Wie Raketen begrüßen auch gute Vorsätze jedes Jahr aufs Neue.
Wie Raketen begrüßen auch gute Vorsätze jedes Jahr aufs Neue. Bild: Roland Weihrauch/dpa
Kultur
Unser Leben: Nietzsche und die Vorsätze

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"Ab nächstem Jahr ist Schluss mit…", "Ab sofort fang' ich an mit..." - gute Vorsätze gehören zu Silvester zum guten Ton. Doch viele scheitern schon in den ersten Wochen. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Alltagskultur.

Eigentlich war Friedrich Nietzsche bekannt für seine gnadenlose Kritik der bürgerlichen Sitten und Gebräuche. Doch dem Pläneschmieden und den guten Vorsätzen, etwa zum neuen Jahr, konnte er durchaus etwas abgewinnen. Sie brächten, so sein Argument, "viele gute Empfindungen mit sich". Und tatsächlich werden sie ja von einer gewissen Euphorie getragen, das Gefühl vom "Jetzt pack' ich das" hat etwas von einem Neuanfang. Und dem wohnt bekanntlich, wie Hermann Hesse es so schön formulierte, "ein Zauber inne".

 

In Anbetracht solcher Empfindungen ist es nachvollziehbar, dass wir uns immer wieder vom Schwung der guten Vorsätze ergreifen lassen, und der Jahreswechsel mit seiner Zäsur bietet sich da in besonderem Maße an. Doch Umfragen zeigen, dass sie in mindestens drei von vier Fällen unerfüllt bleiben.

Besonders oft scheitert der Plan, mit dem Rauchen aufzuhören, und das liegt natürlich daran, dass man dabei eine Sucht überwinden muss. Aber auch andere Pläne scheitern oft, wie etwa die Absicht, sich mehr um die Familie zu kümmern und sich nicht mehr so oft zu ärgern oder weniger zu essen und sich mehr zu bewegen.

Willenskraft allein reicht nicht

Die US-amerikanische Psychologin Wendy Wood erklärt dieses Scheitern damit, dass wir beim Umsetzen von Vorsätzen auf unsere Willenskraft vertrauen. Nach dem Muster: Man kann alles schaffen, wenn man es nur genug will. Das Problem ist jedoch, dass wir es dabei mit einem mächtigen, oft übermächtigen Gegner zu tun bekommt: nämlich unseren Gewohnheiten.

Letztere haben ihre Heimat in den tiefen Hirnregionen, insbesondere den Basalganglien, während der Wille weiter oben angesiedelt ist, in Stirnhirn und Hippocampus. Aus kognitiver Sicht bedeutet das: Gewohnheiten laufen mehr oder weniger automatisch ab, wir müssen nicht dabei nachdenken, und das spart Energie. Im Unterschied zu den willentlich-bewussten Aktionen weiter oben im Gehirn, die relativ viel Energie beanspruchen.

Weil wir aber, wie praktisch alle Lebewesen, von der Evolution darauf geeicht sind, möglichst wenig Energien zu verbrauchen, werden im Gehirn jedes Mal, wenn uns das gelingt, Glückshormone wie Serotonin und Endorphine ausgeschüttet. Wir werden also mit guter Stimmung belohnt, wenn wir die Energiespartaste der Gewohnheiten drücken.

Sobald wir jedoch den energie-aufwendigen Willen anwerfen, sorgt das zunächst nur für Unruhe. Glückshormone werden hier - wenn überhaupt - erst dann ausgeschüttet, wenn wir erkennen, dass unser Wille einen Effekt erzielt hat. "Es kann am Ende glücklich machen, wenn man sieht, etwas geschafft zu haben", erläutert Wood. "Aber das passiert eben erst am Ende." Am Anfang jedoch ginge es darum, die Gewohnheiten und das mit ihnen verbundene Glücksempfinden hinter sich zu lassen.

Annehmlichkeiten einbauen

Doch wie kann dieses Unterfangen, was sich ja gegen unser elementares Streben nach Glück oder wenigstens Zufriedenheit richtet, gelingen? Die Antwort: Wir müssen das neue Verhalten so angenehm wie möglich machen, sodass es die mit den Gewohnheiten einhergehenden Wohlfühlemotionen überdeckt. Wer also mit dem Joggen beginnen will, sollte es mit Annehmlichkeiten verbinden, wie etwa, dass er sich mit guten Freunden zum Laufen trifft.

Und umgekehrt sollten Unannehmlichkeiten und Widerstände bei der neuen Tätigkeit so weit wie möglich ausgeschaltet werden. So zeigte eine Studie, dass Menschen, deren Fitnesscenter sechs Kilometer von zu Hause entfernt war, es fünfmal pro Monat besuchten; diejenigen hingegen, die acht Kilometer dafür zurücklegen mussten, schafften es nur einmal pro Monat.

Wood selbst brachte es zur frühmorgendlichen Joggerin, indem sie sich am Abend vor der geplanten Trainingseinheit mit Sportklamotten ins Bett legte. Auf diese Weise konnte sie am Morgen direkt aus dem Bett raus auf die Piste, ohne sich vorher umständlich dafür umziehen zu müssen. Das empfand sie persönlich als angenehm. Wem freilich so etwas peinlich ist, der sollte es nicht so handhaben, denn dann hätte die Situation ja wieder etwas Unangenehmes für ihn.

Zum Vermeiden von Unannehmlichkeiten gehört aber auch, dass man die Anzahl der Vorsätze überschaubar hält. Wer sich nur vornimmt, regelmäßig Sport zu treiben, wird das eher schaffen, als jemand, der darüber hinaus noch abspecken und mit dem Rauchen aufhören will.

Dass man sich selbst komplett als Mensch neu erschafft, sollte man der Literatur überlassen, wie etwa der Geschichte von der Wandlung vom Saulus zum Paulus. Die Realität hingegen sieht so aus, dass wir größere Chancen haben, wenn wir nur an einem Rädchen in unserem Verhalten drehen, und nicht gleich am ganz großen Rad. 

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