Sigmund Jähn: Ein Held wie kein zweiter

Furchtlos als Flieger, bescheiden als Mensch: Die DDR-Ikone wurde nach der Wende nicht mehr nur im Osten verehrt. Jetzt ist er gestorben. Ein Nachruf.

Muldenhammer.

Die ersten Fluggeräte, die Sigmund Jähn in seinem Leben gesehen hat, waren Jagdflugzeuge. Im Tal seines Heimatdorfes beschossen sie die Lokomotiven auf den Gleisen. "Es war Krieg, und wir sind nachher hingegangen und haben die Einschusslöcher gesucht." Mit 14 Jahren wurde der Junge nach Berlin geschickt, zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten, 26.000 Leute aus mehr als hundert Ländern. Jähn kaufte eine Karte für die S-Bahn und fuhr allein hinaus nach Schönefeld, Flugzeuge ansehen. Das war 1951.

"Wenn man keinen Willen hat, wenn da nichts von innen kommt, dann wird nichts", sagt er. "Das habe ich zu Hause gelernt."

Fünfzig Jahre später dreht der Regisseur Wolfgang Becker einen Film, der "Good Bye, Lenin!" heißen soll und eine DDR-Phantasie erzählt. Darin wird ein Taxifahrer kurzerhand zum Generalsekretär der Staatspartei erklärt. Der Mann sieht aus wie Sigmund Jähn. Am liebsten hätte Becker den wirklichen Jähn dafür gehabt, aber der - von dessen Bescheidenheit jeder schwärmt, der je mit ihm zu tun hatte - lehnte das ab.

Sigmund Jähn ist dann später mit seiner Frau ins Kino "International" an der Berliner Karl-Marx-Allee geschlichen und hat den Film heimlich angeschaut: "Mit dem Schauspieler war das doch ganz in Ordnung." Wurde er denn auf den Straßen Berlins nicht erkannt? "Nur von älteren Damen meines Alters."

Weit ist Sigmund Jähn aus dem Vogtland herausgewachsen - aber niemals das Vogtland aus Jähn.

Sie hätten daheim in Morgenröthe-Rautenkranz in bescheidenen Verhältnissen gelebt, erzählte Jähn, so sehr die Eltern sich auch mühten. Das habe ihn geprägt. Jähns Großvater war früh im Krieg gefallen. Weil er unbedingt fliegen wollte, der Junge vom Dorf, ging er zur Kasernierten Volkspolizei, nachdem er gehört hatte, die hätten auch eine "Abteilung Luft". In einer Bautzener Ausbildungskompanie dann der erste Flug: "Ich hatte mich den Segelfliegern angeschlossen, das Flugzeug hieß ,Pionier'. Als ich abhob, sah es so aus, als klappte die ganze Landschaft mit dem Kirchturm draußen einfach so weg. Das hat man nur beim ersten Mal, glaube ich. Danach ist alles stabil."

Seinen ersten Motorflug absolvierte er in Kamenz, Jak-18, später flog er eine MiG-15. Er sei zu leichtfertig von zu Hause weggegangen, überlegte er im Alter. "Ich hätte länger dableiben sollen. Und danach war ich viel zu selten zu Hause."

Jähns Heimatverbundenheit: legendär. Die Datsche im Wald. Die vielen Leute, die ihn hier Jahrzehnte kannten und "Sig" nannten. Das Raumfahrtmuseum und die Raumfahrertreffen - Kosmonauten, Astronauten - eine Familie von Erleuchteten, die eine unermessliche Erfahrung eint: den Planeten vom All aus gesehen zu haben. So klein. So verletzlich. In den Worten Alexander Gersts, der bei seinem ersten Raumflug ein Abzeichen mit Jähns Konterfei bei sich trug: "Ich bin als Deutscher hochgeflogen und als Bewohner des Planeten Erde zurückgekommen."

Dieser Gedanke war auch die Botschaft Sigmund Jähns, der in jedem seiner späteren Interviews dafür einstand, Raumfahrt nicht gegen-, sondern miteinander zu betreiben. Sein eigener Flug fiel in eine Zeit, die solchen Wünschen wenig Raum ließ.

