Manchmal kommen sie wieder

Klopfen, Rütteln, Schmatzen. Der Geist Verstorbener meldet sich auf viele Weisen im Irdischen zurück, gibt Rat und Feedback. Nicht immer ist das angenehm. Manchmal wollen die Wiedergänger nicht nur reden, sondern haben Appetit auf mehr. Eine Betrachtung zur Geschichte vom Glauben an das Leben als Untoter.

Man muß am Diesseits zweifeln können, um an ein Jenseits glauben zu können", meinte der Philosoph, Schriftsteller und Okkultist Carl du Prel, der im 19. Jahrhundert maßgeblich daran beteiligt war, die Kunde von der plaudersinnigen Geisterwelt durch die deutschen Lande zu tragen. So wurde dem Dirigenten des niederländischen Königlichen Musikvereins schon mulmig, als ihm im November 1946 beim Vorbereiten eines Beethoven-Konzertes der Meister vermeintlich höchstselbst auf die Finger sah: Mitten in der Probe erschien auf einer Seite seiner Partitur plötzlich ein rötlicher Fleck. Innerhalb weniger Momente wuchs er an und entwickelte sich zur Silhouette eines Männerkopfes, der jenem Beethovens glich. - "Da-da-da-daaa!"

Am Diesseits zweifelten die Menschen immer mal wieder, während andere dem Geisterglauben widersprachen. So entwickelte sich die Universitätsstadt Leipzig zu einem Zentrum des Kampfes für und wider den Geisterglauben. Der ist natürlich uralt, zieht sich die Totenschau und -beschwörung durch die Kulturen. Dem Übersinnlichen soll auf diese Weise ein Sinn des Lebens entlockt und mit Sicherheit erfahren werden, dass der Tod nicht das Ende ist. Ratsuchend besuchte Odysseus den Propheten Teiresias in der Unterwelt. Laut Bibel lässt König Saul den Propheten Samuel aus dem Reich des ewigen Schlafes wiederkehren. Jesus erweckte den Heiligen Lazarus - Patron der Kranken, Aussätzigen und Totengräber - zum Leben, um schließlich selbst aufzuerstehen. Sein Übergang ins ewige Leben stellt den stärksten symbolischen Garanten dar, opfert sich doch Gott selbst für den sündigen Menschen und kehrt mit Froher Botschaft von den Toten zurück.

Trotz christlichem Verbot - Du sollst keinen Auferstandenen haben neben mir - setzte sich der Glaube an die Jenseitskontakte über das Mittelalter hinaus fort. So trieb ein geräuschvoller Spuk namens Kloppeding in Dibbesdorf, heute ein Braunschweiger Stadtteil, den Dichter Gotthold Ephraim Lessing zur Verzweiflung, weil er sich keinen naturwissenschaftlichen Reim auf den kommunizierenden Geist machen konnte. Die große Stunde der Geister schlug im 19. Jahrhundert. Nicht ein Gespenst ging damals um in Europa, sondern viele, als die Lehre vom Spiritismus aus den USA hier Einzug hielt. Mittels Klopfalphabet befragte man die Poltergeister und hielt Séancen mit sich verrückenden, Botschaften aussendenden Tischen. Die These der kommunikativen, körperlosen Seele der Verstorbenen stellte erstaunlicherweise nicht allein die Wiederkehr vormoderner Glaubensrelikte dar. Es war ein Leipziger Universitätsprofessor, der den Spiritismus in Deutschland zur Blüte trieb. Der Astrophysiker Friedrich Zöllner unterstützte ihn offen - als einziger Hochschullehrer. Als dem bekannten US-Medium Dr. Slade 1877 in London der Prozess wegen Betrugs gemacht wird, flieht der nach Deutschland, wo ihn Zöllner zu mehreren Geister-Experimenten einlud. Begeistert erlebte dieser, wie Slade Lederstreifen verknotete und Ringe um ein Tischbein teleportierte. Zöllner glaubte die Existenz von Geisterwesen bewiesen, die aus einer vierten Dimension heraus ihr Händchen im Spiel hatten. Zöllner bildete die Initialzündung für eine neu Popularität des Spiritismus, die von Leipzig ausging. Dort wirkte besonders der Verleger Oswald Mutze mit Büchern wie "Die tanzenden Tische" und "Okkultistische Reiseerlebnisse" sowie der "Zeitschrift für Parapsychologie" als Multiplikator.

