Störche mit neuen Strategien: Deutschland statt Afrika

Störche probieren Neues aus: Vor ein paar Jahrzehnten fingen die ersten an, sich den Flug ins Winterquartier nach Afrika zu sparen. Sie blieben in Spanien. Aber warum nicht gleich in Deutschland ausharren?

Bergenhusen (dpa) - Viele Störche kehren in diesem Jahr früher als sonst aus den Winterquartieren nach Deutschland zurück. Seit zwei Wochen werden regelmäßig Rückkehrer gemeldet, sagte der Storchenexperte des Naturschutzbundes (Nabu), Kai-Michael Thomsen, der dpa.

So klappern nach Angaben von Storchenbetreuern in Rheinland-Pfalz schon die ersten Störche auf den Nestern, ebenso in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. In Mecklenburg-Vorpommern wurde der erste zurückgekehrte Storch schon am 2. Februar gesichtet. «Bei den Westziehern haben wir den Eindruck, dass sie gut eine Woche früher zurückkommen», sagte Thomsen. Das Naturschutzinstitut in Sachsen sprach sogar von vier Wochen.

Durch die deutsche Weißstorch-Population geht ein Riss: In den westlichen Ländern inklusive Sachsen-Anhalt und Thüringen überwiegen die Störche, die auf der westlichen Route über Frankreich nach Süden fliegen. Im Osten überwiegen die Ostzieher, die auf der Balkanroute über den Bosporus nach Afrika gelangen. Dazwischen, wie in Schleswig-Holstein und Westmecklenburg, halten sich Ost- und Westzieher die Waage, wie der Biologe am Michael-Otto-Institut des Nabu in Bergenhusen (Schleswig-Holstein) sagte.

Die Störche passen ihre Strategien veränderten Bedingungen an. So verzichten viele Westzieher seit 20 bis 30 Jahren auf den Flug über das Mittelmeer nach Afrika. Das liege nicht am Klimawandel, sondern am Nahrungsangebot, erklärte Thomsen. In Spanien gebe es noch große, offene Mülldeponien mit organischen Abfällen sowie Reisfelder, wo die Störche Krebse finden. Sie müssen nicht viel fliegen, um zu fressen, und kehren gut genährt in die Brutreviere zurück. Dort sind sie mindestens einen Monat vor den Ostziehern, deren Rückkehr sich von Mitte März bis Anfang Mai hinziehen kann.

Ob sich der kurze Flug und die frühe Rückkehr positiv auf den Bruterfolg auswirken, sei schwer einzuschätzen, meinte Thomsen. Der Bruterfolg hänge sehr von den Witterungs- und Nahrungsbedingungen nach dem Schlupf ab. Der größte Vorteil: «Die Überlebenschancen während des Winters sind bei den Westziehern ungleich besser, vor allem für die einjährigen Störche.» Bei ihnen habe sich die Überlebensrate Untersuchungen in Schleswig-Holstein zufolge verdoppelt. Dennoch wählten Störche ostziehender Eltern weiter die Ostroute. «Das ist ihnen angeboren», sagte Thomsen. Gerieten unerfahrene Jungstörche aber in einen Trupp erfahrener Westzieher, folgten sie ihm.

Eine weitere Strategie von Störchen und Kranichen ist das Überwintern im Brutgebiet. «In diesem Winter klappt das ganz gut», so Thomsen. Er schätzt, dass sich diesmal bundesweit einige Hundert Störche den Zug erspart haben. «Das ist Evolution.» Einige Tiere probierten es aus, und wenn es funktioniere, werde das in die nächsten Generationen getragen und zum Erfolgsmodell.

In Thüringen verbrachten nach Nabu-Angaben vier oder fünf Störche den ganzen Winter im Werratal. Im Kreis Groß-Gerau in Hessen seien sogar 150 bis 200 Störche über den Winter dageblieben. Die Überwinterer versuchten häufig, in Tierparks oder Vogelpflegestationen an Futter zu gelangen. Der früh nach Belitz im Landkreis Rostock zurückgekehrte Storch wurde bereits auf dem Acker bei der Suche nach Mäusen und Regenwürmern beobachtet.


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