Nachdem er in den 1970er-Jahren in den Kosmonautenkader aufgenommen worden war, trainierte Jähn im Sternenstädtchen bei Moskau nach den Regeln des russischen Militärs: Je schwerer die Ausbildung, desto leichter der Einsatz. Die ersten Sowjetkosmonauten in der Frühzeit der Raumfahrt wurden in der Zentrifuge Belastungen ausgesetzt, die schlimmer waren als beim Raketenstart. Manche brachten tagelang in einer Isolierkammer zu, die gab es bei Jähn nicht mehr. "Man hatte gelernt, dass es gar keine Weltraumstille gibt: Im Raumschiff arbeiten Ventilatoren, telemetrische Geräte, es ist recht laut." Thomas Reiter, der die Flugvorbereitungen auf russischer wie auf US-amerikanischer Seite miterlebt hatte, bestätigte die harte russische Schule.

In den Jahren vor Jähns Raumflug hatte es auf sowjetischer Seite eine Reihe schwerer Unfälle gegeben. 1967 zerschellte "Sojus 1" bei der Landung, dabei starb Wladimir Komarow. 1971 erstickten drei Kosmonauten während der Landephase von "Sojus 11". - "Man muss damit umgehen können", sagte Jähn. "Als Komarow verunglückte und der erste Kosmonaut, Juri Gagarin, als Testpilot ums Leben kam, habe ich gerade in Moskau studiert. Ich war bei Gagarins Beerdigung, sah seine Urne. Später wurde ich Inspektor für Flugsicherheit. Wir haben jeden Unfall untersucht und schlimme Sachen gesehen. Danach bin ich immer als erster wieder in die Maschine gestiegen und geflogen."

Er sei nervenstark, schrieb Sigmund Jähn in einer Selbsteinschätzung für seine Vorgesetzten. Die Akten der Russen mit den Anforderungen für die Personalauswahl habe er nie gesehen. Eines Tages habe der Chef der Luftstreitkräfte ihn zu einer Unterredung beordert. Im Vorzimmer warteten andere Flieger, einer zeigte mit dem Daumen nach oben, himmelwärts. "Es gab da einen sehr intelligenten und in jeder Hinsicht geeigneten Mann, der aber nur mangelhaft russisch sprach. Dann wählten sie mich aus. Ich habe mich sofort entschieden. Meine Frau habe ich damals nicht gefragt."

Wenn man Flugzeugführer sei wie er und wisse, warum und wofür, dann zögere man nicht.

Sigmund Jähn war Offizier der Nationalen Volksarmee, hatte eine sowjetische Militärakademie absolviert. Es war die Zeit des Kalten Krieges, seine soldatische Arbeit verstand Jähn als Friedensdienst. Die Sowjets öffneten ihr Raumfahrtprogramm für Kandidaten aus anderen sozialistischen Ländern; im Westen wurde das als propagandistisch motiviert begriffen. Für die Boulevardpresse West war Jähn der "Mitesser auf der Russen-Rakete". Nicht mehr dieser Hass, aber doch Despektierlichkeit haftet bis heute den technologischen und persönlichen Leistungen der Wissenschaftler und Piloten an, die mit der Raumfahrt im Osten befasst waren. Man hat es am Sonntag an den Nachrufen von ARD und ZDF gesehen. Manch einer klang, als hätte die DDR ein bloßes Parteiabzeichen da hinaufgeschickt.

Der Flug von Sigmund Jähn, des ersten Deutschen im All, hat tatsächlich viele Menschen sehr stolz gemacht. Roland Jahn, DDR-Dissident und aktueller Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, berichtete vom Beispiel seines Vaters, der in Jena bei Carl Zeiss an der Entwicklung der Weltraumkamera MKF-6 beteiligt war, mit der bei Jähns Flug die Fernerkundung der Erde begann: "Dass die Anerkennung für seine Leistungen mit ein paar sozialistischen Floskeln umsponnen wurde, war für meinen Vater das Übliche... Sich von genau diesem System, zu dem er innerlich auf Distanz ging, ehren zu lassen, das hat er ausschließlich auf seine eigene Leistung bezogen." (Roland Jahn: "Wir Angepassten")

Auch Sigmund Jähn wurde geehrt. Offiziell staatstragend, mit Festakten, Autokorsos und Paraden. Aber die Menschen, die am Straßenrand standen, vor allem im Vogtland, die kamen seinetwegen. Sie schätzten ihren "Sig", der mit dem russischen Kommandanten Waleri Bykowski (im März 2019 verstorben) in der Startphase vor Fernsehkameras 140 Minuten lang auf dem Pulverfass saß, dann 400 Kilometer emporschoss, siebeneinhalb Tage unter Orbitalbedingungen forschte und arbeitete, bei der harten Landung, wie man später erfuhr, einen Wirbelsäulenschaden davontrug und dann nie wieder abgehoben ist - nicht physisch, aber vor allem nicht charakterlich.

