Mein Sohn weiß, was er im Leben will. Nach drei Jahren Schule hat er sich ein umfassendes Bild gemacht davon, dass man Ziele braucht im Leben. Jetzt in den Ferien wird ihm bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Nie dürfe er tun, was er will. Selbst die Farbe, mit der er im Deutschunterricht den Satzbaustein „Subjekt“ unterstreicht, haben andere festgelegt.

Eines Tages wird er sich ein großes Auto kaufen. Einen Gelenkbus mit goldenem Kühlergrill und Safari-Lackierung. Mit dem Bus wird er ab und zu seinen Bauernhof verlassen, auf dem er zusammen mit seinen hundert Pferden und dem Hunderudel lebt. Meistens wird er bei diesen Ausflügen seine Kumpels im Bus sitzen haben, um mit ihnen sämtliche Vergnügungsparks auf diesem Planeten abzugrasen. Er möchte zuerst nach Paris ins Disneyland und dort mit Darth Vader und Spider-Man einen draufmachen.

„Es ist weit bis Paris“, sagte ich.
„Na und? Ich habe Zeit“, sagt er.

Pferdeställe ausmisten und Hunde verpflegen, das übernehmen seine Angestellten. Er kann ja nicht alles alleine machen. Er sorgt dafür, dass er und seine Tiere Spaß haben. Sein Geld wird er nebenbei verdienen, indem er Kinderferiencamps anbietet. Am besten für fünfhundert Kinder gleichzeitig jede Woche, damit seine Kasse klingelt.

„Wo sollen die denn schlafen?“ frage ich.
„Kinder wollen nicht schlafen“, sagt mein Sohn. Nur ihre Eltern übten dermaßen Druck aus, dass sie nachgeben und die Nächte im Schlafmodus verbringen. Das lasse sich an seinem Beispiel gut verdeutlichen. Eigentlich schlafe er nie. Nur um mir einen Gefallen zu tun, schließe er abends die Augen. Das habe er sich über die Jahre antrainiert. Statt mit Schlaf will er seine Feriengäste mit Popcorn und Cola versorgen. Damit könnte er sich dann auch die Werbung für sein Camp sparen. Wie die Lemminge kämen die Gäste in den Ferien zu ihm gelaufen.

Das ist das Leben, auf das mein neunjähriger Sohn hinarbeitet. Gelegentlich zieht er sich in sein Zimmer zurück, um Geld zu zählen. Sein Existenzgründer-Bonus klemmt in einem blauen Portmonee, das er an einem geheimen Ort aufbewahrt.

„Mama, wie viele Millionen habt ihr eigentlich?“ fragt er. Das ist der Moment, in dem ich ihm erkläre, dass viel arbeiten nicht immer viel Geld bedeutet. Ein Skandal, findet mein Sohn. Schlimm. Traurig.

„Mama, wir gehen morgen ins Kino. Gibst du mir Geld für Popcorn?“ Es wird ihm ein gutes Gefühl geben, das Popcorn selbst zu bezahlen. Immerhin hat er gerade einen Zehner für sein Zeugnis bekommen. Und ich bin kein Millionär.

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