In den Industrieregionen Sachsens schossen die spiritistischen Vereine wie Pilze aus dem Boden, weil sie in Form von Resten protestantisch-pietistischen Schwarmgeistes auf fruchtbaren Humus stießen. Alsbald schlug sich das okkulte Denken in Wissenschaft, Kultur und Kunst nieder. Um die Jahrhundertwende löste Berlin wegen polizeilichen Vereinsverbots Leipzig als Zentrum des Spiritismus ab.

Bis heute glauben viele Menschen an den möglichen Anruf ins Totenreich, auch wenn der Spiritismus zumindest in hiesigen Landen längst keine Massenbewegung mehr darstellt. Die Form des Ahnengesprächs ist weitgehend gleich geblieben - wer will schon den Tod wahrhaben? Das sogenannte Gläserrücken hat das Tischrücken aufgrund seiner einfacheren Handhabung in der Beliebtheit übertrumpft und ist zur am weitesten verbreiteten Kommunikationsvariante geworden. Dabei legt jeder in der Gruppe einen Finger auf ein Glas, das mit dem Boden nach oben in einem aufgezeichneten Kreis mit Alphabet steht. Der befragte Geist bewegt das Glas über einzelne Buchstaben und tippt quasi die Antwort ab. In der sonst gut erforschten Praxis der Geisterbefragung muss ein Phänomen bisher unerklärt bleiben: Das Gläserrücken funktioniert nicht, wenn der Glasboden, auf dem die Finger ruhen, mit Spülmittel oder einer anderen glitschigen Flüssigkeit eingerieben ist. Auch die Geister blieben eine Antwort schuldig. Nichtsdestotrotz ist das Gläserrücken heute sowohl Ritual als auch Spiel, wird in Teenie-Magazinen mal als lustiger Zeitvertreib gepriesen, mal vor ihr als teuflische Torheit gewarnt. Eigene TV-Kanäle vermitteln die Verbindung ins Jenseits, die es zudem als Online-Versionen unter dem Namen Witchboard zum Soloamüsement gibt.

Wenn nun Elvis als Kloppe-King auftritt und "Return to Sender" als jenseitiges Perkussionsstück gibt, ist das gewiss höchst unterhaltsam. Aber die Toten kommen nicht nur, wenn man sie zum Plauderstündchen bittet. Wird etwa Hamlet vom Geist seines Vaters zur Rache angestiftet, mag das noch angehen - die Gerechtigkeit geht eben schon mal überirdische Wege -, und sich am Geschirr vergreifende Poltergeister mögen als putziges Phänomen mit kurzweiligem Schockeffekt gelten. Suchen aber die Geister als fleischgewordene Wiedergänger - Revenants oder Zombies - die Lebenden heim, proben die Toten den Aufstand, dann ist Schluss mit lustig. Und erbaulich sind solche Kontakte auch eher selten - zumeist kommen sie als überdeutliche Hinweise auf die eigene Sterblichkeit daher.

"Wenn es in der Hölle zu eng wird, kehren die Toten auf die Erde zurück", heißt es in "The Night of the Living Dead", dem Genre-Film schlechthin von George A. Romero. Die leibhaftige Rückkunft der Toten ist mit Recht ein uraltes Angstmotiv. Schon im fast 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos droht Göttin Ischtar aus gekränkter Eitelkeit, die Tore zur Unterwelt zu zerstören und ein Heer der Dahingeschiedenen aufzustellen: "Lass ich auferstehen die Toten, dass sie fressen die Lebenden."

So, wie im antiken Mythos Orpheus seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt führte, besuchen die Toten die Lebenden, von denen sie nicht lassen wollen. Nicht immer kehren die Toten zurzeit als tumbe Leichen, wurmstichige Madensäcke wieder. Allen voran rauben Legionen muffiger, popkultureller Ikonen der Gegenwart die Lebensluft. Der ewige Hitler springt turnusmäßig von den Magazin-Titeln, um dem Betrachter Schauder über den Rücken zu jagen. Dank multimedialer Totenbeschwörung spielt's Sam noch einmal, wird die Feuerzangenbowle nie kalt und tirilieren Dschingis Khan in tausendjähriger Jurte.

Was tun, wenn die Welt von Wiedergängern übervölkert wird? Dann lohnt der Griff ins Buchregal. Im "Zombie Survival Guide" liefert Max Brooks raffinierte Überlebensstrategien fürs gefährliche Leben unter wandelnden Leichen. Kardinaltipp: Immer schön in Bewegung bleiben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...