Umweltexperte: Warum es nicht reicht, Plastik an den Stränden aufzulesen

Umweltexperte Georg Mehlhart vom Öko-Institut verlangt ein globales Verbot von Einwegflaschen

Darmstadt.

Über die Gefahren von Mikroplastik, das sich vor allem über das Wasser ausbreitet, warnen Wissenschaftler schon länger. Nun haben Forscher der Universität Wien erstmals Mikroplastik im Darm von Menschen entdeckt. Nach Einschätzung des Umweltexperten Georg Mehlhart steht die Welt erst am Anfang einer Plastikkrise. Bernhard Walker sprach mit dem promovierten Ingenieur vom Öko-Institut Freiburg/Darmstadt.

Freie Presse: Wie entsteht Mikroplastik, das Forscher jetzt auch im Stuhl von Menschen gefunden haben?

Georg Mehlhart: Es entsteht durch die mechanische Zersetzung von plastikhaltigen Produkten. Und genau deshalb ist das Problem so groß. Denn wir reden an der Stelle über eine riesige Produktpalette, und die darin enthaltenen Kunststoffe werden zudem nur ganz langsam abgebaut.

Welche Produkte sind das?

Das reicht von Farben, Autolacken, Einwegflaschen, Textilien, Verpackungen, Abdeckfolien aus der Landwirtschaft bis hin zum Reifenabrieb, um nur einige große Eintragsquellen für Mikroplastik zu nennen. Die Aufzählung ist keineswegs vollzählig. Dazu kommt, dass Plastik durchaus 400 Jahre braucht, bis es vollständig abgebaut ist. Der Plastikpeak wird also erst in 350 Jahren eintreten, was auch zeigt, dass wir erst am Anfang der Krise stehen.

Ist es wirklich eine Krise? Viele Bürger und Staaten versuchen doch, Plastik einzusparen.

Aufs Ganze gesehen zeigt sich trotzdem eine ausgesprochen schwierige Lage. In Deutschland ist sie bedenklich, weltweit sogar dramatisch. Die Staatengemeinschaft schafft es nicht einmal, weltweit wenigstens ein Pfand auf Einwegflaschen zu erheben. Dabei kennen wir alle die Bilder von den riesigen Plastikstrudeln in den Weltmeeren mit ihren negativen Auswirkungen auf Umwelt, Vögel und Fische.

Was muss getan werden?

Es reicht jedenfalls nicht, Plastikmüll an den Stränden aufzulesen oder Kunststoffe von der Oberfläche des Ozeans mit großem Aufwand abzufischen - auch wenn das den Nachschub für die Strudel mindert. Meines Erachtens braucht es eine globale Konvention, die es den Herstellern verbietet, Einwegflaschen auf den Markt zu bringen, wenn sie nicht gleichzeitig ein Pfandsystem anbieten. Das wäre vergleichsweise einfach. Um darüber hinaus wirklich voranzukommen, könnte man bei vielen Produkten auf Kunststoffe zwar verzichten. Aber dann ergäben sich neue Zielkonflikte.

Wie sehen die aus?

Plastikerzeugung braucht vergleichsweise wenig Energie, sie ist also für sich genommen recht effizient. Wenn Sie nun beispielsweise daran gehen, Kleidung aus Kunstfasern, die zu Mikroplastik führt, durch Baumwolle oder Hanf zu ersetzen, stellen sich Fragen: Wie kann man das schaffen, ohne Unmengen an Wasser zu verbrauchen? Denn die Baumwollpflanze braucht nun mal Wasser. Und die Glasflasche ist bestimmt besser als die Einwegflasche aus Plastik - aus ökologischer Sicht aber nur, wenn die Glasflasche mehrmals verwendet wird, weil die Glaserzeugung mehr Energie verbraucht als die Herstellung einer Plastikflasche.

Könnte man etwas tun, damit es nicht so lange dauert, bis sich Plastik zersetzt?

Wir müssen zu einem angemesseneren Design der Haltbarkeit der Produkte kommen, wenn ich das technisch ausdrücken darf. Heute sind viele Produkte, salopp gesagt, quasi für die Ewigkeit gemacht. Eine Häuserwandfarbe soll Hunderte Jahre vor Schimmel oder anderen Umwelteinflüssen schützen, was aber unnötig ist. Denn das Haus wird ja spätestens nach 40 oder 50 Jahren ohnehin neu gestrichen. Auf diese Wirklichkeit sollte die Farbe also angelegt sein, weil sie dann schneller und besser abbaubar wird.

Verstößt das nicht gegen den Gedanken der Nachhaltigkeit?

Die Vermutung liegt nahe, das stimmt. Bessere Abbaubarkeit heißt aber nicht Verschwendung. Es geht vielmehr darum, Produkte auf ihre tatsächliche Anwendung im Alltag hin anzulegen, damit sie nicht zu Dauerlasten werden.

Georg Mehlhart

Der promovierte Ingenieur Georg Mehlhart ist ein in internationalen Projekten erfahrener Experte in nachhaltiger Wasser- und Abfallwirtschaft. Der 56-Jährige arbeitet als Leitender Wissenschaftler im Bereich "Ressourcen und Mobilität" des Öko-Instituts Freiburg/Darmstadt. (fp)

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