Langusten und Ameisen mit Abstand und Hygiene

Wenn das nicht an Corona erinnert: Um Krankheiten aus dem Weg zu gehen, setzen auch viele Tiere längst auf Tests, Hygiene und "Social Distancing".

Wie wir Menschen mit dem Coronavirus umgehen, erinnert an Erfolgsrezepte, die sich im Tierreich längst bewährt haben. Um Ansteckungen zu vermeiden und Krankheiten aus dem Weg zu gehen, setzen Insekten, Langusten, Affen und andere Tiere auf Tests, Hygiene sowie Abstandhalten. "Um einen Kontakt mit Parasiten und Pathogenen zu vermeiden, haben die Wirte eine ganze Reihe von Maßnahmen entwickelt", bilanzieren David W. Thieltges und Robert Poulin von der Universität in Otago ihre gemeinsame Studie.

"Diese ersten Schutzmaßnahmen gegen Parasiten und Pathogene sind hauptsächlich verhaltensbezogen." Sollte diese Abwehrstrategie allerdings versagen, so stehe den potenziellen Wirten noch eine "zweite Chance" zur Verfügung, meinen die neuseeländischen Zoologen: "Diese zweite Verteidigungslinie besteht aus Maßnahmen nach einem erfolgten Kontakt und ist verhaltenstechnischer, physiologischer und/oder immunologischer Natur." Mit anderen Worten: Tiere setzen, wie wir Menschen auch, zuerst einmal auf Verhaltensänderungen. Viele Studien zeigen, wie wichtig den einzelnen Arten dabei das Abstandbewahren ist, um Krankheitserreger gar nicht erst an sich herankommen zu lassen.

Wie verbreitet das Abstandhalten beispielsweise unter Langusten ist, hat Donald C. Behringer von der Old-Dominion-Universität in Norfolk, Virginia, mit seinem Team herausgefunden. Lässt man gesunden, jungen Karibik-Langusten (Panulirus argus) die Wahl, allein oder mit anderen Artgenossen zusammenzuleben, so wählt etwa die Hälfte das Zusammenleben aus. Ganz anders verhalten sich die erkrankten Krebse. "Durch unsere Unterwasserbeobachtungen fanden wir heraus", erläutert Behringer, "dass infizierte Langusten ihre Behausung nur sehr selten mit anderen Artgenossen teilten, weniger als sieben Prozent der Tiere taten dies, wohingegen 93 Prozent allein lebten." Die Biologen haben auch ermitteln können, warum dies so ist. "Langusten, die mit dem Panulirus-Argus-Virus-1 (PaV1) infiziert sind, entwickeln nach sechs Wochen Krankheitssymptome und verbreiten die Krankheit ihrerseits nach acht Wochen weiter", so Behringer. "Die meisten der gesunden Langusten mieden die infizierten Langusten ab der vierten Woche nach deren Infektion, und die restlichen taten dies in der sechsten bis achten Woche." Behringer und seine Kollegen gehen davon aus, dass dieses Meidungsverhalten die Ausbreitung der Krankheit in der freien Wildbahn wahrscheinlich wirkungsvoll verhindert.

Die Frage, die sich dabei allerdings stellt, ist: Wie bemerken die Tiere überhaupt, dass ihre Artgenossen infiziert sind? Die Antwort ist so verblüffend wie einfach: Mit Tests. Tiere testen andere Tiere auf Krankheiten hin genau so wie wir Menschen dies tun. Dazu stehen ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Zum einen sind dies optische Tests. Vielen kranken Tieren sieht man schon an, dass sie nicht gesund sind. Fische verlieren oftmals ihre Farbe oder klemmen die Flossen an. Viele Species fahren ihre Aktivitäten herunter und sehen müde, antriebslos und abgeschlagen aus. Einige isolieren sich auch selbst und nehmen Abstand von der Gruppe. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten, Erkrankungen feststellen zu können. Manche Tiere sondern bestimmte chemische Stoffe ab, die ihre Artgenossen wahrnehmen können. Einige Species können Duftstoffe noch in erstaunlich geringer Konzentration registrieren. Der Seidenspinnerschmetterling etwa kann ein einzelnes Duftmolekül riechen, trainierte Hunde manche Krebsarten sogar beim Menschen erschnüffeln.

Neben derartigen Tests und dem Abstandhalten spielen aber auch Hygienemaßnahmen im Tierreich eine große Rolle. Von sozialen Insekten wie Ameisen und Honigbienen ist bekannt, dass sie ihr Nest regelrecht desinfizieren und so Pathogene unschädlich machen. Auch Artgenossen, die Krankheitserregern ausgesetzt waren, werden nach Möglichkeit von diesen befreit und geputzt beziehungsweise gepflegt. Wie bei uns Menschen achten auch bei den Ameisen die Helfer darauf, nicht selbst zu erkranken und passen ihre Putz- beziehungsweise Pflegemaßnahmen dementsprechend an, hat eine Forschergruppe um Sylvia Cremer vom Institute of Science and Technology Austria im österreichischen Klosterneuburg herausgefunden. Die Forscher infizierten dazu Gartenameisen mit parasitären Pilzsporen und beobachteten, wie deren Nestmitglieder darauf reagierten. Dabei zeigte sich, dass die Helferameisen ihren Patienten entweder im engen Körperkontakt die Pilzsporen mit den Mundwerkzeugen entfernten oder aber aus der Distanz Ameisensäure auf die Patientenameisen sprühten. Welche der beiden Methoden sie anwendeten, war abhängig davon, ob sie selber durch eine vorherige Immunisierung geschützt waren oder nicht. "Der enge Körperkontakt bedeutet für die Helferameise, dass sie einer größeren Menge Pilzsporen ausgesetzt ist", bilanziert Cremer die Forschungsergebnisse, "aber aufgrund einer vorherigen Stimulation der Immunabwehr ist sie dafür wenig anfällig."

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.