Es sei damals gar nicht um ihn gegangen, sagte Sigmund Jähn, sondern um den Kosmonauten, wer immer das eben war. "Eigentlich, wenn es damals nur etwas anders gelaufen wäre, hätte dort ja auch Eberhard Köllner sitzen können", der war Jähns Double. Nach Jähn gab es keinen zweiten DDR-Kosmonauten mehr. Köllner sollte fliegen, aber die Russen, in ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, wollten Geld. Sie fingen dann an, mit Indien, Syrien und Frankreich zu verhandeln, gegen Ende der 1980er-Jahre auch mit der Bundesrepublik.

Diese sich intensivierende Zusammenarbeit half Sigmund Jähn nach dem gesellschaftlichen Umbruch, in der neuen Zeit Fuß zu fassen. Mit Ulf Merbold, dem ersten Westdeutschen im All (1983), ein Vogtländer ebenfalls, hatte Jähn sich schon früher getroffen. Nun diente Jähn den (West-)Europäern als Verbindungsmann zum russischen Kosmonautenausbildungszentrum, hatte in Moskau ein eigenes Büro und begann mit fünfzig Jahren, Englisch zu lernen.

In der Öffentlichkeit machte er sich rar. Schon früher seien Leute vom Armeemuseum in sein Haus gekommen - mit seinem Einverständnis, aber Jähn war nicht da - und nahmen Erinnerungsstücke mit. Nicht nur den Raumanzug, sogar den Sozialversicherungsausweis und den Jagdeignungsschein. Auch das Püppchen seiner Tochter Grit, das Jähn ins All mitgenommen hatte, war verschollen.

Einige Monate vor dem 25-jährigen Jubiläum seines Raumfluges, 2003, kam "Good Bye, Lenin!" heraus. In Markneukirchen wurde Jähn gefeiert, der Bundespräsident war da. Nun fragten sie auch im Westen nach Sigmund Jähn, aber der gab keine Interviews. Zwei Gespräche sind in jenem Jahr gedruckt mit ihm erschienen: in der "Sächsischen Zeitung" und in der "Freien Presse". Für die Heimat müsse er das wohl machen, sagte er am Telefon.

Er hatte damals vorgeschlagen, dass man sich auf einem Autobahnparkplatz treffen könne, Waldkirchen bei Zwickau, Fahrtrichtung Plauen, um dem Reporter den "weiten" Weg nach Morgenröthe-Rautenkranz zu ersparen. Und der Mann, dessen Foto in der DDR jeder kannte - jede Frau, jeder Mann, jedes Kind -, mit dessen Gesicht und Vorbild vor Augen man aufgewachsen war und den man lebenslang bewundert hatte, fügte leise und voll Freundlichkeit hinzu: "Sie können mich am Auto erkennen. Ich fahre einen dunkelgrünen Peugeot."

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2Kommentare
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  • 13
    0
    saxon1965
    24.09.2019

    @2PLUTO6: Das war doch gängige Praxis, dass man gemeint hat Seilschaften zerschlagen zu müssen. Gemeint hat man letztlich, dass man eigene westdeutsche Leute auf den Posten haben wollte und ein Offizier des ehemaligen Klassenfeindes ging da gleich gar nicht.
    Da gab es keine Einzelfallprüfung und die Fragebögen zur Stasi waren Makulatur. Im westdeutschen System zählten nach dem 2. WK auch keine Parteibücher. Da blieb der NSDAP-Bonze auf seinem Richtersessel.
    Mich hat es zum Glück nicht tangiert, aber anständige Menschen, die letztlich Idealisten waren und oftmals zigfach besser Fachleute, als die mit der s. g. "Buschzulage" mussten in die Arbeitslosigkeit.
    Da wundert man sich heute, dass es so wenige Ostdeutsche in Führungspositionen gibt?!

  • 13
    0
    2PLUTO6
    24.09.2019

    Was mich am meisten gestern erschüttert hat, war die Meldung, daß so ein Mann wie Sigmund Jähn, zu Wende arbeitslos war!!!
    Das war dann wohl so was wie eine späte Genugtuung für den Westen, weil er der erste Deutsche da oben war. Die Leute die das zu verantworten haben sollten sich heute noch dafür schämen!



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