Zu meiner Kolumne "Schlecht - was tun?" auf der aktuellen Seite "Leserforum" gab es heute zwischen zehn und zwölf insgesamt elf Reaktionen von Lesern. Bis auf einen Kommentar, der da lautete: "Und wovon träumen Sie nachts?", waren allen Äußerungen so formuliert, dass die Leute mich in meiner Haltungen bestärken wollen, auch wenn beispielsweise der erste Anrufer dies zwar beabsichtigt haben dürfte, sein Hinweis aber eher kritisch und sein Tonfall nicht unbedingt nur freundlich war. Denn er meinte:

"Dass man den Leuten sagen sollte, was man von dem hält, was sie da gerade tun, finde ich richtig, aber können Sie mir mal erklären, wie ich dem Piloten eines Urlaubsfliegers mitteilen kann, wie doof ich das finde, dass er die Touristen in einen Billigurlaub schickt, während sein Flugzeug mehrere Tonnen von Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, und zwar dort, wo es von der Natur nicht einfach so mal eben schnell abgebaut werden kann?"

Ein anderer Leser meinte: "Mit der Kolumne haben Sie mir aus der Seele gesprochen, denn die Menschen sollten einfach mehr Courage zeigen und ihren Zeitgenossen öfter mal ihre Meinung sagen", formulierte er sein Lob für mich, doch er schränkte es gleich sofort wieder ein, weil er noch hinzufügte: "In diesem Zusammenhang und das gleiche Problem betreffend, steht in Ihrer Zeitung heute allerdings noch ein Artikel, der das Dilemma, unter dem wir alle zu leiden haben, noch viel besser auf den Punkt bringt und in diesem Sinne den Finger noch viel tiefer in die Wunde legt." An dieser Stelle machte er eine Kunstpause, also tat ich ihm den Gefallen und fragte: "Von welchen Bericht sprechen Sie?" Er verwies mich auf die Titelseite und zitierte die Überschrift und die Unterzeile: "Dumme leben länger - Weshalb Intelligenz schaden kann".

Diese Meinung konnte ich weniger gut nachvollziehen: "Solange die Mütter ihre Kinder möglichst früh in eine Betreuungseinrichtung geben, können sie außerhalb dieser Zeiten ruhig mit dem Smartphone in der Hand durch die Gegend laufen, während das Kleine mit einem Schnuller im Mund zufrieden ist", meinte eine Anruferin und fügte hinzu: "Denn unsere Kindergärten sind so gut, dass die Erzieherinnen schon darauf achten, den Kleinen ordentlich das Sprechen beizubringen." Meine Frage, warum sie davon ausgehen würde, dass die meisten Mütter ihre Kinder lieber zur Betreuung weggeben, als sich zu Hause selbst die meiste Zeit über um die Erziehung zu kümmern, beantwortete sie so: "Wer draußen mit dem Handy rumläuft, sitzt doch tagsüber in der Wohnung auch am liebsten vor der Glotze und lässt sich in Ruhe und ohne Kindergeschrei und Genörgel berieseln." Diskutiert habe ich mit der Leserin dann lieber nicht.

Eine andere (entsetzte) Großmutter schilderte mir diese Szene: "Ich stand an einer Straßenbahnhaltestelle, als ich die Frau sah, die mit ihrem Buggy, in dem ein vielleicht dreijähriger Junge saß, gleichfalls wartete und dabei auf ihrem Handy rumtippte", sagte sie, machte eine kurze Pause und erzählte weiter: "Dann kam die Bahn, das Kind zeigte mit ausgestrecktem Arm darauf und rief etwas, was ich nicht verstanden habe, aber der Junge war offenbar ziemlich aufgeregt." Wieder eine kurze Sprechpause, dann diese Frage: "Glauben Sie, dass das die Mutter gekümmert hat? Dass Sie den Jungen beruhigt oder ihm etwas erklärt hat? Nein, sie hat weiter auf das Handy geschaut und getippt."

Und dann hatte ich noch eine Urgroßmutter in der Leitung: "Als meine Enkel klein waren, habe ich ihnen immer, wenn sie mich besucht haben, ein Bilderbuch geschenkt. Und das mache ich heute nicht anders, wenn meine drei Urenkel mal da sind, was selten genug der Fall ist", sagte die Frau und erklärte mir ihr eigentliche Problem dann mit diesem Satz: "Und Sie können sich das nicht vorstellen, denn jedes Mal gucken mich die Mütter mit diesem Blick an, der mich fragen soll: Was ist das denn?" Ihr Entsetzen spürte ich noch viel deutlicher, als sie mir dann noch berichtete, dass der eine fünfjährige Urenkel bereits einen eigenen Tablet-Computer besitzt und sich damit "ganz wunderbar beschäftigen kann", habe die Mutter ihr erzählt.

 

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