Maßgeschneidertes in Mundart

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Monika Tietze aus Crottendorf. Mit ihren Gedichten und Kurzgeschichten sorgt sie regelmäßig für heitere Kost.

Crottendorf.

"Ihr Kinner nammt de Nosen wag un gieht net suweit na" - angesichts des von Abstandsregeln bedingten Alltags gewinnt diese aus einem Eisenbahnlied stammende Textzeile für Mundartautorin Monika Tietze an symbolischer Aktualität. In einer Phase, in der die um den heimatlichen Zungenschlag bemühte Crottendorferin schmunzelnd einen Zusammenhang von Mundart, Mundschutz und Mundartschutz herstellt, hat sie ihr jüngstes Werk namens "De Walt is wie e Bilderbuch!" vorgelegt. Sechs Wochen lang hat die Schneidermeisterin Mund- und Nasenschutz genäht, ein Utensil, das den unbekümmerten Redefluss der Mitmenschen eher einschränkt. Dabei will die mit Nadel und Stift gleichermaßen versierte Handarbeiterin nichts mehr als Verbündete für den heimischen Dialekt und die Neugier auf ihr jüngstes Büchlein gewinnen.

Längst gilt der Meisterin ihres Faches die Anerkennung einer modeinteressierten Kundenschar. Über das Berufsleben hinaus hat sich die 61-Jährige genauso den Respekt einer um das hiesige Brauchtum besorgten Einwohnerschaft erworben. Seit Jahren zählt Monika Tietze zu den engagierten Erzgebirgern, die ihrer Heimat über das Hobby hinaus eine Stimme geben. Von einer Fachjury war ihr im Rahmen des Literaturwettbewerbs Kammweg 2014 der Preis in der Kategorie Mundart zugesprochen worden.

Rund 140 Gedichte und reichlich 50 Geschichten hat sie bislang in loser Folge veröffentlicht. "Dabei habe ich das Schreiben in Mundart erst 2010 für mich entdeckt", sagt Monika Tietze. Seinerzeit hatte sie schon manch urige Werbezeile für die Maßschneiderei veröffentlicht, auch Ortsgeschehnisse erzgebirgisch niedergeschrieben, die im Amtsblatt veröffentlicht wurden. Zu einem vom Erzgebirgsverein 2011 initiierten Treffen in Oberwiesenthal hat sie erstmals drei eigene Arbeiten in großer Runde vorgestellt. Seitdem organisiert sie gemeinsam mit anderen Autoren Stammtische, veranstaltet Mundarttreffen und hat sich im Erzgebirgsverein als Ansprechpartnerin einen Namen erarbeitet, schreibenden Hobbyautoren in Sachen Grammatik und Rechtschreibung zur Seite zu stehen.

Selbst mancher Berufsschreiber sucht mittlerweile den Rat der versierten Crottendorferin, soll Mundartliches zu Papier gebracht werden. "Die erzgebirgische Rechtschreibung bleibt viel diskutiert, aber es gibt gewisse Regeln und eine einheitliche Schreibweise unserer Mundart, und die liegt mir am Herzen", sagt Monika Tietze zu ihrer Lektorenarbeit, die sie als ihren Erziehungsauftrag ansieht.

Mit ihren Gedichten und Kurzgeschichten sorgt sie regelmäßig für heitere Kost, aber auch nachdenkliche Augenblicke bei der Leserschaft. Dabei ist die Handschrift der reimenden Schneidermeisterin unverkennbar. Thematische Vorlagen liefern ihr die Erzgebirger selbst, die Landschaft vorm Fenster, vor allem der heimische Garten. Monika Tietze muss nicht nach Aktion suchend in die Welt ausschweifen. Sie hat den Blick für unscheinbare und doch beschreibenswerte Ereignisse vor der Haustür. Allerdings muss Ruhe eingekehrt sein, wenn sie schöpferisch aktiv ist.

