Urteil zur Gen-Schere stößt Forschern auf

In Wissenschaftskreisen wird das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Thema moderner Mutagenese-Verfahren kritisiert. Denn man sieht Unterschiede zur herkömmlichen Gentechnik.

Gatersleben.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) über den rechtlichen Status von Arten, die über moderne Mutagenese-Mechanismen im Erbgut verändert wurden, ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Als "gute Nachricht" für Umwelt und Verbraucher sowie als "Stärkung des Vorsorgeprinzips" wurde das Verdikt vom Bundesumweltministerium gelobt. Die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) bezeichnet es dagegen als "schlechte Nachricht für Pflanzenzüchter, Arzneimittelforscher und Hersteller biobasierter Chemikalien". Innovative Methoden wie Crispr/Cas9 würden "überreguliert, ohne dass dies wissenschaftlich gerechtfertigt wäre", kritisierte DIB-Chef Ricardo Gent.

Mit der sogenannten Genschere Crispr/Cas9, einem bei Bakterien abgeschauten molekularbiologischen Verfahren, lässt sich DNA verschiedenster Organismen an vorab genau zu bestimmenden Punkten zerschneiden. So lassen sich gewünschte Mutationen im Erbgut provozieren. Im Unterschied zur traditionellen Gentechnik werden keine artfremden Gene (Transgenese) "eingepflanzt". Über Crispr ausgeführte Veränderungen wären auch über herkömmliche Züchtung zu erzielen, nur wäre das viel aufwändiger und langsamer. Gibt es also für den regulierenden Eingriff der Richter tatsächlich keine wissenschaftliche Rechtfertigung?

Das Urteil weise in der Tat in andere Richtung als viele Forschungseinrichtungen, darunter die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfohlen hätten, betont Leopoldina-Präsident Professor Jörg Hacker. Sicht der Forscher: "Nicht das Züchtungsverfahren sollte für den Gesetzgeber ausschlaggebend sein, sondern das Produkt." Dass durch "Genome Editing" gewonnene Pflanzen, die ebenso durch konventionelle Methoden hätten gezüchtet werden können, durchs Urteil nun nicht unter denselben Bedingungen in Verkehr gebracht werden dürfen, sondern wie gentechnisch veränderte Organismen behandelt werden müssen, hält Hacker für "folgenreich".

Der Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung im sachsen-anhaltischen Gatersleben, Professor Andreas Graner, pflichtet bei. In der Wirtschaft werde es nun schwierig, "neue Produkte zu entwickeln". Und auch die Wissenschaft sieht Graner als "direkt betroffen". Neue Investments würden verhindert. Auch der Staat gebe so weniger Geld in den Bereich. "Ein bedeutender Teil unserer Finanzierung stammt aus Förderung konkreter Projekte", mahnt Graner. Da gehe es zum Beispiel um Schädlingsresistenz, etwa das Verbessern der Widerstandskraft von Getreide gegen Pilzerkrankungen. "Solche Forschung findet dann eben eher im Ausland statt."

Problematisch sei die Einstufung der modernen Mutagenese-Mechanismen als Gentechnik, weil Gentechnik selbst nach wie vor als "Risikotechnologie" gesehen werde, obwohl sie das eigentlich nicht mehr per se sei, urteilt Graner. Zwar übertrage man mit herkömmlicher Gentechnik Eigenschaften, die auf natürlichem Weg nicht entstünden. "Es gibt aber auch da Experimente, deren Effekte über Kreuzzüchtung genauso zu erzielen wären." Als Beispiel nennt er eine Kulturkartoffel, der man ein gewünschtes Gen aus einer Wildkartoffel einsetzt, also ihrer nächsten Verwandten. "Geht auch über Züchtung, gentechnisch klappt es nur viel schneller", vergleicht Graner.

Bei der Gen-Schere Crispr/Cas9 nehme man Veränderungen "noch viel subtiler vor" - eben über Mutationen, wie sie auf natürlichem Weg ja auch entstünden, und das tausendfach. "Der Großteil natürlicher Mutationen hat keine Auswirkungen. Einige Folgen sind negativ. Ein sehr kleiner Teil an natürlichen Mutationen hat positive Effekte. Genau die treiben die Evolution an, die Entwicklung neuer Arten", erklärt Graner.

Seit den 60er-Jahren versuche man mit Bestrahlung oder mutationsfördernden Chemikalien, solche Mutationen mit Positiv-Effekt künstlich herbeizuführen. "Das sind etablierte Verfahren." Ihre Ergebnisse zählen zu exakt jenen Ausnahmen von der Kennzeichnungs- und Zulassungspflicht, die der EuGH erneut bestätigt hat. "Die Gen-Schere aber macht ja nichts anderes. Und das sogar noch viel zielgerichteter. Das ist es eben kein Schuss mit der Schrotladung mehr, sondern ein präziser Eingriff", sagt Graner. Insofern sei die aktuelle Klärung der Mutagenese-Frage zumindest inkonsequent. Im Grunde hält Graner aber den gesamten Bereich der Gentechnik-Gesetzgebung für überarbeitungsbedürftig. "Ich frage mich: Wie lange muss die grüne Gentechnik etabliert sein, bis die Erkenntnis reift, dass sie keine Risikotechnologie mehr ist." (mit dpa)

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