Die letzte Unterrichtsstunde im Fach Mathematik hatte ich im Juli 1978; das ist also fast 40 Jahre her, und ich bekenne, ohne auch nur ein Sekunde lang zu zögern, dass von den gesamten mathematischen Wissen, dass ich in den zwölf Schuljahren zuvor gelernt hatte, so gut wie gar nichts bis heute in meinen Gehirnwindungen hängengeblieben ist. Eigentlich sind es neben den Grundrechenarten (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division) nur noch die Prozent- und die Bruchrechnung; also ausnahmslos das, was man im täglichen Leben braucht, ohne auf einen Taschenrechner oder andere computergestützte Alternativen zurückgreifen zu müssen. Deshalb hatte ich heute Morgen um kurz nach sechs, als ich die Zeitung aus dem Briefkasten holte, ein echtes Erfolgserlebnis, womit ich in diesem Augenblick tatsächlich nicht gerechnet hatte: Als ich die Bildgrafik auf der Titelseite betrachtete und die Zeichnung auf dem Millimeterpapier sah, kam es mir vor wie eine kleine Erleuchtung: Den Satz des Pythagoras hätte ich nämlich erstens abrufen und zweitens genau so erklären können: In einem rechtwinkligen Dreieck ist der Flächeninhalt der Quadraten über den beiden Katheten gleich dem Flächeninhalt über der Hypotenuse. (Ich bitte um Nachsicht, aber die Formel kann ich leider nicht schreiben, weil das Textverarbeitungssystem, das ich für das Schreiben meiner Blogeinträge nutze, leider nicht die Option beinhaltet, eine Zwei nach einem Buchstaben hochzustellen.) Ob ich die Ausnahme bin mit diesem rudimentären mathematischen Wissen im Vorrentenalter, weiß ich nicht, aber ich habe, weil ich mich zumindest an diesen Namen erinnern kann, ein paar Kollegen gefragt, ob sie mir die erste binomische Formel nennen können; niemand war dazu in der Lage. Und? Wer denkt jetzt gerade darüber nach und schämt sich auch ein kleines bisschen und widerseht nicht der Versuchung, die Suchmaschine zu aktivieren?

Also setzte ich mich mit einem wirklich guten Gefühl drei Stunden später an meinen Büroschreitisch und erwartete gut gelaunt die ersten Anrufe von Lesern zur aktuellen Ausgabe der "Freien Presse". Was dann aber geschah, habe ich dieser Heftigkeit noch nicht oft erlebt. Innerhalb einer Stunde meldeten sich elf Leser bei mir und schimpften auf eine Weise, die darauf schließen ließ, dass es sich um echten Ärger handeln musste und nicht nur um dieses Gefühl, das Anrufer häufig haben, wenn sie meinen: Ich habe da einen Fehler in der Zeitung entdeckt. Nein, diese elf Leute waren tatsächlich richtig sauer und scheuten sich auch nicht, so etwas wie Schadenfreude zum Ausdruck zu bringen. Denn die Überschrift der Fotonachricht lautet "Immer größere Lücken bei Schülern in Mathe", was dann die Anrufer dazu anregte, den Finger noch tiefer in die Wunde zu legen. "Die Lücken in Mathe gibt es wohl nicht nur bei Schülern", meinte eine Frau in der Leitung, während ein Leser davon ausgeht: ". Die Schwäche im Fach Mathematik hat es demnach bis in Ihre Grafikabteilung geschafft." 

Nun habe ich mir diese Frage seit heute Vormittag unentwegt gestellt: Müssen wir uns wirklich so schlecht fühlen, weil wir hier einen Fehler gemacht haben? Kann man wirklich davon ausgehen, dass er einem, wie ein Anrufer meinte, geradezu ins Auge springt? Ich habe leider keine Antwort, weshalb dieser Blogeintrag ausnahmsweise mal ohne Auflösung bleibt, denn jeder selbst sollte sich jetzt die Frage stellen: Was ist hier falsch? Für jedes persönliche Geständnis, keine Antwort darauf zu haben, bin ich dankbar; ich erachte es als Trost für mich und meine Kollegen.

 

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