Niedlich, aber nicht nur vegan

Aas, Luchse und eigene Artgenossen: Kanadische Forscher räumen mit der Legende vom veganen Hasen auf.

Spätestens seit Bugs Bunny wissen wir: Hasen mögen Möhren. Und auch sonst höchstens Veganes. Doch eine aktuelle Studie aus Kanada zeigt: Die Langohren können auch anders. Wenn es sein muss, fressen sie das Fleisch derjenigen, vor denen sie sonst weglaufen.

Schneeschuhhasen sind in ihrer Heimat Kanada ausgesprochen beliebt. Denn mit ihren großen Plattfüßen, die sie vor dem Einsinken im Schnee bewahren, und ihrem flauschigen und weißen Winterfell lösen sie beim menschlichen Betrachter fast zwangsläufig Streichelreflexe und zärtliche Gefühle aus. Doch wie nun Michael Peers von der University of Alberta herausgefunden hat, haben die Langohren auch eine andere Seite.

Der kanadische Biologe hatte im Yukon-Territorium 160 Kadaver von unterschiedlichen Tierarten ausgelegt und in ihrer Nähe Filmkameras postiert, die mit einem Bewegungssensor verbunden waren, sodass sie mit ihrer Arbeit begannen, wenn sich jemand an dem Aas zu schaffen machte. Wobei Peers eigentlich damit rechnete, dass er Luchse, Bären und andere Raubtiere zu sehen bekommt.

Doch in 20 Fällen machten sich Schneeschuhhasen an den Kadavern zu schaffen, und sie zeigten dabei eine ausgeprägte Vorliebe für die Überreste des Raufußhuhns. Dieser Vogel ist ebenfalls sehr gut an das Leben im arktischen Schnee angepasst, wozu neben dem rauen Profil unter seinen Füßen auch ein dickes Federkleid gehört, das mehr als 20 Prozent seines kompletten Körpergewichts ausmacht. Und genau dieses Gefieder stand bei den Hasen hoch im Kurs. "Manchmal wurde es von ihnen sogar gefressen, ohne dass sie an das Fleisch des Kadavers gingen", betont Peers. Der Biologe vermutet hinter dieser merkwürdigen Vorliebe, dass die langschäftigen Hühnerfedern dem Hasenmagen beim Verdauen helfen sollen.

Ansonsten geht es den Nagetieren bei ihrer Fleischeslust aber vor allem darum, im arktischen Winter eine Alternative zur raren Pflanzenkost zu haben. Weswegen sie sich im März kaum noch an Kadavern blicken lassen, weil dann wieder das erste Grün aus dem Schnee emporragt. Im Winter allerdings scheuen sich die Hasen nicht davor, sich auch an den Überresten vom Luchs zu bedienen, der im lebenden Zustand zu ihren Hauptfeinden zählt. Und die Kadaver ihrer eigenen Artgenossen werden ebenfalls nicht verschmäht.

"Unsere Entdeckungen bestätigen, dass man Tiere nicht immer eindeutig in Fleisch- und Pflanzenfresser unterteilen kann", sagt Peers. In der Natur kommt es immer wieder vor, dass eigentlich vegane Tierarten bei Nahrungsknappheit auf Aas zurückgreifen oder zu jagen beginnen. So gelten Schimpansen in einigen Ecken Afrikas als "Killer-Chimps", weil sie nicht nur kleineren Affenarten nachstellen, sondern auch Babys und Kleinkinder aus menschlichen Siedlungen entführen oder einfach nur versuchen, ein Stück von deren Lippe abzubeißen.

Rudy Boonstra, Co-Autor der Hasen-Studie, hat schon vor über 30 Jahren in Kanada eine eigentlich vegan lebende Tierart mit Ausflügen ins Jägertum entdeckt: den arktischen Ziesel. Dieser Verwandte des Murmeltiers erlegt Lemminge - und frisst dann vorzugsweise deren Hirne. "Er weiß offenbar", so Boonstra, "dass er dort besonders viel findet, was er im Winter als Ergänzung zu seiner Ernährung braucht." Nämlich Fett und hochwertiges Eiweiß.

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