Manchmal bin ich daheim und muss dringend fort. Was erledigen. Stück Butter kaufen oder so, damit der Käse besser auf dem Abendbrot klebt. Kind 1 und Kind 2 finden Butter kaufen langweilig und spießig, wenn nicht wenigstens eine Gummibärchentüte herausspringt. Deshalb bestehen sie darauf, zu Hause zu warten. Überfallen und ausrauben kann sie keiner, denn sie öffnen ja seit der Sache mit den beigefarbenen Weltuntergangsverkündern lieber keine Tür. Mit Putzmitteln spielen sie nicht, und für exzessive Spontanpartys sind sie zu jung. Geringes Risiko also, dass ich meine Aufsichtspflicht verletze.

Jedenfalls saß ich im Auto, weil ich bis zum Bio-Laden zu lange laufen würde. Wir brauchten Milch. Die ist das Bier des kleinen Mannes. Kind 1 und Kind 2 warteten frisch gescheitelt auf dem Sofa und schauten Kindernachrichten auf dem Kinderkanal. Kleiner Scherz. Sie guckten eine Zeichentrickserie mit hässlichen Männchen. Es geht darin um zwei Stiefbrüder, die zum Beispiel Eichhörnchen in ihren Hosentaschen verstecken und eine petzende Schwester haben.

Ich parkte am Bio-Geschäft und kaufte Milch von glücklichen Kühen. Dann wollte ich heim zu den glücklichen Kindern, um ihnen den Fernseher auszuknipsen. Aber ich kam nicht aus meiner Parklücke. Jemand hatte sein Auto so abgestellt, dass ich festklemmte. Ich saß im Auto, und allmählich beschlugen die Scheiben von meiner Atmerei. In meinem Kopf lief ein Film, in dem sich Kind 1 und Kind 2 weinend im Arm liegen. Sie glaubten, ihre liebe Mutter sei in ein schwarzes Loch geplumpst. Deshalb wählte ich auf dem Handy unseren Festnetzanschluss. Kurzes Freizeichen, dann meldete sich Kind 1. Traurig klang es nicht, das Büblein. Es sagte, das Gespräch komme ungelegen, weil es Bratkartoffeln zubereite und sich konzentrieren müsse. Aufgelegt.

Kribbelnde Beine, schneller Herzschlag und Mundtrockenheit zählen zu den typischen Symptomen einer Panikattacke. Hatte ich gerade. Ich rief wieder an. Diesmal nahm Kind 2 ab. Ganz schlecht jetzt, erklärte das Mädchen. Es fahre gerade den Herd hoch. Dann war die Verbindung weg. In diesem Moment stieg ein Mann in das Auto, das mich eingesperrt hatte. Der Typ ähnelte den Trickfilm-Jungs aus unserem Fernseherprogramm. Große Nase, hohe Stirn, rotes Haar. Wahrscheinlich mussten Kind 1 und Kind 2 den Fernseher ausschalten, weil das Zeichentrick-Männchen Feierabend machte und Milch holen wollte.

Die Milch war gut und ich sauer.

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