Zeitproblem, mussten sie doch mit nur einem einzigen Atemzug auskommen. Perlen- und Schwammtaucher hatten diese wohl älteste Form des Tauchens allerdings schon früh perfektioniert und konnten erstaunlich lange unter Wasser bleiben, indem sie die Luft anhielten. Heute ist daraus mit dem Apnoetauchen ein regelrechter Sport geworden. Während für Otto Normaltaucher in der Badewanne bei etwa ein oder zwei Minuten Schluss ist, schaffte es der aktuelle Weltrekordhalter im Zeittauchen, der Spanier Aleix Segura, mit einem einzigen Atemzug 24 Minuten und 3,45 Sekunden unter Wasser zu bleiben. Eine imponierende Leistung. Je größer die Tiefe allerdings wird, in die ein Apnoetaucher vordringt, desto gefährlicher wird es für ihm. Bei dem Versuch, seinen eigenen Weltrekord von 214 Metern Tiefe zu überbieten, verunglückte der österreichische Apnoetaucher Herbert Nitsch am 6. Juni 2012 schwer, nachdem er eine Tiefe von 253 Metern erreicht hatte.

Das Problem, mit dem alle Taucher zu kämpfen haben, ist der Wasserdruck. Dieser nimmt nämlich je zehn Meter Tiefe um etwa 1 bar zu. Bei erhöhtem Druck reichert sich aber Stickstoff im Blut und im Gewebe des Tauchers an, der in kleinen Gasbläschen wieder ausperlt, wenn zu schnell aufgestiegen wird und sich der Druck so zu rasch wieder verringert. Das Ganze funktioniert ähnlich wie bei einer Sprudelflasche, die beim Öffnen ebenfalls Druck verliert, und kleine Gasbläschen entstehen lässt. Eine derartige Gasblasenbildung ist für den menschlichen Organismus allerdings lebensbedrohlich, und bei Tauchern als Taucherkrankheit bzw. Dekompressionskrankheit gefürchtet. Zeitnot ist unter Wasser also ein echtes Problem, und so wurde schon vielfach versucht, dieses einfach mit einem überlangen Schnorchel oder Schlauch aus der Welt zu schaffen. Doch ganz so einfach ist das nicht. Zum einen ist da wieder der Wasserdruck im Weg, der auf den Körper des Tauchers einwirkt, während seine Lunge über den Schnorchel mit dem normalen Luftdruck der Oberfläche verbunden ist. Dieser Druckunterschied kann bereits in einer Wassertiefe von nur 60 Zentimetern dazu führen, dass Blut und Gewebeflüssigkeit in die Lunge einströmen, und ein lebensbedrohliches Lungenödem entsteht, haben Forscher festgestellt. Zum anderen reicht die Ausatemluft nicht aus, um längere Schnorchel kräftig durchzupusten, damit Frischluft nachströmen kann. Mit anderen Worten: Man atmet die eigene verbrauchte Luft wieder ein. Schon früh kamen findige Entwickler auf die Idee, die Atemluft mittels einer großen Luftpumpe bzw. eines Blasebalgs durch längere Schläuche hindurch zu pumpen, um so Taucherglocken oder Helme mit Frischluft versorgen zu können.

Auch Hans Hass benutzte anfangs einen Tauchhelm, der auf diese Weise von der Oberfläche aus mit Atemluft versorgt wurde. Neben der Bewegungseinschränkung durch den Schlauch störte ihn vor allem das laute Geräusch, das die Luftblasen verursachten, wenn sie an der Seite des Helms ins Wasser entwichen. Das neuartige Tauchgerät, das er im Sommer 1942 in Griechenland verwendete, war dann auch ein Kreislauftauchgerät, das keine Gasblasen in das Wasser abgab. Es machte sich die Tatsache zunutze, dass normale Atemluft etwa 21 Prozent Sauerstoff enthält, von denen aber nur gute vier Prozent für einen normalen Atemzug verbraucht werden. Theoretisch beinhaltet die ausgeatmete Luft also noch genügend Sauerstoff, um weitere Male eingeatmet werden zu können. So braucht der Taucher unter Wasser nicht so viel Sauerstoff mit sich führen. Allerdings entsteht beim Atmen auch giftiges Kohlenstoffdioxid, das aus der Luft entfernt werden muss, etwa durch Kalk, wenn diese ein weiteres Mal eingeatmet werden soll.

Tauchgeräte, die genau das konnten, gab es auch schon vor 1942. Die deutschen "Tauchretter" ermöglichten havarierten U-Boot-Besatzungen die Flucht an die Wasseroberfläche, die noch kleineren und leichteren "Badetauchretter" waren für die Rettung ertrinkender Schwimmer gedacht. Nochmals optimiert wurde die sogenannte "Gegenlunge" (patentiert 1928). Sie war dann auch die Basis für das Tauchgerät von Hans Hass, das dieser zusammen mit Hermann Stelzner bei Dräger in Lübeck entwickelte. Derartige geschlossene Systeme werden auch heute noch gern militärisch eingesetzt, da sie keine verräterischen Gasblasen ins Wasser abgeben.

Im Freizeitbereich setzt man heute meist auf sogenannte offene Systeme, die die ausgeatmete Luft einfach ins Wasser abgeben, während ein Atemgas, wie etwa Pressluft, in einer Flasche auf dem Rücken des Tauchers mitgeführt wird. Ein Atemregler sorgt dafür, dass die 200 bis 300 bar in der Flasche nicht ungehindert in die Lunge strömen, sondern bei Bedarf mit geringem atembaren Druck abgerufen werden können. Da reiner Sauerstoff schon in relativ geringen Tiefen toxisch wirkt, setzen moderne Geräte auf Pressluft oder Gasgemische, wie etwa Nitrox (Sauerstoff-Stickstoff) oder Trimix (Helium-Stickstoff-Sauerstoff). Die Zukunft des Tauchens könnte der Flüssigkeitsatmung gehören, mit der extreme Tauchtiefen möglich werden. Kein Wunder, dass man zurzeit kräftig daran forscht.

Nicht nur im Science-Fiction-Film "Abyss - Abgrund des Todes" von 1989 funktioniert das schon ganz gut. Bereits in den 60er-Jahren konnte der Niederländer Johannes A. Kylstra erste Erfolge mit Mäusen vorweisen, deren Lungen er mit sauerstoffangereichertem Wasser flutete. 1969 versorgte Kylstra eine ganze Stunde lang einen der beiden Lungenflügel des Tauchers Francis J. Falejczyks, der sich freiwillig zur Verfügung gestellt hatte, mit sauerstoffangereicherter Atemflüssigkeit. Er habe in dem flüssigkeitsgefüllten Lungenflügel "kein wesentlich anderes Gefühl" gehabt, urteilte Falejczyk damals. Inzwischen wird die Flüssigkeitsbeatmung schon in der Medizin eingesetzt, um etwa Lungenschäden zu behandeln - alles Entwicklungen, deren Zeuge der 2013 verstorbene Hass noch wurde.

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