Vielmehr noch begeistert sie die Begegnung mit jungen Leuten. "Es gibt wohl nichts Schöneres, als mit Kindern Bilderbücher anzuschauen. Kein vorgegebener Text lenkt uns vom Betrachten der Bilder ab. Ein Kind sieht manches Detail, über das wir als Erwachsene hinwegsehen. Manchmal sehnt man sich nach der Einfachheit eines Bilderbuches zurück", erklärt Monika Tietze ihre Gefühlswelt mit Blick auf die heutigen Textfluten. "Glückliche Kinderzeit liegt lange zurück. Doch was hindert uns daran, wieder genauer und in Ruhe hinzusehen? Und bekanntlich heißt es ja: Denn wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus. Wie sollte ich das, was mein Herz erfüllt, besser zum Aus- druck bringen als in meiner erzgebirgischen Muttersprache? So sind die jüngsten Gedichte und Geschichten entstanden", erklärt die Autorin.

Für sie steht 2020 eine weitere Premiere an. "Ich habe ein erzgebirgisches Krippenspiel geschrieben, welches dieses Jahr, wenn es denn Corona zulässt, uraufgeführt werden soll", hofft die den roten Handlungsfaden geschickt führende Schneiderin auf das Gelingen. In siebter Generation die mehr als 200 Jahre existierende Werkstatt der Maßschneider fortführend, wusste die Familie manch Bewährungsprobe zu meistern. So wird auch Corona den heimischen Zungenschlag nicht zum Verstummen bringen.


Leseprobe

E Christros

Alles is ringsüm gefrorn,

hart de Ard, kaa Blümel blüht,

kahle Baam, wuhie mor sieht.

In dor Walt is Winter wordn.

Mitten in wing Schnee un Eis

grode wie vun Himmel runner,

grode wie e Weihnachtswunner,

blüht e Christros, zart un weiß.

Un se schimmert un se lecht,

als wärn gelbe Sonnestrahln

in de Mitt zamm neigefalln

un macht hall de finstern Nächt.

Zeigt in setten Widrigkeiten

(aagntlich müsst se ja dorfriern) :

Ihr sollt net ne Mut verliern!

Gott trägt aah durch raue Zeiten!


Machen Sie sich einen Reim auf Orte ... und einen Kopf um Worte

Diese Neuauflage der Suche nach dem erzgebirgischen Wort, gemeinsam organisiert von "Freie Presse" und Erzgebirgsverein, hat es in sich: Dieses Mal geht es nicht allein um einfache Worte, sondern auch um Reime und einen Song.

Wie immer gesucht: Ihr Lieblingswort in erzgebirgischer Mundart, diesmal zum Thema Hobby & Freizeit. Zudem gesucht: Strophen für einen neuen Erzgebirgssong. Es könnte das Lied des Jahres werden - wenn Sie, Ihrer Reim-Ader kräftig Zucker geben: für eine Hommage auf Ihren Wohn- oder Lieblingsort im Erzgebirge. Mundart-Musiker Hendrik Seibt hat bereits die Melodie komponiert und einen Beispiel-Reim gemacht - natürlich auf seinen Heimatort Gelenau:

Zwischen Annabarch un Chams, do liecht a Ort mit Sonnenglanz!

Dieser Ort is werklich schie,

ne klare Dorfbooch, Walder grie!

Dieser Ort ist ellenlang,

de Gälner zieh nan änem Strang!

Uhm fällst de hie, es Bäh kaputt, in Niedergäln bist Du schu tud!

Nun ist es an Ihnen! Bringen Sie Ihren Wohn- oder Lieblingsort humorvoll in ebenso lange acht sich reimenden Zeilenin erzgebirgischer Mundart auf den Punkt. Eine Jury wird die schönsten auswählen.

Ihren Achtzeiler, gern auch in einem Video vorgetragen, senden Sie an: Freie Presse, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder per E-Mail an:

red.annaberg@freiepresse.de

 

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