Schüler kämpfen gegen Zwangsumzug nach Chemnitz

16 sollten es mindestens sein - das sieht das Gesetz ab August vor. Weil sie drei zu wenig sind, soll die Klasse der Industriekaufleute aus Freiberg aufgelöst werden. Jetzt proben sie den Widerstand.

Freiberg.

Es brodelt seit Wochen in der Klasse von Cheyenne Fiedler und Anja Hengst. Die künftigen Industriekaufleute haben 2017 ihre Ausbildung in Freiberg begonnen. IDK17 heißt ihre Klasse. Am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) "Julius Weisbach" in Freiberg lernen die jungen Frauen und Männer an zwei Tagen in der Woche die Grundlagen der Buchführung und Bilanzen. Doch das ist es nicht, was die Schüler wütend macht.

Genau 13 sind sie in der IDK 17. Das sind drei zu wenig. Deshalb soll die Klasse im kommenden Schuljahr nach Chemnitz umziehen. Mindestens 16 Schüler müssen Berufsschulklassen ab August haben, so will es das sächsische Schulgesetz. Auch bestehende Klassen können nachträglich aufgelöst werden. Wie die IDK 17. Die ist vor einem Jahr mit 17 Schülern gestartet, vier haben in der Probezeit aufgehört.

Das Gesetz sieht Ausnahmen vor: bei überregionaler Bedeutung der Schule etwa, aus besonderen pädagogischen oder regionalplanerischen Gründen. Das lässt Spielraum. Für die Schüler hängt viel ab von diesen nüchternen Paragrafenzeilen. Sie wollen nicht umziehen, und proben den Widerstand.

Cheyenne Fiedler jedenfalls ist in Kampflaune. Zusammen mit Anja Hengst ist die resolute 21-Jährige unversehens an die Spitze des Protests gerückt. Sie haben Briefe verschickt: an Mittelsachsens Landrat Matthias Damm, Kultusminister Christian Piwarz, die Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann. Im Internet haben sie eine Petition gestartet. Knapp 500 Unterstützer haben bisher unterzeichnet. Ihre Mitschüler am BSZ hat Cheyenne Fiedler zum Unterschreiben aufgefordert, über die Lautsprecheranlage, sagt sie, und wirkt überrascht von sich selbst.

Die Freiberger Auszubildenden wollen ihre Zeit und ihr Geld nicht mit Pendeln nach Chemnitz vergeuden. 560 Euro netto erhält Anja Hengst im Monat. "Danach hab ich mein Leben ausgerichtet." Fahrtkosten passen nicht ins knappe Budget. Aber wichtiger noch als der Weg ist den jungen Leuten etwas anderes.

Nur 13 Leute in der Klasse - das hat auch Vorteile, sagen die beiden. Der Kontakt zu den Lehrern ist eng. Und so steht Klassenlehrerin Claudia Kaltofen ihren Schülern ganz selbstverständlich zur Seite - auch, wenn sie sich damit gegen die Pläne der Schulaufsichtsbehörde stellt.

Sie müsste mit den Schülern nach Chemnitz wechseln, sagt Kaltofen. Doch das sei nicht das Problem. Es sind auch Jahre eigenen Engagements, die der Wegzug der Industriekaufleute infrage stellen würde. In den vergangenen Jahren haben Claudia Kaltofen und ihre Kollegen ein Netz aus rund 50 Ausbildungsbetrieben im Landkreis aufgebaut. Und das ist eng: Wenn ein Schüler nicht zum Unterricht erscheint oder plötzlich schlechter wird, ruft Lehrerin Kaltofen im Betrieb an. Regelmäßig lädt sie die Ausbilder in die Schule ein. Die kommen gern, bestätigt Madlen Vogt. Sie ist verantwortlich für die Auszubildenden beim Innenausbauer Baierl und Demmelhuber, wo auch Cheyenne Fiedler lernt. Dass das Verhältnis mit den Lehrern so innig bleibt, wenn der Nachwuchs in Chemnitz lernt, kann sich Vogt nicht vorstellen. "Die Klassen sind dort viel größer." Auf drei bestehende Klassen würden Cheyenne Fiedler und ihre Mitschüler aufgeteilt. Je etwa 28 wären sie dann. In ihrer Petition finden sie drastische Worte: Das gleiche eher Massentierhaltung.

Noch überwiegt der Kampfgeist. Beeindruckt der Protest die entscheidenden Behörden? Der Freistaat müsse die begrenzten Mittel möglichst wirtschaftlich einsetzen, begründet Manja Kelch, Sprecherin des Kultusministeriums, das Beharren auf der Zahl 16. Im Fall aus Freiberg liege alles im Rahmen des Zumutbaren. Effizienz sei aber nicht das einzige Kriterium. Vor der Entscheidung würden die Argumente aller Beteiligten gehört. Dazu zählt der Landkreis als Schulträger. Der sei entschieden gegen die geplante Verlegung der Fachklasse, so Sprecher André Kaiser. Die Ausbildung der Industriekaufleute solle stattdessen in Freiberg etabliert werden, denn für die Fachkräftesicherung in der Region sei sie enorm wichtig.

"Das ist das falsche Signal für den ländlichen Raum", sagt auch Lehrerin Kaltofen. Die Betriebe fänden ohnehin schwer Nachwuchs. Das Kultusministerium will von einer Schwächung nichts wissen. Wenn genügend zusammenkämen, könnte 2018 eine neue Klasse Industriekaufleute in Freiberg starten. Cheyenne Fiedler und Anja Hengst sind skeptisch. Ein Anreiz für Bewerber sei die fehlende Sicherheit nicht.

Natürlich müsse man die Schülerzahlen im Blick behalten, betont Claudia Kaltofen. "Aber Qualität in der Bildung sollte nicht von drei Leuten mehr oder weniger abhängen." Ob die IDK 17 in Freiberg bleiben darf, entscheidet das Ministerium Ende Juni.

Die Petition der IDK 17 

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1Kommentare
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  • 3
    2
    Juri
    30.05.2018

    Ja so sind sie nun mal die Damen und Herren, die Tag für Tag "ihren" Dienst leisten.
    Immer treu und tadellos an der Vorschrift. Denn schaute man (Frau) nach links oder auch mal nach rechts, dann könnte es anstrengend werden.
    "Was soll die Aufregung? Hier steht es doch. Dreizehn Auszubildende sind es noch und 17 müssen es sein. Ich hab das doch so nicht festgelegt"!
    Und schließlich müssen die jungen Leute beizeiten lernen: Es gibt kein grau, es gibt nur schwarz oder weiß. Pasta!
    Leider wird hier wie so oft übersehen, es geht bei einer "Lehre" nicht nur um Fakten und Zahlen, sondern auch ums Leben. Ums Leben, mit seinen zahlreichen Möglichkeiten. Es geht um Kameradschaft, um Verständnis und um vernünftige Lösungen.
    Nun gut, wir dürfen ja noch hoffen, dass einer/eine der um Hilfe gebeten wurde, doch noch zur helfenden Erhellung findet. Damit würden die betroffenen Jugendlichen so ganz nebenbei noch fürs Leben lernen.
    Sie würden lernen: Es gibt sie immer, die zweite, die vernünftige Möglichkeit.



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